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Ortstermin: Lesung ZUm krieg im Netz
Lisa Brüßler
Kampf in einem Spiegellabyrinth

"Immer mehr in unserer Welt ist von digitalen Systemen abhängig", leitete Internet-Spezialist Frank Rieger die Lesung aus dem Buch "Cyberwar - die Gefahr aus dem Netz. Wer uns bedroht und wie wir uns wehren können" vergangene Woche in der Berliner Bundestagsbibliothek ein. Zusammen mit Co-Autorin Constanze Kurz vor einen Jahr geschrieben, wolle das Buch einen Diskussionsbeitrag zur Motivation, den Strategien und Werkzeugen von Hackern leisten. Dazu gehöre auch zu erklären, wie sich diese Welt verändert habe -"vom Hobbybereich zu, im weitesten Sinn, Auftragshackerei", sagte Kurz, die bereits Sachverständige in der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" des Bundestages war.

"In meinem Amt bin ich für Fragen der Datensicherheit und der Infrastruktur des Bundestags zuständig", leitete Vizepräsidentin Petra Pau (Die Linke) die Lesung ein. Sie frage sich aber auch als langjährige Innenpolitikerin, was die Digitalisierung mit der Demokratie mache und ob "die Chancen groß und die Gefahren riesig" seien, sagte Pau mit Blick auf den Datenschutz und Bürgerrechte.

In Zeiten umfassender Digitalisierung sei die Angreifbarkeit gestiegen, erklärte Kurz. Eine herausragende Rolle komme, was Spionage und Sabotage angehe, der Stuxnet-Cyberattacke der USA und Israels im Jahr 2010 zu, durch die tausende Uranzentrifugen des Iran beschädigt wurden. "Dieser mit hohem Aufwand geführte Angriff gilt als Startschuss für Cyberwars und hat die Welt verändert, denn mehrere Wellen von Angriffen folgten." Herausfinden zu wollen, von wo ein Angriff komme, sei "Kaffeesatzleserei", ordnete sie diese veränderte Angriffslage ein.

Cyberattacken seien zudem nicht isoliert zu betrachten, sondern immer eingebettet in ein größeres strategisches Ziel. Dazu gehöre auch, dass der Informationsraum verändert und die öffentliche Meinung in anderen Ländern manipuliert werde - eine nicht unwesentliche Rolle komme dabei auch den sozialen Medien mit ihrer Markt- und Manipulationsmacht zu, kritisierte Rieger. Mit dieser Tendenz einher gehe auch die Dekonstruktion von gesellschaftlichen Fixpunkten und das Ziel, die Herausbildung eines Konsenses zu verhindern.

"Aus moralischer und historischer Perspektive sollten wir in Deutschland als Vorbild bei digitalen Angriffen fungieren", plädierte Rieger und verwies darauf dass ein "Zurückschlagen" schwer sei, wenn nicht klar ist, wer überhaupt angreife. Eine Abschreckungslogik und der Aufbau von Bedrohungspotenzial funktionierten nicht, da der Gegner auch an anderer Stelle zuschlagen könne. "Wir haben beim Stuxnet-Angriff gesehen, dass sich die Vergeltung der Iraner nicht direkt gegen die USA richtete, sondern gegen Saudi Arabien als wichtigen Partner. Das ist also ein Kampf in einem Spiegellabyrinth", sagte er.

Sinnvoller sei es, eine defensive und langfristige Strategie zu entwickeln und nicht etwa einer Angriffslogik zu folgen, plädierten die Internet-Spezialisten und Chaos Computer Club-Sprecher. "Dazu gehört auch eine innenpolitische Debatte darüber, wo der Staat Sicherheitslücken kauft und wo Grenzen sind", sagte Kurz. Eine solche Strategie müsse die Bildung und die Softwareinfrastruktur verbessern und auch internationale Abkommen umfassen.Lisa Brüßler

Aus Politik und Zeitgeschichte

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