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Ortstermin: Erstwahlhelfer-Ausbildung in berlin
Lisa Brüßler
Sonntags-Dienst an der Wahlurne

Der Stuhlkreis im ehemaligen Schleusenwärterhäuschen am Kreuzberger Landwehrkanal in Berlin füllt sich an diesem Morgen rasch. Zehn Jugendliche sind in das Haus der Kreuzberger Kinderstiftung gekommen, um sich für die Wahlen zum Europäischen Parlament am 26. Mai zum Wahlhelfer ausbilden zu lassen: "Ich studiere Geschichte auf Lehramt und werde auch mal Politik unterrichten müssen", erzählt Jenny aus Charlottenburg. "Die Ausbildung hier ist deshalb die Gelegenheit, mich praktisch mehr mit Europa zu beschäftigen." Auch bei Studentin Janine kam Politik in der Schule zu kurz: "Klar habe ich zu manchen Aspekten eine Meinung. Aber das heißt nicht, dass ich sie auch fundiert begründen kann", sagt die 21-Jährige, die am 26. Mai im Wahlamt Treptow-Köpenick mithilft.

Jenny und Janine sind zwei der 80 neuen jugendlichen Erstwahlhelfer aus Berlin. "Die Stiftung setzt sich seit 2004 für Bildungsgerechtigkeit und Jugendengagement ein. Im vergangen Jahr ist uns aufgefallen, dass junge Menschen in der ehrenamtlichen Tätigkeit als Wahlhelfer deutlich unterrepräsentiert sind", erzählt Projektleiterin Lina Andres von der Kinderstiftung. Daraufhin entstand das Berliner Erstwahlhelfer-Projekt als Kooperation mit dem Haus Rissen aus Hamburg und der Schwarzkopf Stiftung Junges Europa. "Unser Ziel ist es, die Identifikation junger Menschen mit der europäischen Demokratie zu stärken, indem sie sich als Teil dieses Prozesses erleben und so lernen, Verantwortung zu übernehmen", erklärt Andres. Denn Wahlhelfer zu sein bedeute auch zu erleben, wie viele Hände für das Gelingen benötigt werden.

Für den Einsatz am Wahlsonntag besuchen die Jugendlichen zwischen 17 und 27 Jahren zwei Samstags-Schulungen im Stiftungshaus: Während es im ersten Teil darum geht wie die Europäische Union arbeitet, behandelt ein zweiter Teil die praktische Arbeit im Wahllokal: In einer Simulation lernen die Jugendlichen in Rollenspielen mit außergewöhnlichen Situationen umzugehen. Das könne sein, dass jemand laut rede, ein Kind mit in die Wahlkabine nehmen wolle oder jemand, der blind ist, zum Wählen komme, berichtet Andres. "Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass die Simulation aufregender ist als der eigentliche Einsatz im Wahllokal - aber gut vorbereitet zu sein, schadet ja nie", sagt sie.

Auch Schüler Leo aus Kreuzberg lässt sich ausbilden: "Bei den Wahlen, an denen ich bislang teilnehmen durfte, hatte ich immer unfreundliche Wahlhelfer. Bei meinem eigenen Einsatz im Wahllokal möchte ich das anders machen", sagt er. Neben ihm sitzt Mara. "Es hilft nicht, nur zu meckern über die Politik, man muss sich selbst einbringen", betont sie. Erst vor wenigen Tagen hat sie von dem Projekt erfahren, kann sich aber vorstellen, dass es nicht bei einem Einsatz bleibt. Federführend in der Koordination der Einsätze ist das Bürgeramt Kreuzberg-Friedrichshain. "Uns ist es ein echtes Anliegen, Menschen in Prozesse wie die Wahlhelfer-Tätigkeit zu integrieren", sagt Bürgeramtsleiterin Sieglinde Pölitz. Sie unterstütze den Ansatz des Projektes, die Tätigkeit als freiwillige Aufgabe zu sehen und fördere, dass Jugendliche von etablierten Wahlhelfern lernen. "Wenn die Dynamik passt, kommt es sogar nicht selten vor, dass Teams über einen längeren Zeitraum zusammenbleiben", berichtet sie.Lisa Brüßler

Aus Politik und Zeitgeschichte

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