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EDITORIAL
Jörg Biallas
Dienst für uns alle

Familien genießen besonderen Schutz des Staates. Was in Artikel 6 des Grundgesetzes verbrieft ist, muss Politikern aller Couleur eherner Grundsatz sein. Deshalb wird über die Frage, wie Familien im Land besser unterstützt werden können, regelmäßig im Bundestag diskutiert. So auch in der vergangenen Woche, als der Punkt "Steuerliche Entlastung für Familien" auf der Tagesordnung stand.

In der jüngeren Vergangenheit hat sich in der Familienpolitik vieles zum Besseren gewendet. Dennoch sind längst nicht alle Stellschrauben optimal justiert. Noch immer fehlen mancherorts Betreuungsplätze für Kinder im Vorschulalter und sinnvolle Nachmittagsangebote für die älteren.

Darüber hinaus tun sich Arbeitgeber nach wie vor schwer, Eltern familienfreundliche Angebote zu machen. Es mangelt an flexiblen Arbeitszeitmodellen; die Scheu, mobile Arbeitsplätze zuzulassen, ist immer noch ausgeprägt. Oft übertüncht die Angst vor ineffizienter Leistung das Vertrauen in einen Beschäftigten, den die Rücksichtnahme des Chefs auf die persönliche Lebenssituation besonders motiviert.

Größtes Problem ist aber vor allem in den Ballungszentren der Wohnungsmarkt. Es ist unhaltbar, wenn Eltern mit Kindern trotz eines ordentlichen Einkommens keine bezahlbare Bleibe finden und geografisch im wahren Wortsinn an den Rand gedrängt werden. Diese Entwicklung kann der Staat beeinflussen, indem die Haushaltskassen gesponsert oder Anreize geschaffen werden, Wohnungen vorrangig an Familien zu vermieten.

Schließlich wäre es hilfreich, wenn zwei Grundsätze stärker ins Bewusstsein rücken würden. Erstens: Nicht alle brauchen gleichermaßen finanzielle Unterstützung des Staates. Und zweitens: Familie ist, wo Kinder sind. Dabei ist es unerheblich, wer die Elternrolle übernimmt. Ob allein- oder partnerschaftlich erziehend, ob verheiratet oder nicht, ob heterosexuelle oder anders orientierte Eltern, ob mit leiblichem oder angenommenem Nachwuchs: Entscheidend ist die Zuwendung zum Kind.

In einem freiheitlichen Staat kann jeder Bürger, jede Bürgerin im Rahmen der Regeln ein Leben nach der eigenen Fasson wählen. Ebenso besteht aber die Pflicht, auch Familienmodelle außerhalb tradierter Ansätze zu tolerieren. Wer immer sich für das Aufwachsen von Kindern engagiert, erweist unser aller Zukunft einen Dienst.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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