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Ortstermin: Volkstrauertag-Gedenkstunde im Bundestag
Lisa Brüßler
Ein neues Kapitel für Europa

Der Volkstrauertag hat für den Bundestag eine besondere Bedeutung: Jedes Jahr am Sonntag zwei Wochen vor dem ersten Advent gedenken Vertreter der Verfassungsorgane im Plenarsaal des Bundestages der Toten von Krieg und Gewaltherrschaft. Ins Leben gerufen wurde der Tag bereits vor knapp 100 Jahren vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Seitdem mahnt er, Versöhnung, Verständigung und Frieden unter den Menschen zu fördern und für Freiheit und Demokratie einzutreten.

Ein Beispiel für eine solche Versöhnung sei das "deutsch-französische Paar", sagte der Staatspräsident Frankreichs, Emmanuel Macron. Nur eine Woche nach dem großen Pariser Weltkriegsgedenken sprach mit Macron erstmals nach 18 Jahren wieder ein französischer Premier in der zentralen Gedenkstunde vor dem Bundestag (siehe auch Seite 9). In seiner Gedenkrede bekräftigte er die unerschütterliche Freundschaft des französischen mit dem deutschen Volk: "Indem Sie sich an diesem Volkstrauertag an Frankreich gewendet haben, haben Sie einmal mehr bewiesen, dass Sie über die gigantischen Friedhöfe hinaus, beschlossen haben, historische Konflikte zu überwinden und unermüdlich für den Frieden zu kämpfen", sagte Macron. Nun sei man es all denjenigen schuldig, die in den vergangenen 70 Jahren an einem friedlichen Europa gearbeitet haben, den Mut zu finden, gemeinsam ein neues Kapitel für Europa aufzuschlagen, sagte er mit Blick auf kommende Herausforderungen. Zuvor hatte bereits Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes, daran erinnert, dass 17 Millionen Menschen den Ersten Weltkrieg mit ihrem Leben bezahlt haben. Allen Versuchen, "die dunklen Jahre unserer Geschichte zu relativieren", müsse mit Nachdruck entgegengewirkt werden, betonte er. Es sei keineswegs so, dass Gedenken lähme, vielmehr treibe es die aktive Friedensarbeit voran, sagte Schneiderhan.

Wie so eine aktive Friedensarbeit aussehen kann, zeigte eine Gruppe Jugendlicher, die in einem gemeinsamen Projekt die Schicksale im Ersten Weltkrieg gefallener Fußballer aufgearbeitet hatten: Sie trugen während der Zeremonie auf Deutsch, Französisch und Englisch Briefe der ehemaligen Fußballer ihrer Vereine vor, die als Soldaten gefallen waren. Der Fußball habe eine völkerverbindende Kraft "denn Tränen haben keine Farbe", sagte einer der Jugendlichen. "Im Krieg, anders als im Fußball, kann es nur Verlierer- aber keine Gewinner geben", resümierten die Jugendlichen ihr Projekt.

Bereits 1922 fand die erste offizielle Feierstunde zum Gedenken an die Kriegstoten des Ersten Weltkrieges im Reichstag statt - seitdem hängen die Flaggen an diesem Tag auf Halbmast. Damals hielt Reichstagspräsident Paul Löbe (SPD) eine vielbeachtete Rede, in der er - in einer feindseligen Umwelt- von Versöhnung und Verständigung sprach. 1934 bestimmten die nationalsozialistischen Machthaber den Tag zum Staatsfeiertag und benannten ihn in "Heldengedenktag" um. Nach der Gründung der Bundesrepublik wurde der Volkstrauertag vom Volksbund erneut eingeführt und 1950 erstmals wieder im Bundestag begangen.Lisa Brüßler

Aus Politik und Zeitgeschichte

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