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Pflegealltag
Susanne Kailitz
Ende der Duldsamkeit

Die Berufspraxis ist von Stress und Kostendruck bestimmt. Dagegen regt sich Widerstand

Eine recht genaue Vorstellung davon, wie der Tag werden wird, bekommt Stefan Heyde so ziemlich in den ersten Minuten, nachdem er seinen Arbeitsplatz erreicht hat. "Wenn bei der Übergabe mit der Nachtschicht feststeht, dass wir uns zu dritt um 30 Bewohner kümmern müssen, ist klar, dass es wieder nur auf eine Katzenwäsche hinausläuft. Und Zeit zu fragen, wie es Frau Maier geht, nachdem die Enkel da waren, wird ganz sicher nicht sein."

Heyde ist Gesundheits- und Krankenpfleger und als Zeitarbeiter in verschiedenen Krankenhäusern und Seniorenstiften tätig. Seit 13 Jahren macht er den Job jetzt - und schon zu Beginn der Ausbildung wurde ihm klar: "Theorie und Praxis klaffen immer weiter auseinander." In der Schule wunderte sich Heyde darüber, wie er denn laut Lehrplan für jeden der ihm anvertrauten Menschen zwei Stunden Pflegezeit investieren kann, wenn er sich wie im ersten Praxiseinsatz um 20 Leute kümmern sollte. "Da wurde mir gesagt, ich solle gefälligst nicht die Lehrpläne kritisieren."

Inzwischen hat Heyde sich mit dem Stress arrangiert, auch wenn sein Beruf sich in den vergangenen Jahren in eine Richtung entwickelt hat, die ihn nicht glücklich macht. "Das wirklich Schöne an dem Job ist, dass kein Tag wie der andere ist, man erlebt immer wieder Anderes und Neues. Einen stupiden Büroalltag könnte ich mir nicht vorstellen. Aber leider wird die Pflege auch immer mehr zu einem Verwaltungsjob mit all den Dokumentationspflichten, die wir haben. Und der Personalmangel führt dazu, dass immer weniger Leute immer mehr machen müssen - das geht vielen an die Substanz."

Pflegeaufstand gegen Burnout Heyde weiß, wovon er spricht. Er hat im Lauf der Jahre, in denen er auf verschiedenen Positionen bis hin zur Wohnbereichsleitung gearbeitet hat, viele Kollegen gehen sehen - sie haben aufgegeben, weil sie ausgebrannt und überlastet waren, weil sie nach der Arbeit keine Energie mehr für Familie oder Hobbys hatten oder schlicht keine Lust, sich für kleines Geld tagtäglich aufzureiben. Weil sich Heyde damit nicht abfinden wollte, hat er die Aktion "Pflegekräfte in Not" ins Leben gerufen und will über Petitionen und Kampagnen einen bundesweiten "Pflegeaufstand" ins Rollen bringen.

Die Zahlen sprechen dafür, dass der überfällig ist: Mindestens 36.000 Fachkräfte fehlen der Pflegebranche. In der Krankenpflege werden mehr als 12.000 Pflegende gesucht, in der Altenpflege können etwa 15.000 Stellen für ausgebildete Altenpfleger nicht besetzt werden. Zudem fehlen etwa 8.500 Helfer. Experten haben berechnet, dass auf 100 offene Stellen lediglich 21 Bewerber kommen. Eine "Engpassanalyse" der Bundesagentur für Arbeit aus dem vergangenen Dezember verwendet in ihrer Darstellung für den Fachkräftemangel in der Altenpflege ausschließlich die Farbe rot: Es gibt auf der Deutschlandkarte schlicht keinen einzigen Flecken, für den nicht ein Fachkräftemangel konstatiert werden muss.

Das hat Gründe. Denn die Pflege ist ein riskanter Job für Menschen, die bei der Arbeit gesund bleiben wollen. Allein die Rahmenbedingungen sind alles andere als optimal: Zum Beruf gehören hohe körperliche Anforderungen, weil Menschen gehoben und gelagert werden müssen, dazu kommen Schichtdienste, Wochenendarbeit und psychische Belastung. Viel Geld gibt es dafür nicht - im Schnitt verdienen ausgebildete Altenpflegerinnen - 82 Prozent der Pflegekräfte in Deutschland sind Frauen - in Vollzeit etwa 2.600 Euro brutto im Monat. Die regionalen Unterschiede sind dabei allerdings groß: Während eine examinierte Altenpflegerin in Baden-Württemberg rund 3.000 Euro monatlich verdient, muss eine Fachkraft in Sachsen-Anhalt sich mit 2.100 Euro zufrieden geben. Das führt dazu, dass immer wieder Menschen ihre Pflegeausbildung nicht beenden oder den Job frustriert verlassen - und das wiederum verschlechtert die Arbeitsbedingungen für diejenigen, die bleiben, weiter.

Erheblicher Kostendruck Johanna Knüppel, Sprecherin des Deutschen Bundesverbands für Pflegeberufe betrachtet diese Entwicklung seit vielen Jahren mit Sorge. Das Drama habe mit der Umstellung der Krankenhausfinanzierung Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre begonnen - seitdem erhalten die Häuser Fallpauschalen für ihre Patienten. Immer stärker habe ein unseliger Druck Einzug in die Häuser gehalten. "Jetzt sitzen überall Ökonomen in den Leitungsetagen, deren wichtigstes Ziel es ist, Kosten zu sparen. Und wo setzt man da am besten an? Natürlich am größten Posten, dem Personal." Tausende Stellen sei abgebaut worden, die Arbeitsverdichtung habe damit dramatisch zugenommen.

Knüppel beobachtet seither eine "Spirale des Ausstiegs": Zuerst würden die Fachkräfte von Vollzeit in Teilzeit wechseln, um überhaupt noch Zeit für Partner, Kinder und Freizeitaktivitäten zu haben. Nicht wenige würden dann irgendwann frustriert komplett aussteigen. Und viele derer, die blieben, würden dafür mit ihrer Gesundheit bezahlen: Schon im Jahr 2016 alarmierte der BKK-Gesundheitsreport mit der Nachricht, dass die Zahl der Krankheitstage bei Altenpflegern mit etwa 24 deutlich über dem Bundesschnitt von 16 liegt. Viel häufiger als Beschäftigte in anderen Branchen leidet Pflegepersonal unter psychischen Störungen: Fast jedem Zehnten wurde schon einmal ein Antidepressivum verordnet.

Laut den Pflegedaten von Knüppels Verband sind Beschäftigte in der Altenpflege durchschnittlich 4,5 Tage im Jahr wegen psychischer Störungen arbeitsunfähig - das das entspricht dem doppelten des Bundesdurchschnitts. Einer Sonderauswertung zum GDB-Index gute Arbeit zu den Arbeitsbedingungen in der Alten- und Krankenpflege zufolge geben 46 Prozent der Beschäftigten an sie müssten häufig oder oft Abstriche bei der Qualität ihrer Arbeit machen, um das Pensum zu schaffen.

Etwa 22 Prozent leisten sehr häufig oder oft unbezahlte Arbeit für ihren Betrieb, mehr als drei Viertel der Beschäftigten in der Kranken- und Altenpflege geben an, häufig oder oft "in Hetze" Aufgaben zu erledigen; ganze 80 Prozent sind es in der Altenpflege. Im Vergleich: Der Bundesdurchschnitt für die Beschäftigten aller Branchen liegt bei 55 Prozent. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin kommt deshalb zu dem Schluss: An Beschäftigte in Pflegeberufen werde eine Vielzahl überdurchschnittlich hoher Anforderungen gestellt - daher sei der Anteil älterer Pflegender, die mehr als 20 Jahre im Beruf verblieben, sehr gering. Verbandssprecherin Johanna Knüppel bekräftigt diese Einschätzungen und erklärt: "Das macht so gut wie niemand bis zur Rente."

Politischer Impuls als Anfang Die Branche steckt also in einer heftigen Krise. Dass die Politik dies erkannt hat und handeln will, wird von den Fachleuten begrüßt - wenn sie sich auch keinerlei Illusionen darüber hingeben, wie schnell die Rezepte wirken können. Knüppel sagt, die geplante Stellenaufstockung sei zwar gut. "Aber wenn jetzt schon 20.000 Stellen unbesetzt sind, verändern noch 13.000, für die es kein Personal gibt, die Lage nicht."

Etwas optimistischer ist Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerats. Was jetzt in Sachen Personalaufstockung und Finanzierung von der Politik angestoßen worden sei, sei "wenn auch überfällig, so aber doch gut und richtig" - solange dem ersten weitere Schritte folgen würden. Er begrüße die "Konzertierte Aktion Pflege" von Gesundheits-, Familien- und Arbeitsministerium sehr; diese sei "ein wichtiges Signal". Wagner hofft, dass sie vor allem auch in das System wirkt: Denn wenn sich die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte verbesserten, dann sei vielleicht endlich wieder für mehr von ihnen vorstellbar, Stunden aufzustocken und aus der Teilzeit in die Vollzeit zurückzukehren. "Es gibt zudem tausende Menschen in diesem Land mit einer Pflegeausbildung, die momentan nicht in der Pflege arbeiten. Wenn wir von denen welche zur Rückkehr bewegen könnten, dann könnte das dem Fachkräftemangel entgegen wirken."

Denn wo auch sonst sollten die vielen Pflegekräfte, die aktuell gebraucht würden, auch herkommen? "Wenn Leute nicht mehr 15, sondern nur noch zehn Patienten betreuen müssten, dafür mehr Geld bekommen würden und verlässlicher freie Wochenenden hätten, dann könnten viele sich sicher vorstellen, ein paar Stunden mehr pro Woche zu arbeiten. Denn die allermeisten Pflegekräfte machen ihren Beruf wirklich gern."

Appell für mehr Selbstbewusstsein Das kann auch Christian Hübner bestätigen. Die ausgebildete Pflegefachkraft arbeitet in einem Wohnheim für Behinderte, studiert nebenbei und sagt über seinen Job, der sei zwar "einer der anstrengendsten der Welt", aber auch "einer der vielfältigsten".

Hübner, der sich für eine Aufwertung der Pflegeberufe engagiert und gleichzeitig für das Internetportal "Pflegebibel" schreibt, plädiert dafür, dass Pflegekräfte endlich mehr Selbstbewusstsein entwickeln und für ihre Belange nachdrücklicher eintreten sollten. Denn bei aller berechtigen Kritik an der Branche: "Es gibt Arbeitgeber, die sehr gute Bedingungen bieten. Und Pflegekräfte sollten inzwischen ihren Marktwert kennen: Wenn überall Fachkräfte gesucht werden, muss man sich auch nicht mit schlechten Arbeitsbedingungen abfinden." Nur maximal zehn Prozent der Beschäftigten in der Branche seien gewerkschaftlich organisiert; das sei deutlich zu wenig, um bei Arbeitgebern Druck machen zu können. Dass die Beschäftigten der Pflege an manchen Stellen zu duldsam sind, bestätigt auch Emmi Zeulner. Die CSU-Bundestagsabgeordnete hat selbst eine Pflegeausbildung absolviert und weiß, wie schwer sich viele ihrer ehemaligen Kollegen tun, wenn es etwa um Streiks für bessere Arbeitsbedingungen geht. "Da werden die meisten Pflegekräfte fragen, wer sich in der Zeit denn um die Patienten kümmert", so Zeulner. "Und ganz ehrlich: Ich könnte auch niemanden einfach so liegen lassen." In der Pflege gebe es noch immer eine bestimmte Haltung, die daraus entstanden sei, dass diese Tätigkeit lange eine klassische weibliche Aufgabe innerhalb der Familie gewesen sei.

Zeulner hat es sich auf die Fahnen geschrieben, die "Abwärtsspirale" in der Pflege zu stoppen. Dabei seien auch die Krankenhäuser und Altenheime, die nun durch die Politik finanziell deutlich besser bei der Finanzierung des Pflegepersonals unterstützt worden, in der Pflicht: "Meine Erfahrung ist: Die Stimmung im Team ist dort gut, wo es eine gute Führung gibt und Wertschätzung für die Mitarbeiter. Da sind die Arbeitgeber gefordert, etwas zu tun." Bisher tun die sich häufig schwer. Stefan Heyde beispielsweise sagt, er habe aufgrund seines politischen Engagements Probleme, eine feste Stelle zu finden. Daher arbeitet er als Zeitarbeiter in verschiedenen Einrichtungen. Paradoxerweise verdient er dadurch mehr als in Festanstellung - er spürt sehr genau seinen Wert als Fachkraft. Und will, dass sich endlich die Einsicht durchsetzt, "dass die Pflegekräfte inzwischen die Diamanten in den Krankenhäusern und Altenheimen sind". Das müsse sich auch in den Arbeitsbedingungen spiegeln.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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