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Erstwähler im Portrait
Lisa Brüßler
»Inez Brogowska, 19 Jahre (Polen)«

Ich bin in Rzeszów, einer kleinen polnischen Stadt, aufgewachsen und stehe kurz vor meinem Abitur. Polen ist der EU beigetreten, als ich vier Jahre alt war - ich kenne also gar keine andere Realität als die europäische. Ich kann mir nicht vorstellen, all die Möglichkeiten, die mir die EU bietet, nicht nutzen zu können. Weil Polen aber sehr stark mit seiner Geschichte und den Traditionen verknüpft ist, fühle ich mich meinem Heimatland sehr verbunden und auch verpflichtet, darauf stolz zu sein. Gleichzeitig nehme ich mich aber auch als Bürgerin Europas wahr, die nicht an ein Staatsgebiet gebunden ist.

Seit zwei Jahren engagiere ich mich aktiv in einer Organisation, dem Europäischen Jugendparlament. Ohne sie hätte ich nie so viele unterschiedliche Ideen, Meinungen und Menschen kennengelernt - und wüsste vor allem nicht über meine Rechte und Pflichten als Bürgerin Europas Bescheid. Ich bin ziemlich aufgeregt, endlich wählen gehen zu dürfen. Momentan ist sogar geplant, dass ich beim Auszählen der Stimmen am Wahlsonntag mithelfen werde. Mit meinen Freunden habe ich in der letzten Zeit versucht, jungen Menschen hier vor Ort mehr über die Wahlen zu vermitteln. Bei den letzten Europawahlen haben nur knapp 24 Prozent der Polen überhaupt ihre Stimmen abgegeben.

Nationale Politik interessiert mich nicht so sehr. Dazu kommt, dass mich wenige Dinge noch mehr frustrieren als unsere momentane Regierung. Ihre Position zu internationaler Zusammenarbeit ist das exakte Gegenteil von dem, was ich von meiner Regierung erwarte. Diese sehr konservativen, geschlossenen und wenig toleranten Positionen führen dazu, dass ich die Tage bis zur nächsten Parlamentswahl zähle. Mein Heimatland würde ich als sehr kritisch gegenüber Politik im Allgemeinen beschreiben - auch weil wir in unserer Geschichte immer wieder Phasen der Unterdrückung durch verschiedenste Länder und Regierungen erlebt haben. Das ist auch der Grund, warum in der Familie nicht so oft über Politik gesprochen wird. Wenn wir diskutieren, dann eher über lokale oder nationale Themen - nur der Brexit bildet da eine Ausnahme, weil ein Teil meiner Familie in Großbritannien lebt und wir somit direkter davon betroffen sind.

Mit der EU bin ich das erste Mal richtig in Kontakt gekommen, als ich verstanden habe, wie sehr die finanziellen Mittel meine Heimatstadt verändert haben. Es sind durch EU-Mittel nicht nur neue Straßen und Brücken entstanden, sondern es wurde auch eine neue Schule gebaut, die ich besucht habe. Das wäre nicht möglich gewesen ohne den Beitritt Polens zur EU.

Wenn ich in Europa unterwegs bin, habe ich ein Gefühl von Sicherheit und Freiheit. Nicht nur, dass ich die Möglichkeit habe, nein, ich werde von der EU sogar ermutigt, über Programme wie Erasmus und Interrail den Kontinent und seine Bewohner besser kennenzulernen. Die ukrainische Grenze ist nur zwei Stunden von meiner Heimatstadt entfernt, aber wenn ich darüber nachdenke, diese Grenze zu überqueren, ist das ein ganz anderes Gefühl.

Dass die Briten nun die Union freiwillig verlassen wollen, kann ich nur als ein sehr negatives Kapitel des europäischen Integrationsprozesses werten. Ich habe Angst, dass nun, wie bei einem Domino-Spiel, andere Staaten folgen werden. Was nicht passieren darf, ist, dass dadurch die europäische Idee gefährdet oder zerstört wird.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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