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Aschot Manutscharjan

Die Menschheit war in ihrer Geschichte immer Bedrohungen ausgesetzt. Daran hat sich bis heute nichts geändert, analysiert der renommierte Bielefelder Politikwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer. Selbst in unserer Wohlstandsgesellschaft fühlten sich Millionen Menschen bedroht. Ihre ungestillte "Sehnsucht nach Sicherheit" mache sie empfänglich für die autoritäre Versuchungen, die unser Demokratiemodell ernsthaft infrage stellen könnte. Vor allem in Krisenzeiten äußere sich der Wunsch nach autoritären Maßnahmen. Nicht zufällig würden die liberalen Demokratien in Europa gerade jetzt mit dem Aufstieg des "autoritären Nationalradikalismus" konfrontiert, der in Frankreich und vor allem in Osteuropa bereits politische Erfolge feiere.

In Gestalt der Alternative für Deutschland (AfD) habe ein Exponent dieses Phänomens inzwischen auch die politische Bühne in Deutschland erobert. Den Ursachen spürt der Autor in einem zentralen Kapitel seines Buches nach, in dem er die sozialökonomischen und kulturellen Ursachen der "Deutschversessenheit" offenlegt. Heitmeyer zeigt, dass bereits vor Gründung der AfD gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und ein politischer Nationalradikalismus hierzulande weit verbreitet waren. Weite Teile der Bevölkerung hätten sich vom demokratischen Staat entfernt und fühlten sich nicht länger von ihm vertreten. Sein Fazit: Die etablierten Parteien haben diese Entwicklung zu lange ignoriert. Sie nutzten "ihre Deutungsmacht nicht und taten nichts dafür, die selektive Wahrnehmung der Bevölkerung zu brechen". Nicht die Migrationspolitik der Bundesregierung habe zum Aufstieg des Nationalradikalismus geführt; dafür verantwortlich macht Heitmeyer langfristige Entwicklungen wie das Zusammenwirken von autoritärem Kapitalismus, Demokratieentleerung und sozialen Desintegrationsprozessen im Zuge einer beschleunigten Globalisierung.

Heitmeyers wichtige Erkenntnisse sollten einem breiten Publikum in einer populärwissenschaftlichen Fassung zugänglich gemacht werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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