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EDITORIAL
Jörg Biallas
Pleite zog um die Welt

Was als Pleite einer mittelgroßen Investmentbank in den USA begann, endete als globale Finanzkrise. Der Kollaps von "Lehman Brothers" am 15. September 2008 hat den Banken heftige Kursverluste an den Aktien- und Anleihemärkten beschert. Plötzlich vermeldeten Geldinstitute weltweit Liquiditätsprobleme. Hätten die Regierungen vieler Nationen nicht mit einer schnellen Regulierungspolitik eingegriffen, wären die Konsequenzen gewiss noch verheerender ausgefallen.

Diese Politik war teuer. Allein in Deutschland hat sie den Steuerzahler geschätzte 70 Milliarden Euro gekostet. Hinzu kommen erhebliche finanzielle Verluste, die der Normalbürger empfindlich an der Wertentwicklung des Aktiendepots oder bei sinkenden Zinsen auf dem Sparkonto spürte und bis heute spürt. Sicher geglaubte Altersvorsorgen lösten sich in Luft auf; Immobilienbesitzer verloren ihre kreditfinanzierten Häuser.

Ebenso erschreckend war die Erkenntnis, dass als seriös geltende Geldinstitute offenbar über viele Jahre Geschäfte gemacht hatten, die so riskant waren, dass sie die Grenze zur Illegalität mindestens schrammten, manchmal auch überschritten. Und schlimmer noch: Mitunter wurden Millionen, ja Milliarden Euro in Transaktionen investiert, deren Mechanismen und Folgen die Banker selbst nicht durchschauten.

Die weltweit vernetzte Finanzbranche hatte sich auf eine Art und Weise verselbständigt und staatlicher Kontrolle entzogen, die nicht für möglich gehalten worden war. Gier nach dem schnellen und vor allem hohen Gewinn schaltete den Verstand aus. Leidtragende waren die Kunden, die den Banken ihr Geld in gutem Glauben, professionell betreut zu werden, überlassen hatten.

Die Finanzkrise hat das Image der Geldinstitute nachhaltig beschädigt. Nun liegt es in der menschlichen Natur, unangenehme Ausnahmesituationen wie die vor zehn Jahren zu verdrängen. Zumal wenn die Aussicht auf leicht verdientes Geld längst wieder lockt. Deshalb war und ist die Politik gefordert, die Geschäfte der Banken im Blick zu behalten und Kunden vor windigen Angeboten zu schützen. Der Bankensektor ist heute krisensicherer aufgestellt als nach der Pleite von "Lehman Brothers" vor zehn Jahren. Aber: Eine Garantie, dass sich der 15. September 2008 niemals wiederholt, gibt es nicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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