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EDITORIAL
Jörg Biallas
Wider den Notstand

Über Nacht wurde Alexander Jorde bundesweit bekannt. In einer "ARD-Wahlarena" anlässlich der Bundestagswahl 2017 hatte der Auszubildende in der Gesundheits- und Krankenpflege Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Meinung gesagt. In seinem Beruf, formulierte der Anfang-20-Jährige bemerkenswert selbstbewusst, gehe es so nicht weiter. Der Pflegenotstand führe dazu, dass die Würde des Menschen in Deutschland jeden Tag tausendfach verletzt würde. In der seinerzeit zwölf Jahre währenden Regierungszeit unter Merkel hätten sich die Missstände nicht verbessert, sondern verschlimmert.

Neben der alles überschattenden Flüchtlingsfrage hatte der Bundestagswahlkampf nach diesem Auftritt ein weiteres bestimmendes Thema. Sehr zur Freude der Betroffenen in der Gesundheitsbranche. Sie hatten schon lange auf personelle Unterbesetzung im Pflegebereich hingewiesen. Aber auch viele Familien, die mit der Pflege eines Angehörigen konfrontiert waren, hofften darauf, dass ihre Sorgen endlich gehört, ernst genommen und Angebote zur Unterstützung gemacht würden.

Jetzt erfolgte Abhilfe in Form des etwas sperrig betitelten "Pflegepersonalstärkungsgesetzes", das der Bundestag verabschiedet hat. Und wie so oft, wenn Finanzmittel aufgestockt werden, um einen sozialen Missstand zu lindern, wird leidenschaftlich darüber diskutiert, ob die Maßnahmen ausreichen (siehe auch Gastkommentare auf Seite 2).

Immerhin ist allgemein anerkannt, dass es im Land ein Pflegeproblem gibt. Klar ist außerdem: Die Herausforderungen werden wachsen. Übrigens keineswegs nur bei der Versorgung von Senioren. Jüngst ging der Arzt einer Kinderklinik mit der erschütternden Botschaft an die Öffentlichkeit, dass sein Krankenhaus immer wieder todkranke Kinder abweisen müsse, weil Pflegepersonal fehle. Wohlgemerkt: Obwohl Betten vorhanden sind und Ärzte zur Verfügung stehen, werden lebensrettende Behandlungen verweigert. Ein medizinischer Notstand mitten in Deutschland.

Jetzt wird es darauf ankommen, möglichst schnell gut ausgebildete und motivierte Pflegekräfte zu rekrutieren. Dabei helfen höhere Löhne, erträglichere Arbeitszeiten und die Aussicht auf mehr Zeit für den einzelnen Patienten. Eines immerhin hat die Pflegedebatte bereits bewirkt: Das Ansehen der Branche ist gestiegen. Gut so.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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