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Europaparlament
Susanne Kailitz
Sacharow-Preis für Oleg Senzow

Der ukrainische Filmemacher sitzt seit vier Jahren im Straflager

Der Sacharow-Preis für geistige Freiheit des Europäischen Parlaments geht in diesem Jahr an den ukrainischen Filmemacher Oleg Senzow. Am vergangenen Mittwoch nahm Senzows Cousine Natlaja Kaplan den Preis in Straßburg für ihn entgegen. Der Regisseur ist seit vier Jahren in einem sibirischen Straflager inhaftiert.

Der 42-Jährige stammt von der Krim und ist ein Gegner der russischen Annexion. Er engagierte sich seit 2013 bei den proeuropäischen Protesten auf dem Maidan. Im August 2015 wurde Senzow wegen eines angeblich geplanten Terroranschlags auf die Krim-Halbinsel zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Die EU, der Europarat, die USA, Amnesty International und viele Prominente fordern seither vergeblich seine Freilassung.

Im Hungerstreik In diesem Jahr sorgte Senzow mit einem 145-tägigen Hungerstreik international für Schlagzeilen: Einen Monat vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft wollte er so seine und die Freilassung von 70 weiteren politischen Gefangenen aus der russischen Haft erreichen. Er beendete den Streik erst, als ihm mit Zwangsernährung gedroht wurde. Nach Angaben seiner Familie leidet der Regisseur seither an schlimmen Organschäden.

Senzow sei mit seinem Einsatz zu "einem Symbol des Kampfes für die Freilassung von politischen Gefangenen in Russland geworden", teilte die Jury des Sacharow-Preises mit. Vor der Preisverleihung hatten Abgeordnete des EU-Parlaments unter dem Hashtag #LetSensovGetSakharov in den sozialen Medien gefordert, dass der Regisseur den Preis entgegen nehmen darf; dies wurde jedoch nicht gestattet. Senzows Anwalt sagte in einem Interview, der Regisseur habe nur wenig Hoffnung, freigelassen zu werden. Man hoffe, der Preis erhöhe den Druck auf Russland, ukrainische Gefangene freizulassen.

Der EU-Menschenrechtspreis trägt den Namen des sowjetischen Physikers und Dissidenten Andrej Sacharow. Er arbeitete lange am sowjetischen Kernwaffenprogramm, bevor er sich ab Ende der 1960er Jahre für internationale Abrüstung und eine Demokratisierung der Sowjetunion einsetzte. Für sein Engagement wurde ihm 1975 der Friedensnobelpreis verliehen. Nachdem seine Frau diesen für ihn entgegen genommen hatte, galt der Physiker als Staatsfeind.

Der nach ihm benannte Preis wird seit 1988 jedes Jahr vergeben, um Menschen und Organisationen zu ehren, die in besonderer Weise weltweit Menschenrechte und Grundfreiheiten verteidigen. Er ist mit 50.000 Euro dotiert und wird jedes Jahr in Straßburg verliehen. Vorgänger Oleg Senzows als Preisträger sind unter anderen der frühere südafrikanische ANC-Führer Nelson Mandela und die demokratische Opposition in Venezuela.

Die Autorin ist freie Journalistin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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