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Erstwähler im Portrait
Lisa Brüßler
»Goodness Olaoti, 18 Jahre (Großbritannien)«

Ich lebe in Mansfield, komme aber ursprünglich aus Nigeria. Als ich sieben Jahre alt war, kam meine Familie hierher. Wir waren zu fünft und weil ich hier aufgewachsen bin, habe ich die britische Staatsbürgerschaft bekommen. Ich erinnere mich, dass all die verschiedenen Dialekte in den Städten komisch für mich waren, als wir nach Großbritannien kamen. Ich konnte nur wenig Englisch und Interaktionen waren deshalb ziemlich schwierig. Jetzt bin ich in meinem letzten Schuljahr und habe die Hoffnung, studieren zu können und Wissenschaftler zu werden. Meine Familie ist fest in einer baptistischen Gemeinde verwurzelt und insgesamt wird nicht so viel miteinander gesprochen. Wenn es mal um Politik geht, dann meist nur kurz. Aber das ist nichts Ungewöhnliches: Ich habe einige Freunde, die überhaupt nicht mit den politischen Ansichten ihrer Eltern übereinstimmen. Und das ist auch der Grund dafür, warum in meinem Umfeld allgemein nur sehr wenig über Politik gesprochen wird.

Mansfield hat eine der höchsten Kriminalitätsraten des Landes und die Mehrheit der Menschen hier hat für den Brexit gestimmt. Vor allem wenn es darum geht, wissen wir jungen Menschen um die Auswirkungen auf uns und unsere Zukunft - es gibt momentan kaum ein anderes Thema. Auch in der Schule sprechen wir darüber, warum es nicht ein weiteres Referendum gibt. Es ist schade, dass so viele, vor allem ältere Briten, gar nicht oder falsch über die Folgen ihrer Entscheidung informiert waren. Die Zukunft ist für Studenten unsicher, auch was Austausche und Mobilität angeht, und das ist frustrierend. Unsere Politiker hatten jahrelang Zeit, ihre Pläne für einen Brexit zu konkretisieren und umzusetzen, aber alles was herausgekommen ist, sind Uneinigkeit und Spaltung.

Vor kurzem bin ich 18 Jahre alt geworden und ich habe noch nie gewählt. Mir ist nirgendwo beigebracht worden, um was es genau bei den Wahlen zum Europäischen Parlament geht und wie das genau funktioniert. Bis vor kurzem bin ich fest davon ausgegangen, dass Großbritannien sowieso nicht daran teilnehmen wird. Bis heute wissen wir nicht genau, ob es doch noch anders kommt. Trotz alledem würde ich sagen, dass meine britische Identität nicht wichtiger ist als meine europäische. Wenn ich in die Zukunft blicke, dann habe ich Angst davor, dass andere Länder dem britischen Modell folgen und die Mühen um die europäische Integration umsonst waren. Ich kann nur hoffen, dass die EU sich stärker vereinigt und Entscheidungen von vielen Ländern ausgearbeitet werden - und nicht, dass ein Land sagt. wo es lang geht.

Mir macht Mut, dass viele Leute inzwischen die Konsequenzen des Brexit wahrnehmen und darüber nachdenken. Das hätte nur schon vor drei Jahren stattfinden müssen. Wenn ich eine Botschaft an die Politik senden könnte, würde ich ihr sagen, dass sie stärker die Meinung junger Menschen einbeziehen müsste. Wir werden es sein, die die Zukunft meistern müssen, deswegen sind unsere Perspektiven mindestens genauso relevant und wichtig.

Aufgeschrieben von Lisa Brüßler

Aus Politik und Zeitgeschichte

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