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Gastkommentare - Contra
Andrea Dernbach, "Der Tagesspiegel", Berlin
Der alte Holzweg

Pflicht zur ärztlichen Altersbestimmung?

Noch jede Krise, jeder Krieg, der viele Menschen ins Land trieb, löste die immer gleichen Reflexe aus: abwehren, Grenzen abdichten und denen, die es dennoch schaffen, das Leben hier möglichst schwer machen. Das schadete nicht nur deren Chancen, sondern auch Deutschland: Hebammen, die, obwohl dringend gebraucht, nicht arbeiten dürfen, Verwaltungsgerichte lahmgelegt von - berechtigten - Klagen gegen restriktive Asylbescheide: Das alles ist nicht im deutschen Interesse, wer immer das definiert.

Das Migrationsjahr 2015 hat auf diesem Feld den Verlust gesunden Menschenverstands rasant beschleunigt. Die neueste Erfindung von CSU und AfD: die zwingende Altersfeststellung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Sie ist nicht nur nicht sicher möglich, dazu rechtlich und ethisch fragwürdig - die Ethikkommission der Bundesärztekammer ist dagegen, Ärzteverbände raten ab, daran mitzuwirken. Sie wäre ein weiteres kleinliches Deckeln des zum Riesenproblem aufgeblasenen Familiennachzugs, denn auf Familie haben Minderjährige ein besonders dringendes Recht. Und sie wäre ein weiterer Punkt der unendlichen Liste der Leistungskürzungen für Geflüchtete. Minderjährige stehen unter besonderem Schutz, sie werden betreut. Ob 16 oder schon 20: Es würde sich lohnen, gerade in junge Leute zu investieren, sie auf dem Weg in Ausbildung und Beruf an die Hand zu nehmen. Sie sich selbst zu überlassen, wird richtig teuer, das hat die lange Weigerung Deutschlands, sich als Einwanderungsland zu sehen, traurig bewiesen. Wer weiter diesem alten Holzweg folgt, weiß es entweder nicht besser oder will das Feindbild des Fremden zementieren. Vor beiden Politikertypen sollten wir uns fürchten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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