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Digitalisierung
Lisa Brüßler
Block-was?

Experten erläutern bei einem Fachgespräch, wie die Blockchain-Technologie die Wirtschaft umkrempeln könnte

Im Juni kündigt eine Tochterfirma des Hafens von Abu Dhabi eine Blockchain-Lösung an, um die Effizienz in der Schifffahrts- und Logistik-Industrie zu steigern. Im März bezeichnete das Logistikunternehmen FedEx Blockchain als die "nächste Hürde" für globale Lieferketten. Blockchain-Vorreiterland Dänemark plant einen Prototypen für ein digitales wallet (engl. Geldbörse), in dem die Bürger ihre Identität selbst verwalten können und so die Souveränität über ihre Daten haben.

Die junge Technologie Blockchain tritt gerade aus dem Schatten der Kryptowährung Bitcoin heraus, ihrer bekanntesten Anwendung. Momentan sind etwa 17 Millionen Bitcoins im Umlauf - trotz sinkendem Kurs. Einen Mittelsmann, wie etwa eine Bank, gibt es in diesem komplexen System nicht, sondern nur Rechenleistung und technische Hilfsmittel. Im Grunde funktioniert eine Blockchain wie ein aus der Buchhaltung bekanntes Hauptbuch, in dem alle Transaktionen chronologisch eingetragen werden und nachvollziehbar sind. Als eine verteilte Datenbank basiert die Blockchain auf einem Netzwerk von kommunizierenden Systemen. Die Buchhalter in diesem System (englisch: miner) sind mehrere Netzwerk-Teilnehmer, die die Transaktionen tätigen und diese mit Krypto-Verfahren validieren, aber anonym bleiben. Durch die aufeinander aufbauende Speicherung von Transaktionen sind nachträgliche Änderungen theoretisch unmöglich. Ausgedacht hat sich das Konzept 2008 ein Mensch mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto.

Die Anwendung ist aber nicht auf die Finanzbranche begrenzt, sondern ist überall da möglich, wo es Wertschöpfungsketten gibt und Datentransparenz relevant ist. Das nahm der Ausschuss für Digitale Agenda vergangene Woche zum Anlass für ein öffentliches Fachgespräch.

Drei Säulen Blockchain beruht auf den drei zentralen Pfeilern einer dezentralen Datenspeicherung und Unveränderbarkeit dieser Daten, einem Verzicht auf Mittelsmänner und eine durch die an der Blockchain beteiligten Partner garantierte Datenauthentizität. Ein großer Vorteil wird im gesteigerten Vertrauen gesehen, da Abläufe aufgrund ihrer technischen Unveränderbarkeit kaum anfällig für Datenmissbrauch sind. "Für uns als Legislative ist interessant, welche Gesetze nötig wären und wo Regulierung hinderlich ist", eröffnete der Vorsitzende Hansjörg Durz (CSU) das Fachgespräch mit den sechs Sachverständigen. Diese verdeutlichten die großen Chancen der Technologie, warnten aber auch vor überzogenen Erwartungen, durch die Themen wie etwa eine fehlende Regulierung überdeckt würden.

Gilbert Fridgen vom Fraunhofer Institut für Angewandte Informatik FIT betonte, dass die Anwendung von Blockchain "keine Revolution, sondern eher eine Evolution sein" werde, bei der bestehende Prozesse in Wirtschaft und Verwaltung optimiert würden. Ein Risiko stelle die fehlende Integration der Technologie in die demokratische Ordnung dar und der Fakt, dass ein regulatorischer Rahmen fehle, sagte Fridgen.

Die größten Auswirkungen der Technologie seien nicht in der Finanzbranche zu erwarten, sondern im Internet selbst, sagte Ingo Rübe, CEO von BOTLabs GmbH. "In Deutschland haben wir durch den Umstand, dass viel Wissen der Branche in Berlin sitzt, einen enormen Standortvorteil. Aber wir merken, dass immer mehr Unternehmen zum Beispiel nach Singapur abwandern", berichtete Rübe dem Ausschuss. Dagegen müsse die Politik mit besseren Voraussetzungen, mehr Rechtssicherheit und Regulierung angehen.

Roman Beck von der IT University of Copenhagen und dem European Blockchain Center kritisierte, dass in Deutschland ein Digitalisierungsnotstand herrsche: "Die Digitalisierung 2.0 wird die Welt massiv verändern und dazu führen, dass wir deutlich autonomer und produktiver sein werden", sagte er. An dieser Welt nehme Deutschland aber noch nicht teil. Das Land brauche daher einen "digitalen Marshall-Plan", um direkt in die nächste Generation der Digitalisierung einsteigen zu können.

Rechtlicher Rahmen fehlt Die Fälschungssicherheit der Daten in einer Blockchain sei zwar durch die Technologie garantiert, jedoch fehle hierzu noch der gesetzliche Rahmen, betonte Florian Glatz, Präsident des Bundesverbands Blockchain. "Es braucht eine klare Regulierung und Sicherheit für Investoren, um die Abwanderung abzuwenden, sodass Deutschland ein attraktiver Standort bleibt", sagte er. Auch die Digitalisierung der Verwaltung biete große Chancen für behörden- und länderübergreifenden Datenaustausch und gemeinsame Standards, betonte Glatz. "Dafür sind allerdings Pilotprojekte nötig."

Kritisch äußerte sich der Autor Jürgen Geuter: "Blockchain ist ein Codewort für eine Zukunftstechnologie, ein Hypebegriff, der den Anschluss Deutschlands sichern soll", kritisierte er. Die Technologie sei trotz zehn Jahren Bitcoins am Markt "keineswegs robust genug", berichtete er. Bei konkreten Problematiken stellten Blockchains eine mögliche Technologie unter anderen dar, aber es sei nicht sinnvoll, "die Politik an einer spezifischen Nischentechnologie" auszurichten, plädierte er.

Walter Blocher, Jurist an der Universität Kassel, zeigte sich überzeugt davon, dass Blockchain eine "bahnbrechende Technologie" sei. "Blockchain ermöglicht es Lieferketten bis zum Verbraucher nachzuvollziehen", sagte er. "So kann etwa geprüft werden, ob die Einhaltung von Temperaturen in einer Lieferkette gewährleistet wurde", erklärte er. Denkbar sei auch, die Technologie anzuwenden, um zu vermeiden, dass gefälschte Medikamente auf den Markt kommen. Nun müsse rasch ein rechtlicher Rahmen gesetzt werden, der klar mache, dass die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) nicht im Konflikt mit Technologien wie Blockchain stehe und Fortschritt blockiere.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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