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Erstwähler im Portrait
Lisa Brüßler
»Antonios Kitsios, 20 Jahre (Griechenland)«

Die Wahlen im Mai sind das erste Mal, dass ich den Leuten zeigen kann, dass sie falsch liegen, wenn sie behaupten, dass Jugendliche teilnahmslos, passiv und nicht interessiert sind an Politik. Ich freue mich sehr darauf, weiß aber auch nicht, was ich genau erwarten soll und ob ich nun eine andere Verantwortung habe als vorher. Ich hoffe, dass alle, die zum ersten Mal von ihrer Stimme Gebrauch machen, sie bewusst an Repräsentanten geben, die sich für eine Zukunft Europas einsetzen.

Ich wurde in Thessaloniki geboren und bin auf der Halbinsel Chalkidiki aufgewachsen. Momentan studiere ich englische Philologie und Literatur. Auch wenn ich noch nie außerhalb von Griechenland gelebt habe, fühle ich mich als Europäer. Ich bin als Grieche erzogen worden und habe das griechische Bildungssystem durchlaufen, in dem der Fokus auf der griechischen Kultur, Geschichte und Identität lag. Das erste Mal richtig in Kontakt gekommen mit "Europa" bin ich im Geschichtsunterricht in der Oberstufe. Da haben wir an europäischen Projekten wie "Euroscola" teilgenommen. Dabei habe ich verstanden, dass eine Identität mehrere Schichten haben kann. Es war schließlich Europa, das den griechischen Geist, die Philosophie, Wissenschaft, Geschichte, Kultur und Kunst hervorgebracht, bewahrt und verbreitet hat. Ähnlich verhält es sich für mich auch mit der Europäischen Union: Es ist die EU, der ich offene Grenzen, so wenig wie möglich transnationale Konflikte, Arbeitschancen, Sicherheit und Investitionen zum Beispiel in die Jugend verdanke.

Ich kann aber nicht behaupten, dass hier in meiner Heimat täglich über europäische Angelegenheiten diskutiert wird. Wenn über die EU gesprochen wird, dann meistens eher negativ, was natürlich auch mit der tiefen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisenerfahrung hier im Land zusammenhängt.

Ich befasse mich im Studium und meinem Alltag viel mit den Themen Gender und Toleranz. In Griechenland ist das Akzeptieren "des Anderen" als etwas Normales noch sehr problematisch. Es frustriert mich, zu sehen, wie sexuelle Minderheiten behandelt werden. Gleichzeitig freue ich mich, dass durch den Einsatz europäischer Politiker und Aktivisten in ganz Europa Solidarität und ein gewisses Bewusstsein überschwappen.

Ich sehe große Chancen in der Technologie und den sozialen Medien, ein Bewusstsein für Probleme zu schaffen und seine Stimme hörbar zu machen - das war vorher sehr viel schwieriger. In den letzten Jahren, in denen mehr und mehr Menschen nach Europa flohen, vor allem über mein Heimatland, habe ich realisiert, dass unsere Kultur offener und weniger verletzbar wird, je weniger Grenzen wir haben. Ich würde sogar sagen, dass die Entwicklungen der letzten Jahre und die gestiegene interkulturelle Kommunikation unseren Kontinent zum Positiven verändert haben. Trotzdem habe ich Angst davor, dass die EU sich aufspaltet in solche Länder, die ihre nationale Identität nach vorn stellen und eine konservative Politik durchsetzen, und andere Länder, die auf Liberalismus setzen und die Grundprinzipien der EU offen verteidigen. Ich kann nur hoffen, dass die Kinder heute so erzogen werden, dass die Würde des Menschen, dessen Freiheit, der gegenseitige Respekt und das Achten der Menschenrechte zu verbindenden Elementen der Länder Europas werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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