Inhalt

KULTUR
Katharina Dockhorn
Scheunen-Flimmern

Koalition verständigt sich auf Förderung der Kinos auf dem Land

Das Burg-Filmtheater auf Fehmarn, der Hofgarten in Belzig oder die Filmtheater in Mölln und Aichach gehören zu den besten Kinos Deutschlands. Das Publikum liebt ihr Programm, das mindestens zu einem Viertel aus europäischen Filmen besteht. Das Engagement der Betreiber wird auch von der Filmförderungsanstalt belohnt. Sie schüttete Anfang April an die engagierten Kinomacher Referenzmittel nach dem Filmförderungsgesetz (FFG) aus. Deutschlands Kinos sind längst mehr als Teil der Kette zur wirtschaftlichen Auswertung von Filmen. In vielen Städten und Gemeinden sind sie der einzige kulturelle Treffpunkt. Um sie zu erhalten, kündigte die Bundesregierung 2017 das "Zukunftsprogramm Kino" an. Zwei Millionen Euro stellte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) in ihrem Etat 2019 für dessen Start ein.

Grütters ging erneut in die Vorreiterrolle, um die Länder für ein gemeinsames Förderprogramm zu gewinnen. Der Hauptverband deutscher Filmtheater (HDF) geht von einem Bedarf von 900 Millionen Euro aus, um den Investitionsstau in den Filmtheatern aufzulösen. Ihre Gewinnmargen sind zu schmal geworden, um Rücklagen zu bilden. Der Zuschauerschwund macht sich bei den Einnahmen bemerkbar, mit jedem ausbleibenden Zuschauer fehlen fünf Euro. Steigende Kosten für Energie durch die digitale Projektion und die 26.000 Mitarbeiter schränkten den Investitionsspielraum zusätzlich ein. Auch für den barrierefreien Umbau der Häuser fehlen die Mittel.

Der HDF schlug daher vor, das "Zukunftsprogramm" mit einem Fördervolumen von 90 Millionen Euro über fünf Jahre auszustatten, die sich Bundesregierung und Bundesländer teilen. Doch nur wenige Länder stockten wie Bayern die Programme zur Förderung der Kinobetriebe finanziell auf. Viele Kinomacher fürchten nun, dass sich die Verhandlungen zwischen Bund und Ländern ebenso lange hinziehen wie die über die Digitalisierung des Filmerbes. Die Kultur- und Haushaltspolitiker der Koalitionsfraktionen sahen dies wohl ähnlich. Gemeinsam mit Grütters und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) stockten sie die finanziellen Mittel auf. Ihr "Soforthilfeprogramm für Kinos im ländlichen Raum" ist bei der Initiative "Kultur in den Regionen" des Landwirtschaftsministeriums angesiedelt und mit fünf Millionen Euro budgetiert.

Gritta Connemann (CDU), stellvertretende Vorsitzende der Unions-Fraktion, freut sich über die Stärkung des Sehnsuchtsorts Kinos. Er könne "nicht durch Streaming-Dienste auf der heimischen Couch ersetzt werden. Aber die Betriebe brauchen Schützenhilfe, um diesen Beweis antreten zu können." Martin Rabanus, kultur- und medienpolitischer Sprecher der SPD-Faktion, ergänzt, dass der digitale Umbruch die kleinen und unabhängigen Kinobetriebe vor große Herausforderungen stelle. "Das Soforthilfeprogramm ist nur der erster Schritt, um die Kinos außerhalb von Metropolen fit für die Zukunft zu machen."

Das Programm ist auf Häuser in Gemeinden bis 25.000 Einwohner ausgerichtet, es kommt vorrangig den westlichen Bundesländern zu Gute. In den neuen Ländern fehlen diese Spielstätten. In Ostdeutschland wurden die Filmtheater 1947 von der sowjetischen Militäradministration enteignet, nach der Wende verkaufte sie die Treuhand oft en bloc an einen Betreiber. Im einstigen Bezirk Magdeburg erwarb die Ufa Filmtheater AG 29 der 60 bestehenden Kinos, das Kinosterben auf dem Land begann. Wenig später schloss die Ufa alle Filmtheater in Orten mit weniger als 20.000 Einwohnern, nur wenige wurden von den Kinoleitern übernommen und spielen wie das wundervolle alte Kino in Burg bei Magdeburg noch heute.

Alternative Spielstätten Um die Lücke zu füllen, erlebt in Mecklenburg-Vorpommern eine alternative Form des Kinos eine neue Blüte, die an die Anfänge des Kintop als Jahrmarktattraktion und des Landkinos der DDR anknüpft. Ehrenamtliche aus dem Landesverband Filmkommunikation und dem Filmklub Güstrow bauten mit dem Projekt "Dorfkino einfach machbar" ein Netzwerk von mehr als 100 alternativen Spielstätten wie Gemeindezentren oder sanierten Pfarrscheunen auf, die regelmäßig aktuelle Filmhits wie "Green Book", "Der Fall Collini" oder "Monsieur Claude 2" spielen. Andreas Dresens "Gundermann" sahen über den Abspielring über 2.000 Zuschauer.

Mit Ausnahme einer Firma haben alle deutschen Verleihe die Vorzüge des Systems erkannt. Der Breitbandausbau könnte den Transport der Medien mit dem Postboten ersetzen.Die Kulturstiftung des Bundes unterstützte das Projekt mit 80.000 Euro, dafür wurde eine professionelle Onlineplattform aufgebaut. Seitdem gewinnt die Initiative wöchentlich neue Interessenten aus Brandenburg oder Thüringen hinzu. Gerade auf dem Land können solche alternativen Formen Zuschauer zurück ins Kino locken.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag