Inhalt

Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

Auch im postkolonialen Afrika gelten die wirtschaftspolitischen Theorien des Westens. Zu diesem Befund kommt der Senegalese Felwine Sarr, Schriftsteller und Professor für Wirtschaftswissenschaften in St. Louis, in seiner Schrift "Afrotopia". Bekannt wurde Sarr in Europa als Berater von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Der Ökonom betont: Je nach Blickwinkel werde Afrika entweder eine düstere Zukunft prognostiziert oder dank seines Rohstoffreichtums euphorisch als Eldorado des Weltkapitalismus gefeiert. Die Afrikaner selbst hätten an diesen Szenarien keinen Anteil. Sarr attestiert Afrika einen Mangel an "eigenen Zukunftsmetaphern": Die Menschen wüssten nicht, welchen Herausforderungen sie sich stellen müssten. Darüber hinaus fehle es an Persönlichkeiten wie Nelson Mandela, die Afrikas Zukunft Gestalt geben könnten. Immerhin seien die Bildungserfolge auf dem Kontinent eine wichtige Voraussetzung für eine künftige "intelligente Revolution".

Zwischen Thomas Morus und Karl Marx will Sarr mit seiner Utopie die "gewaltigen Möglichkeitsräume innerhalb der afrikanischen Wirklichkeit" aufstöbern und fruchtbar machen will. Die Herausforderung bestehe darin, ein starkes positives Denken in Bezug auf das Schicksal Afrikas zu artikulieren und ein neues afrikanisches Selbstbewusstsein zu kreieren. Mehr noch: Die Afrikaner seien aufgerufen, die Zivilisation zu retten, die sich dank der technisch-wissenschaftlichen Vernunft in einer Sackgasse befinde. Die afrikanischen Kulturen und Kosmologien seien dafür bestens geeignet, denn sie könnten die Völker zusammenführen. "Sein Status als Erstgeborener der Menschheit" verlange dies geradezu.

Sarr beschreibt in kurzen, informativen Essays die geistigen Erfolge des Kontinents und fordert die Afrikaner auf, sich aus dem wirtschaftlichen Wettbewerb mit den anderen Nationen zurückzuziehen. "Afrika muss gegenüber niemandem aufholen", denn es verkörpere die "Lebenskraft der Menschheit". In nur 35 Jahren werde jeder vierte Mensch ein Afrikaner sein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag