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Erstwähler im Portrait
Lisa Brüßler
»Flavia Sandu, 20 Jahre (Rumänien)«

Ich studiere Sprachen und internationale Studien in Dänemark, komme aber aus Pitesti in Rumänien. Ich würde nicht sagen, dass ich als Bürgerin Europas erzogen wurde. Meine Mutter ist zwar keine Anti-Europäerin, aber sie gehört zu der großen Gruppe an Menschen, die nicht viel über die EU wissen. Ich habe mich schon als Jugendliche für Politik interessiert: Bei einem Sommercamp habe ich zufällig andere juge Leute aus Europa kennengelernt und wir haben uns ausgetauscht. Das war quasi meine erste europäische Erfahrung. Schon damals, mit 14, wusste ich, dass ich die Welt besser kennenlernen will. Nach dem Abitur wollte ich einen radikalen Wechsel und bin jetzt seit eineinhalb Jahren im dänischen Aalborg. In meiner Freizeit engagiere ich mich in verschiedenen NGOs wie der Jugendorganisation der Vereinten Nationen.

Die Wahlen Ende Mai sind ein großes Thema für mich. Ich musste mich entscheiden, entweder für die dänischen oder die rumänischen Abgeordneten zu stimmen. Es gab viel Korruption und Nepotismus in meiner Heimat und ich habe das Gefühl, dass es neue Parteien gibt im Land, denen man endlich seine Stimme anvertrauen kann. Deswegen werde ich für die rumänischen Abgeordneten stimmen. Es ist sehr wichtig für mich, dass wir kompetente Abgeordnete nach Brüssel schicken und nicht solche, die nationale Befindlichkeiten vor europäische stellen. Ich glaube, dass es einen großen Unterschied macht, ob nur 200 kompetente Abgeordnete dort sitzen oder 500.

Seit einer Weile sehe ich Dänemark mehr mit einem Insider-Blick. Mir gefällt, dass viele Leute hier international unterwegs sind. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass die meisten Menschen nicht wissen, was die EU konkret macht. Das nehme ich auch im pro-europäischen Diskurs so wahr. Desinformationen, wie wir sie beim Brexit gesehen haben, spielen deshalb eine so große Rolle, weil der Durchschnittsbürger nicht verstanden hat, um was es in der EU geht. Es wäre wichtig, dass die EU ihr Handeln auf der lokalen und regionalen Ebene transparenter macht. Ich denke aber nicht, dass die Union auseinanderbrechen wird. Mir gefällt der Gedanke, dass wir zu eng miteinander verbunden sind, um die Verbindungen zu kappen.

Wenn ich meine Identität beschreiben müsste, würde ich sagen, dass ich als erstes Europäerin und dann Rumänin bin. Gleichzeitig kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand, der sein Heimatland nie verlassen hat, dasselbe sagen würde. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass ich die Vorteile der EU sehr direkt erfahre. Ich denke, in Rumänien sind wir dabei etwas abzudriften, vor allem, wenn es um Freiheitsrechte geht. Es gibt zwar immer mehr unabhängige Medien, aber die werden fast nur von jungen Menschen wahrgenommen. Ich könnte meine Mutter zum Beispiel nicht überzeugen, anstatt den Fernseher anzumachen, mal einen Podcast zu hören. Ich bin überzeugt, dass die ehemaligen kommunistischen Länder, die ja ziemlich isoliert waren, für eine europäische Identität noch eine Weile brauchen werden. Das wird mir immer wieder bewusst, wenn ich nach Hause komme: Es ist keine gute Idee, beim Weihnachtsessen anzufangen, über Politik zu sprechen. Meine Familie ist zwar nicht sehr konservativ, bei den meisten Themen sind sie relativ offen, aber vielleicht bin auch ich die, die etwas radikalere Ansichten hat, jetzt wo ich eine neuen Perspektive habe.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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