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Erstwähler im Portrait
Lisa Brüßler
»Jeanne Morel, 18 Jahre (Frankreich)«

Als ich jünger war, dachte ich, dass Grenzen eine wichtige Sache sind und ich einen Unterschied merken würde, wenn ich eine überquere. Tatsächlich sind sie aber meist unsichtbar und wir vergessen zu leicht, was das für ein Vorteil ist. Das habe ich zum ersten Mal verstanden, als ich nach Amerika gereist bin. In der digitalen Welt gibt es auch keine Grenzen, warum also in der realen? Ich denke viel darüber nach, warum Regierungen wieder Mauern bauen und auf Abschottung setzen. Wenn Menschen gezwungen sind, zu fliehen, werden sie immer einen Weg finden.

Meine wichtigste Erfahrung mit Europa war ein dreimonatiger Austausch nach Berlin. Ich komme aus Paris und gehe noch zur Schule, aber ich weiß schon jetzt, dass ich gerne im Ausland studieren möchte, am liebsten in Deutschland.

Meine gesamte Familie kommt aus Frankreich, allerdings aus unterschiedlichen Regionen. Meine Großmütter haben sehr unterschiedliche Traditionen, Einstellungen, Kochstile und auch Akzente, deshalb bin ich oft etwas gespalten zwischen meinen nord- und südfranzösischen Wurzeln. Aber meist sage ich mir, dass mich das auch etwas multikulturell macht. Ich liebe Sprachen und meine Eltern haben mir immer nahegelegt, andere Länder zu besuchen. Das bedeutet nicht, dass ich meine Herkunft vergesse, sondern mehr, dass ich alle Möglichkeiten nutze, die mir offen stehen. Dass ich in Frankreich geboren wurde, ist nicht meine Entscheidung gewesen und ich habe noch nie verstanden, warum Menschen im Ausland in mir mein Herkunftsland repräsentiert sehen sollten und ich stolz auf die französische Geschichte sein soll.

Es frustriert mich, dass viele Medien oft nur über Probleme berichten. Das macht es auch schwerer, jetzt bei meiner ersten Wahl eine Partei zu finden, die mich am ehesten anspricht. Es ist eher so, dass ich verschiedene Ideen mehrerer Parteien teile. Ich versuche auch, mein Umfeld dazu zu bringen, wählen zu gehen, aber ich fürchte, dass viele denken, dass die Wahl nicht wichtig ist. Wir unterhalten uns über Politik, aber viele meiner Freunde nehmen sie als zu kompliziert oder zu weit weg von ihrer täglichen Realität wahr. Mit meiner Familie spreche ich eher weniger darüber, weil sich die Diskussionen oft zu Streits entwickeln. Und wenn mal über Politik gesprochen wird, dann geht es eher selten um europäische Themen.

Die Schule hier ist sehr stressig und ich habe das Gefühl, dass die Zukunft meiner Generation mehr als unsicher ist. Es gibt ökonomische Krisen, wenige Lösungen, einen Anstieg bei der Arbeitslosigkeit. Ich habe den Eindruck, dass wir die Wahl, haben, entweder die Besten zu werden oder aber auf der Schattenseite zu stehen. Für uns junge Menschen sieht das politische Geschäft von außen oft einfach nur abscheulich aus. Gleichzeitig wollen wir Dinge verändern und haben Ideen, wie das Leben von Menschen verbessert werden kann, aber eher über NGOs und Vereine.

Ich bin überzeugt, dass wir in der Schule mehr über Europa und die aktuellen Handlungsbedarfe lernen sollten, damit wir die Probleme, die die Union hat, besser verstehen können. Um sich als Teil des Systems zu begreifen, muss man erfahrbar machen, was die Abgeordneten genau tun. Viele wissen zwar, dass die EU viele Projekte finanziert, aber wofür genau sie Geld gibt, das wissen wir nicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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