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Aufgekehrt
Hans Krump
Abschied von den »Gelben«

Wieder ist hierzulande ein Stück Kultur verschwunden. Die Deutsche Telekom hat die letzte gelbe Telefonzelle abtransportiert - vom oberbayerischen Wallfahrtsort St. Bartholomä mit einem Boot über den anliegenden Königssee, ganz auf den Spuren von Märchenkönig Ludwig II. Die gelben Zellen gehörten zu unseren Städten lange wie die Spitzen der Kirchtürme. Seit 1881 gibt es in Deutschland solche Stationen, seit 1946 in der Postfarbe Gelb. Im Handyzeitalter sterben diese Häuschen weg wie die Dinosaurier. Heute leistet sich die Telekom noch 17.000 magentafarbene überdachte, außen offene Telefonzellen.

Sie markieren schon den Übergang zur transparenten Mobiltelefon-Ära, weil man an den Magenta-Häuschen mithören kann, was so alles über die Freundin oder den Arbeitskollegen gesprochen wird. Wir stehen am Ende einer bedeutenden Zeit. Was haben wir nicht alles rund um gelben Telefonzellen erlebt. Fehlende Hörer, herausgerissene Telefonbuchseiten, Erbrochenes und andere Hinterlassenschaften.

Mit den gelben Häuschen geben wir auch Errungenschaften ab: Kein Geheimdienst konnte unseren Gesprächen in der Zelle lauschen. Die Stationen waren in der Vor-Handyzeit die einzige Möglichkeit, die Eltern über den früheren Schulschluss zur informieren. Und wir bekamen Disziplin beigebracht. Niemand konnte in Ruhe minutenlang über alles mögliche Belanglose quasseln, wenn draußen im Regen die nächsten "Kunden" nervös trampelten, um selbst dranzukommen. Aber das Zeitalter der gelben Telefonzellen ist womöglich nicht zu Ende. In England verkauft die dortige Telekom die beliebten roten, gusseisernen Telefonhäuschen an Liebhaber für Tausende Pfund. Im Nullzins-Zeitalter könnten auch die deutschen "Gelben" einmal eine wertvolle Sachanlage sein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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