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Lebensversicherungen
Sven Enger
Ruhe vor dem Sturm

Viele Assekuranzen sind in eine Schieflage geraten und könnten eine neue Finanzkrise auslösen

In Wochenfrist erreichen uns gegenwärtig Hiobsbotschaften, die darauf hindeuten, dass unser System der Altersvorsorge zu kollabieren droht. Aber die Aufregung darüber hält sich bislang in Grenzen. Auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag räumte die Bundesregierung im Juli 2018 ein, dass fast jede zweite gesetzliche Altersrente in Deutschland unter 800 Euro liegt. Damit mussten Ende 2016 - für 2017 lagen noch keine Zahlen vor - 48 Prozent, also rund 8,6 Millionen Rentner, auskommen; für eine Mehrheit der Rentnerinnen und Rentner, 62 Prozent, betrugen die gesetzlichen Altersbezüge weniger als 1.000 Euro.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), so eine weitere, eher versteckte Meldung in der Wirtschaftspresse, sieht die Lebensversicherer - und Kapitallebensversicherungen sind in Deutschland das am weitesten verbreitete Vorsorgeinstrument - unter schwerem Druck. Bereits ein Drittel der Unternehmen wird inzwischen von der Behörde überwacht. Durch die lang anhaltende Niedrigzinsphase ist ihr Geschäftsmodell als Kapitalsammel- und -vermehrungsstellen praktisch obsolet geworden. Schon heute bekommen Versicherungsnehmer regelmäßig weniger ausbezahlt, als ihnen bei Vertragsabschluss angekündigt wurde. Und im Falle der Insolvenz eines auch nur mittelgroßen Unternehmens droht gar der Totalverlust.

Symptom dieser Krise ist, dass sich die Versicherer aus dem Geschäft zurückziehen. So hat etwa der Branchenriese Generali jüngst angekündigt, rund zehn Millionen Lebensversicherungsverträge an eine Run-off-Gesellschaft abzugeben. Gegen einen solchen Verkauf sind die Versicherungsnehmer machtlos.

Gleichzeitig sieht die Finanzaufsicht BaFin, so berichtete etwa das "Handelsblatt" im Mai 2018, auch die betriebliche Altersvorsorge in Gefahr. Zehntausende müssten um ihre Betriebsrenten fürchten, weil einige Pensionskassen, ebenfalls wegen der anhaltend niedrigen Zinsen, ihre Zahlungen und Zusagen mindestens empfindlich würden absenken müssen.

An diesem gefährlichen Bröckeln aller Vorsorgesäulen wird auch der im Juli 2018 von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) vorgestellte "Rentenpakt" nichts ändern. Er wird auf Kosten von Beitrags- und Steuerzahlern allenfalls den Niedergang etwas verlangsamen. Wie es ab 2025 weitergeht, ist offen. Die Große Koalition hat sich bekanntlich lediglich darauf geeinigt, eine Rentenkommission einzusetzen, die bis dahin Reformvorschläge erarbeiten soll. Man hat also, wieder einmal, entschieden, später zu entscheiden. Dass das gesetzliche Rentensystem aufgrund der demographischen Entwicklung und der weiter steigenden Lebenserwartung in seiner jetzigen Umlage-Form schon mittelfristig nicht mehr tragfähig sein wird, ist als Problem aber immerhin erkannt worden.

Wenn nun aber parallel dazu auch die private Vorsorge kollabiert, wird die Situation dramatisch. Und der Kollaps, der hier droht, ist kein unvorhergesehener, plötzlicher und "unverschuldeter" Zusammenbruch einer an sich gesunden Versicherungs-Branche. Hierfür in erster Linie die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank verantwortlich zu machen, würde viel zu kurz greifen. Vor allem die Lebensversicherer steuern vielmehr seit Jahren sehenden Auges auf einen Abgrund zu. Fehlentwicklungen, wie zum Beispiel der alleinige Fokus auf den Verkauf von Lebensversicherungen und nicht der Blick auf die gesellschaftliche Verantwortung zur Verhinderung der individuellen Altersarmut werden beharrlich verschwiegen und mit teuren Marketingmaßnahmen übertüncht; ein enormer Verkaufsdruck hat die Beratungsqualität erodieren lassen; die Chancen der Digitalisierung bleiben bislang weitgehend ungenutzt; die Volatilität eines Marktes, der im Wesentlichen auf Vertrauen gründet, wird im Glauben an die eigene Kapitalstärke und "Systemrelevanz" regelmäßig missachtet. Würden die Versicherer dadurch "nur" ihre eigene Existenz sowie den Bestand von hunderttausenden Arbeitsplätzen gefährden, wäre dies bitter genug. Es könnte aber weit schlimmer kommen.

Der Kapitalbestand der Assekuranz-Unternehmen ist derart groß, dass sie den gesamten Finanzmarkt in die Krise reißen können. Natürlich wird der Staat deshalb - und um einen sozialpolitischen Super-GAU zu verhindern - im Zweifel mit Milliarden an Steuergeldern einen Kollaps abzuwenden versuchen. Tatsächlich hat der Gesetzgeber in Sorge um die Branche während der letzten Jahre bereits sehr viel getan, um ihre Zukunftsfähigkeit sicherzustellen. Schon die 2002 eingeführte Riester- und danach die Rürup-Rente waren gigantische Finanzhilfen für die private Versicherungswirtschaft, die es ihr eigentlich ermöglicht hätten, erforderliche Reformen auf den Weg zu bringen und zeitgemäße Geschäftsmodelle zu entwickeln. Aber die meisten Rettungsversuche haben den Untergang lediglich verzögert, weil sie eben nicht als Anschub für etwas Neues, sondern als Hilfe zur Weiterführung des Alten fehlverwendet wurden. Zwar gibt es bereits erste, gewissermaßen offizielle Warnungen, etwa seitens der erwähnten Finanzaufsicht, wonach die "Schieflage" der Lebensversicherer eine neue Finanzkrise auslösen könnte. Doch in der Öffentlichkeit und an den Börsen herrscht noch weitgehend Ruhe. Es dürfte die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm sein.

Dass das liebste Vorsorgeinstrument der Deutschen - statistisch hat jeder Deutsche mindestens eine Kapitallebensversicherung - vor dem Aus steht, muss man im Prinzip gar nicht bedauern, denn die Policen mit Garantiezins sind für die Kunden schon seit Jahren kein sinnvolles Sparprodukt mehr. Dabei spielen äußere Einflüsse - die anhaltende Niedrigzinsphase - eine nachgeordnete Rolle. Viel entscheidender sind die internen Kosten. So hat die Ratingagentur Assekurata im vergangenen Jahr nachgerechnet, wie es um die effektive Beitragsrendite - also Bruttoerträge abzüglich der Kosten - tatsächlich bestellt ist: Danach bleiben von den versprochenen 0,9 Prozent "Garantiezins" im Schnitt nur 0,1 Prozent übrig. Im Durchschnitt, wohlgemerkt. Für den Sparer heißt das im Klartext: Es sind noch nicht einmal die eingezahlten Beiträge garantiert. .

Um die Lage in ein Bild zu fassen: Die auf vor allem konservativen Anlageformen beruhende Anlagepolitik der Lebensversicherungsbranche ist so sicher wie ein Wald am Ende eines langen, trockenen Sommers. Ein Funke kann genügen, und es entsteht ein Flächenbrand, der große Bestände zu verbrennen droht. Da dürfte dann sowohl die freiwillige (Protektor) wie auch die staatliche Feuerwehr wohl nur noch eindämmen, aber nicht mehr löschen können. Und der Gesetzgeber hat, um im Bild zu bleiben, durch mangelhaften "Klimaschutz" mit dafür gesorgt, dass es zu dieser brenzligen Situation kommen konnte.

Altersarmut, regelmäßig kleingeredet, könnte dadurch schon bald zu einem millionenfachen Schicksal werden. Die Probleme sind seit Jahren bekannt, aber ebenso lange verschlafen, verdrängt, vernachlässigt, verleugnet worden. Lediglich die Versicherungsbranche hat sie immer mal wieder lauthals aufgegriffen, allerdings nicht, um neue intelligente Lösungen anzubieten, sondern um den Verkauf ihrer alten, wenig hilfreichen Produkte zu befördern. Die Versicherer profitieren mithin seit Jahren von der absehbaren Misere und sind Teil des Problems, als dessen Lösung sie sich ausgeben, mehr noch: Teil des Feuers, das zu löschen sie vorgeben. Ihr Gewinnstreben und ihre mangelnde Veränderungsbereitschaft haben dazu geführt, dass nun auch noch das System der privaten Vorsorge kollabiert. Schon für die nächste und übernächste Rentnergeneration werden deshalb harte Zeiten anbrechen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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