Inhalt

Aschot Manutscharjan
Kurz RESENZIERT

"Wir sind ein Volk!" Diesen Satz hörte man von Russlands Präsident Wladimir Putin des Öfteren in Bezug auf die Ukraine. Es hieß, er respektiere und liebe die ukrainische Kultur und Sprache, "die wundervollen Eigenschaften, die die Identität der ukrainischen Nation ausmachen". Zugleich sei die Ukraine Teil "unserer großen russischen Welt". Warum die Mehrheit der Ukrainer eine andere Meinung vertritt als der Präsident des "großen Brudervolkes", erklärt der Wiener Historiker Andreas Kappeler in seinem informativen und gut lesbaren Buch. Er präsentiert die tausendjährige Geschichte der beiden slawischen Völker in komprimierter Form: Von den Kiewer Rus bis zum aktuellen russisch-ukrainischen Konflikt nach der Krim-Annexion von 2014 und dem Krieg in der Ostukraine.

Kappeler beschreibt die historischen und kulturellen Prozesse, die zur Herausbildung der ukrainischen Nation führten. Moskau reagierte darauf mit einem harten imperialen Nationalismus, um die Entstehung einer unabhängigen Kultur der "Malorossen", der "Kleinrussen", zu verhindern. Ohne Erfolg: Das offizielle Kiew bewertet die Koexistenz der beiden Nachbarvölker zu Sowjetzeiten als Unterdrückung und "Okkupation". Das "Bewusstsein, als Nation Opfer des Sowjetkommunismus zu sein, ist heute ein wichtiges Element des ukrainischen Nationalbewusstseins", betont Kappeler. Daher ist es nicht überraschend, dass die Bewertung der Hungersnot von 1932/33, die etwa 3,5 Millionen ukrainische Bauern im Zuge der Kollektivierung der Landwirtschaft das Leben kostete, zu den wichtigsten Kontroversen im Rahmen des russisch-ukrainischen Historikerstreits gehört. Einen "Holodomor" (menschgemachte Hungersnot) wollte Russlands Präsident Dmitri Medwedew nicht anerkennen

Kappeler wirft dem Westen vor, die Ukraine nur als Anhängsel Russlands wahrzunehmen. Erst nach dem Zerfall der UdSSR und der beiden Revolutionen von 2004 und 2013/14 habe sich die Ukraine in Europa zurückgemeldet. Hier sollte sie in Zukunft einen festen Platz einnehmen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag