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Kristina Pezzei
Struktur im Wandel

Wie keine andere Region trifft das geplante Kohle-Aus die Lausitz. Es geht um Arbeit - und um Identität

Auf den Wolkenberg führt Daniel Brendler Besucher des Tagebaus Welzow-Süd am liebsten. Sanft hebt sich der Hügel aus dem begrünten Flachland, zwischen niedrig wachsendem Gehölz streicht der Wind durch Gräser und lässt sie beim Aneinanderklatschen leise tönen. An der Sonnenseite der Bodenwelle ranken sich Weinstöcke. Der Blick reicht weit über die Landschaft, die Sicht gestochen scharf. Der junge Mitarbeiter der Bergbaugesellschaft, der für die Kommunikation am Standort verantwortlich ist, lässt dann raten: "Wie lange ist es wohl her, dass hier aktiv Tagebau betrieben wurde?", fragt Brendler und sagt: "Keiner glaubt, wie schnell das geht." Vor 18 Jahren klaffte noch eine Grube an dieser Stelle der Lausitz.

Der Wolkenberg und seine Umgebung sind für Brendler Symbol für die Verantwortung, die die Braunkohle-Branche in der Lausitz übernimmt: Sie nimmt nicht nur, sie gibt zurück, gestaltet. Bergbau ist für das Gewerkschaftsmitglied Brendler Lausitz, und Lausitz ist Bergbau. Und natürlich fährt der Mittdreißiger nicht wegen des Naturerlebnisses mit Gästen auf den Wolkenberg, zumindest nicht nur. Natürlich will er damit vor allem sagen: Schaut, wir kümmern uns. Wenn ihr uns lasst.

Seit Monaten sorgt die Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung bundesweit für Schlagzeilen und in der Region für Unruhe. Das Gremium unter Leitung des Bundes hat ein Ausstiegsdatum aus der Kohle angekündigt, jüngster Termin für die Bekanntgabe dieses Datums ist der Februar 2019. Bis dahin wollen die mehr als 30 Mitglieder aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft Ideen und Impulse erarbeitet haben, wie die vier Kohlereviere in Deutschland das Kohle-Aus und den damit verbundenen Strukturwandel in einen Erfolg für die Regionen münzen können.

In der Lausitz kristallisieren sich die Herausforderungen wie in keinem der anderen Reviere: Die Region zwischen Cottbus und Görlitz ist seit Jahrzehnten einseitig durch die Braunkohle geprägt, sie liegt am geografischen, infrastrukturellen und wirtschaftlichen Rand Deutschlands an der polnischen Grenze und sie erholt sich noch mehr schlecht als recht von dem Strukturbruch, den die Wende mit sich brachte. Damals schloss mit den Tuchfabriken quasi über Nacht ein kompletter Industriezweig, weil unprofitabel geworden. Dörferweise stürzten vor allem Frauen in die Arbeitslosigkeit, auch die Männer traf es, wobei die Braunkohle zumindest im Kern erhalten blieb. Auch die Glasindustrie zerbrach buchstäblich innerhalb sehr kurzer Zeit.

Garant für Wohlstand Die Folgen der Abwanderung sieht und spürt man bis heute. Abseits der wenigen Wachstumskerne stehen Häuser leer, Ortskerne verwaisen und bei den Menschen sitzen Frust über und Angst vor Fremdbestimmung dicht unter der Oberfläche. Die Lausitz werde in den kommenden Monaten und Jahren zu einer politischen und wirtschaftlichen Großbaustelle werden, schrieb die Reporterin einer Wochenzeitung unlängst, genau in dieser Reihenfolge: Der wirtschaftliche Wandel wird schon schwierig genug. Die Sorge, dass Populisten aus dem Frust-Potenzial der sich abgehängt fühlenden Bewohner Stimmkapital schlagen, könnte noch weitaus schwerer wiegen. Wenn zum Dauerfunkloch und den überwucherten Bahngleisen der Verlust einer Identität kommt, die sich aus dem Kohle-Stolz speist, helfen auch kein Geld und keine innovative Idee mehr. Im kommenden Jahr wird in Brandenburg und in Sachsen gewählt. "Die Kohle hat einst Wohlstand in die Region gebracht", sagt der Bürgermeister von Großräschen, Thomas Zenker (SPD). "Da kann man nicht einfach den Schalter umlegen, so wie es in den 1990ern gemacht wurde." 8.000 Menschen arbeiten heute für die Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG), bei der auch Brendler angestellt ist. Der viertgrößte Energieversorger Deutschlands hat das Kohle-Geschäft vor gut zwei Jahren vom schwedischen Staatskonzern Vattenfall übernommen. Noch einmal mindestens 12.000 Beschäftigte hängen indirekt von dem Industriezweig ab, als Zulieferer, in Wartungsunternehmen, in der Dienstleistungsbranche. Jede zehnte Kilowattstunde Strom in Deutschland kommt aus der Lausitzer Kohle.

Langfristige Ausstiegskonzepte Dass sich Kohle als Energie- und Einkommensquelle erschöpfen werden, bestreitet dabei kaum jemand - dahinter müssen nicht einmal Ziele des Umwelt- oder Gesundheitsschutzes stecken: Irgendwann sind die Tagebaue schlicht erschöpft. "Wir haben seit 28 Jahren einen Strukturwandel und beschäftigen uns sehr wohl mit Zukunftsthemen", sagt Uwe Teubner, der LEAG-Betriebsratsvorsitzende. Er verweist auf ein Revierkonzept, das gemeinsam in der Lausitz erarbeitet worden sei und einen Fahrplan für den Kohleausstieg Mitte der 2040er Jahre vorsehe. Damit könnten die Menschen hier leben, sagt Teubner, darauf sei man vorbereitet. Auch das LEAG-Management berichtet von Überlegungen, das Geschäftsmodell auf weitere Felder im Energie-Umfeld zu verbreitern. Viel konkreter will man bisher nicht werden; indes hat der Konzern jüngst Berichte bestätigt, nach denen am Kraftwerksstandort Schwarze Pumpe ein Batteriespeicher entstehen soll. Mit einer Leistung von etwa 50 Megawatt solle er dazu dienen, das Stromnetz zu stabilisieren.

Nun ist die Lausitz nicht unbedingt eine demografisch junge Gegend. Zwischen 2011 und 2025 werden 134.000 Schüler die zehnte Klasse verlassen, im selben Zeitraum 192.000 Menschen das rentenfähige Alter erreichen, hat der Verein Wirtschaftsinitiative Lausitz ausrechnen lassen. Hinter dem länderübergreifenden Verein - die Lausitz erstreckt sich über Brandenburg und Sachsen - stehen etwa 75 Unternehmen aus der Region. Nach 2040 ist ein Großteil derer, die heute die öffentliche Diskussion prägen oder verfolgen, im Rentenalter. Frühere Ausstiegsdaten, wie aus dem Umfeld der Strukturkommission seit einiger Zeit kursieren, bergen hingegen schon für die öffentliche Diskussion in der Lausitz ein Problem: Sie rücken deutlich näher an die jetzige Lebenswirklichkeit. Von 2030 war da die Rede, vereinzelt von noch früher - so ließen sich womöglich die deutschen Klimaziele doch noch erreichen. Kohle als schmutziger Energieträger müsse so schnell wie möglich weg, die Verantwortlichen auf den lokalen Ebenen hätten lange genug Zeit gehabt, alternative Einnahmequellen zu entwickeln, und müssten sich den Vorwurf gefallen lassen, Herausforderungen aussitzen zu wollen. Sagen Kritiker.

Solche Stimmen kommen in der Regel von außerhalb. In der Lausitz selbst erhebt kaum jemand das Wort gegen den prägenden Industriezweig. Neben der Versorgungssicherheit geht es um den Preis von Kohlestrom, der deutlich unter dem anderer, auch regenerativer Energieträger liege - weiterreichende Kosten wie die für Erkrankungen nicht eingerechnet. Vor allem aber fürchten die Menschen um ihr Auskommen. Ersatz für die gut bezahlten Bergbau-Stellen zu finden, wird schwer. Gleiches gilt für die Arbeitsplätze bei Zulieferern, nachgelagerten Dienstleistern und Industrien.

Je mehr Zahlen und Gerüchte über Ausstiegsdaten und denkbare Szenarien von der Bundesebene durchsickern, desto mehr rücken die Menschen in der Lausitz zusammen. Oder sie stehen von den Stühlen auf wie bei einer Aktion in Cottbus. Als das Kraftwerk in Jänschwalde in die Sicherheitsbereitschaft ging - also vom Spielfeld auf die Reservebank geschickt wurde - protestierten LEAG-Mitarbeiter öffentlichkeitswirksam auf einem zentralen Platz. 600 Menschen standen geschlossen auf und ließen leere Stühle zurück - so viele, wie Stellen durch das quasi-Abschalten des Werks verloren gehen sollen.

Hagen Rösch ist einer der wenigen, die sich offen gegen die Kohle aussprechen und gleichzeitig zur Region bekennen. Er beschäftigt 85 Menschen in einer mittelständischen Unternehmensgruppe, die auf Landwirtschaft, Fleischereihandwerk und Ökostrom-Erzeugung fußt und nach Angaben von Rösch komplett kohleunabhängig wirtschaftet. Er verstehe die Angst um die Arbeitsplätze, sagt Rösch. Aber auch: "Die Kohle hat keine Zukunft, jeder weiß das. Die Überlegungen für neue wirtschaftliche Strukturen hätten vor zehn Jahren kommen müssen." Ihm komme die derzeitige Diskussion auf regionaler Ebene so vor, als ob jemand zur Versicherung ginge, um noch schnell ein brennendes Haus zu versichern. Die Stimmung unter seinen Mitmenschen beschreibt er als "kohlehörig". "Vattenfall hat wegen horrender Verluste verkauft und die LEAG ist ein Konstrukt cleverer Finanzjongleure, die von der tschechischen Börsenaufsicht kommen. Sie spekulieren auf einen Kohleausstieg mit Entschädigung, aber auch sie zahlen keinerlei Gewerbesteuern mehr", sagt Rösch. Das LEAG-Management bestätigt letzteres indirekt. Die Geschäfte liefen im Moment auskömmlich, sagt der Vorstandsvorsitzende Helmar Rendez. Die Überführung von zwei Blöcken des Kraftwerks Jänschwalde in die Sicherheitsbereitschaft träfen das Unternehmen, dadurch würden außer den Arbeitsplätzen auch etwa 1.000 von 8.000 Megawatt Kraftwerkskapazität wegfallen.

Regionale Leuchttürme Der Großräschener Bürgermeister Zenker erhält tatsächlich keine Gewerbesteuern von Konzernseite. Ihm kommen freilich Steuern von Zulieferern zu Gute und im weiteren Sinn die Einkommen derer, die im Ort wohnen und bei der LEAG angestellt sind. 1994 haben ihn die Großräschener erstmals ins Amt gewählt, der kräftige Mann hat Fall und Aufstieg der Lausitz seit bald 25 Jahren beobachtet, begleitet und gestaltet. Der aus dem Ort stammende Zenker kann Umsiedlungen genauso vorantreiben wie Tourismusstrategien für Tagebauseen. In seiner 8.000-Einwohner-Gemeinde lebt er vor, wie Strukturwandel aussehen könnte. Ein Gerüstbauer, ein Siebanlagen-Hersteller und ein Möbelzentrum sorgen neben weiteren Mittelständlern für etwa 2.500 industrielle und gewerbliche Arbeitsplätze im Ort, allesamt in den vergangenen Jahren angesiedelt. Dazu kommen Stellen im Tourismus, der vor allem dank dem Stadtentwicklungsprojekt "Seestadt Großräschen" floriert. Die Folge: "Seit etwa vier Jahren steigt das Interesse von Zuzüglern", sagt Zenker. "Das sind Einheimische, die gern zurückmöchten, genauso wie ganz Neue, die in der Umgebung oder bis in Dresden arbeiten und bei uns leben möchten." Zenker hat neue Baugebiete ausweisen lassen. Wo die Gemeinde selbst baut, gebe es Wartelisten. Er ist selbst aus einem Nachbardorf in ein vom Abriss bedrohtes Betriebsleiter-Wohnhaus in Seenähe gezogen und hat es umgebaut. Da habe man Vorbildfunktion, sagt Zenker.

Wenn ein Unternehmen in Schieflage gerät, klemmt er sich persönlich hinters Telefon, um Bürgschaften und Kredite zu sichern - wie jüngst bei einer Firma, die sich mit der Expansion nach Asien verhoben hatte. Zenker nutzt es als Beispiel, um auf die besondere Lage seiner Heimat hinzuweisen: Mittelständler in der Lausitz verfügen in der Regel über wenig Eigenkapital und können leichter durch Einzelentscheidungen oder Krisen aus der Bahn geworfen werden. Vorwürfe, die Lausitz habe sich zu lange auf der Kohle ausgeruht, machen den 57-Jährigen wütend. "Wir sind sturmerprobt." Was man brauche, seien Zeit, Verlässlichkeit und schlanke Verwaltungswege, um Entscheidungen umsetzen zu können.

Nur: Wie viele solcher Leuchttürme wie Großräschen verträgt eine Region, ohne dass sie sich gegenseitig die Energie rauben? Es gibt Ansätze wie die Ansiedlung und Erweiterung von Hochschulen, verschiedene Wirtschaftsinitiativen oder die Idee, Batteriezellen für die Elektromobilität in der Lausitz herstellen zu lassen. Allerdings wirkt vieles wenig aufeinander abgestimmt, manches hilflos, anderes dadurch abgewürgt, dass sich auf vielen Ebenen sehr wenige Menschen zuständig fühlen. Diskussionen wie die über das Aus des Siemens-Standorts in Görlitz tragen zur Verunsicherung bei und nähren die Sorge, dass die Investitionen in Infrastruktur und Wirtschaft nicht wie versprochen strategisch und ausreichend vor dem tatsächlichen Kohle-Ende kommen. Zusätzlich entstehen Gerüchte, die LEAG könnte sich bei einem vorzeitigen Ausstieg vor der Rekultivierung von Tagebau drücken. Das Unternehmen und Politiker verneinen dies vehement: Zumindest offen sichtbare Wunden soll der Wandel nicht hinterlassen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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