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Schulen
Susanne Kailitz
Baracken der Bildung

Lehrer und Schüler leiden an den Gebäudemängeln. Planung und Verfahren dauern zu lange

Seit fast 40 Jahren unterrichtet Bärbel Pobloth an der Carlo-Schmid-Oberschule in Berlin Spandau, seit 15 Jahren leitet sie die Schule als Direktorin. Als sie als Lehrerin angefangen hat, war ihr Schule gerade neu gebaut - und trotzdem nie wirklich in einem guten Zustand. "Schulbau war in den 1970er Jahren nichts, das besonders große Priorität hatte", erinnert sie sich, "deshalb war dieses Gebäude hier ehrlich gesagt immer schon ein Sparmodell." Die Zeit tat ihr Übriges - und das führte dazu, dass Pobloths Schule inzwischen auch ein Sanierungsfall ist. Seit inzwischen fünf Jahren wird das Gebäude brandschutzsaniert. Das heißt, dass in allen Decken das Dämm-Material entfernt und eine neue Entlüftungsanlage eingebaut wurde. Und das bedeutet: Dreck, Krach und immer wieder vier bis sechs Klassenzimmer, die nicht genutzt werden können. Der Unterricht der betroffenen Klassen findet dann in einem Container auf dem Schulgelände statt.

Die jahrelange Sanierung habe "ziemlich an den Nerven gezerrt", gibt Bärbel Pobloth zu, den Lehrkräften wie den Schülern sei dabei "einiges abverlangt worden". Dass die Arbeiten Ende des Jahres endgültig abgeschlossen sein sollen, sei eine große Erleichterung. Tipptopp ist die Carlo-Schmidt-Oberschule damit aber längst nicht. "Wir haben noch ganz viele Baustellen", sagt Direktorin Pobloth, "das größte Problem ist die undichte Fassade, durch die bei Regen immer wieder Wasser ins Gebäude gedrückt wird." Außenjalousien, die schon seit Jahren defekt seien, eine Heizungsanlage, die immer wieder Schwierigkeiten mache, und undichte Dächer stünden auf der Liste der Probleme, die als nächste gelöst werden müssten. Gerade erst sei man in den Klassenräumen auf 17 bis 19 Grad Raumtemperatur gekommen - werde es kälter und die Heizung falle wieder aus, müsse man einen Teil des Unterrichts kappen. "Zum Glück wird es in den nächsten Tagen aber erstmal wieder wärmer."

Kein Einzelfall Bärbel Pobloth und ihr Kollegium sind kein Einzelfall. Im ganzen Land leiden Lehrer und Schüler unter einem gewaltigen Sanierungsstau an Bildungseinrichtungen. Nach Berechnungen im Rahmen des Kommunalpanels der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) liegt der Investitionsrückstand der deutschen Kommunen im Bereich Schulen und Erwachsenenbildung bei 47,7 Milliarden Euro. Das ist keine neue Entwicklung, aber eine, die dramatisch voranschreitet: Im vergangenen Jahr wurden die Defizite noch auf 32,8 Milliarden Euro beziffert.

Was sich hinter den Zahlen verbirgt, sind bröckelnder Putz, undichte Fenster, einsturzgefährdete Dächer, herabhängende Leitungen, nicht funktionierende Heizungen, gesperrte Turnhallen und Klassenzimmer, in denen nach Wasserschäden der Schimmel blüht. Wer googelt, findet in Handumdrehen Zeitungsberichte, Youtube-Videos und Bildungsblogs, die bauliche Katastrophen im Osten wie im Westen vermelden und den immensen Sanierungsstau im Norden wie im Süden beklagen. Viele Schulen seien keine Kathedralen, sondern vielmehr "Baracken der Bildung", sagte Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, daher gerade erst in einem Interview.

Geht man davon aus, wie viele Experten es tun, dass die Räume, in denen sich das Lernen abspielt, neben Mitschülern und Lehrer "der dritte Pädagoge" sind, ist Sorge um die Bildungsqualität durchaus angebracht. Das spiegelt auch eine Umfrage der Gewerkschaft Erziehung Wissenschaft (GEW), die am vergangenen Montag in Berlin vorgestellt wurde. Dafür waren mehr als 2.700 Lehrkräfte zu den Unterrichtsgebäuden und deren Ausstattung mit digitalen Geräten befragt worden. Darin offenbart sich: Neben Computern, Tablets und Software fehlt es vielerorts schon an den Basics. 70 Prozent der befragten Lehrer beklagten die hygienischen Bedingungen an den Schulen; bemängelt wurden zudem kaputte Fenster, undichte Dächer, Schimmel- und Schadstoffbelastungen sowie renovierungsbedürftige Böden und Wände. Weniger als ein Drittel der Befragten ist mit dem Zustand der Gebäude grundsätzlich zufrieden. Einer der dringendsten Wünsche ist der nach mehr Pausen- und Rückzugsräumen. Nötig sind nach Ansicht der Befragten aber auch Lärmschutzmaßnahmen sowie eine bessere Ausrüstung mit gesundhaltendem Mobiliar. Als sehr wichtig schätzen 39 Prozent der Befragten die Sanierung der Sanitäreinrichtungen ein, 35 Prozent sprechen sich für die Verbesserung des hygienischen Allgemeinzustandes aus.

Sie sei über den Grad des Unmuts "wenig überrascht", sagt GEW-Chefin Marlis Tepe, "eigentlich hatte ich mit noch mehr Unzufriedenheit gerechnet". Die Gewerkschafterin ist in diesem Jahr auf langer Bildungsreise quer durch die deutschen Schulen gewesen und hat mit vielen Lehrerinnen und Lehrern gesprochen, die frustriert sind über den schlechten Zustand ihrer Arbeitsplätze - und trotzdem jeden Tag für einen guten Unterricht kämpfen. "An vielen Schulen nimmt das Kollegium die Dinge selbst in die Hand, etwa wenn es um die gründliche Reinigung der Räume in den Ferien geht. Früher haben die Kommunen dafür Firmen finanziert, heute wird das alles zusammengestrichen", sagt Marlis Tepe. Denn saubere Toiletten oder gewienerte Böden haben längst keine Priorität mehr: Im ganzen Land geht es verzweifelt nur noch darum, die vielen Schüler überhaupt unterrichten zu können. Dafür müssen tausende alte Schulen saniert werden, gleichzeitig entstehen überall neue Schulgebäude.

Und das verschlingt riesige Summen: Allein die sächsische Landeshauptstadt Dresden schätzt den Bedarf für Sanierung und Neubau von Bildungseinrichtungen auf rund eine Milliarde Euro. Der Sanierungsstau umfasst viele Bereiche: fehlende Plätze, die ganz neu gebaut werden müssen, marode Häuser, die auf Vordermann gebracht werden sollen, und Anforderungen an Räume und Ausstattung, die sich aus den Zielen Digitalisierung und Inklusion ergeben, zu denen sich die Bundesregierung bekannt hat. 120 bis 130 Millionen Euro stünden in Dresden dafür jedes Jahr zur Verfügung, sagt Annett Grundmann vom Dresdner Schulverwaltungsamt. Dabei habe der Neubau aufgrund der anhaltend hohen Geburtenzahlen und des vielen Zuzugs "oberste Priorität".

Auch in Berlin stehen alle Zeichen auf Neubau und Sanierung: Bis 2026 nehme das Land 5,5 Milliarden Euro in die Hand, um die Berliner Schulbauoffensive für den Bau und die Sanierung aller Schulen umzusetzen, lässt die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie wissen: "Berlin klotzt und kleckert nicht." Für 2018 seien Ausgaben in Höhe von rund 557 Millionen Euro geplant, rund 65 Schulen würden aufgrund der wachsenden Stadt in den kommenden Jahren neu errichtet, Hunderte saniert, um- und ausgebaut. Allein in diesen Sommerferien seien an über 276 Schulen über 380 Sanierungsmaßnahmen mit einem Volumen von 185 Millionen Euro durchgeführt worden.

Kreise und Kommunen ächzen unter der Mammutaufgabe. Allein können sie diese nicht bewältigen, darin sind sich alle Experten einig. Der Bund hat deshalb schon im Frühjahr 2017 zusätzliche 3,5 Milliarden Euro für die Schulsanierung bereitgestellt. Viel zu wenig, sagt der Lehrerverband; mindestens zehn Milliarden seien für die nächsten Jahre nötig. Der Verbandsvorsitzende Hans-Peter Meidinger sieht die Entwicklung schon seit Jahren mit Sorge. Es sei zwar gut gewesen, dass der Bund 2017 das Kooperationsverbot - das besagt, dass sich der Bund nicht in die Schulpolitik der Länder einmischen darf - gelockert habe, um finanzschwache Kommunen bei Bau und Sanierung ihrer Schulen zu helfen. Doch weil die Kommunen auch immer einen Teil der Projekte aus eigener Tasche finanzieren müssten und viele schon mit einem geringen Anteil an Eigenmitteln überfordert seien, sei das Geld bis heute nur zu einem Bruchteil abgerufen worden. Sein Verband fordert daher eine "große Kraftanstrengung", um den Verfall der Schulen zu stoppen und allen Kindern eine angenehme Lernumgebung zu schaffen.

Kooperation Auch die GEW sieht dringenden Handlungsbedarf. Bund, Ländern und Kommunen müssten in "einem Schulterschluss" viel mehr Geld als bisher für die Bildungseinrichtungen in die Hand nehmen, sagt Marlis Tepe. Für das nötige Investitionsprogramm solle das Kooperationsverbot endgültig aufgehoben werden. Nötig sei aber auch, an kleineren Stellschrauben zu drehen. So halte sie etwa die vorgeschriebene europaweite Ausschreibung für die Bauaufträge an den Schulen für kontraproduktiv: "Wenn so was der Handwerker aus dem gleichen Ort macht, empfindet der eine ganz andere Verantwortlichkeit den Kindern gegenüber." Immer wieder mache die Praxis, dass immer alles billiger sein müsse, es den Schulen schwer: "Wir haben bei einzelnen Baumaßnahmen mindestens drei Subunternehmer. Ich kenne Fälle, da musste monatelang der Schulhof gesperrt bleiben, weil die Firma, die das Gerüst aufgebaut hat, pleite gegangen ist und niemand mehr die Sachen abgeholt hat. Da konnte die Schulleitung sich anstrengen, wie sie wollte." Gleichzeitig fehlten in den Kommunen die Angestellten, die nötig wären, um die vielen Sanierungsmaßnahmen zu koordinieren und auf den Weg zu bringen. Deshalb würden Bau und Sanierung häufig viel zu lange dauern.

Zu langer Vorlauf Davon kann auch Bärbel Pobloth ein Lied singen. Es sei ihr unverständlich, warum jede Maßnahme so einen langen Vorlauf habe. Weil allein die Reparaturen, die aktuell in ihrer Schule noch anstehen, rund 36 Millionen Euro Kosten würden "und wir damit ja trotzdem keine moderne Schule bekommen, die den aktuellen pädagogischen Anforderungen entspricht", wäre ein Neubau viel sinnvoller. Der würde nur rund 42 Millionen Euro kosten und dann nicht gleich wieder die nächsten Reparaturen erfordern. Der Bezirk habe dem schon zugestimmt, eine endgültige Entscheidung solle aber erst im nächsten Jahr fallen. "Warum wir darauf wieder neun Monate warten müssen und es ja dann auch wieder ewig dauert, bis es eine Planung gibt und die Bauarbeiten dann überhaupt mal losgehen, ist mir unbegreiflich."

Dass sie trotzdem mehr Bewerber als Plätze an ihrer Schule hat und auch - anders als viele andere Schulen - alle Lehrerstellen besetzen kann, macht die Direktorin stolz: "Ich habe einfach ein fantastisches Kollegium, das es hinbekommt, dass trotz der gewaltigen baulichen Misere, in der wir hier leben, ein guter Unterricht stattfindet und die Schüler sich wohlfühlen. Für unsere Schüler und Eltern sind wir keine Schrottschule, sondern ein Ort, an dem sie sich wohlfühlen."Susanne Kailitz

Aus Politik und Zeitgeschichte

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