Inhalt

BILDUNG
Alexander Heinrich
Wissenschaftler wollen im Club bleiben

Der britische Hochschulstandort könnte durch den Brexit an Attraktivität verlieren. Einbußen drohen etwa in der Forschungsförderung

Das Votum lässt an Deutlichkeit nichts vermissen: 70 Prozent der Wahlberechtigten im Stimmbezirk Cambridge votierten beim Referendum 2016 für einen Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU, im Stimmbezirk Oxford waren es sogar 73 Prozent. In ihren Wahlregionen Südost-England und Ost-England nahmen sie damit jeweils den Spitzenplatz ein. Auch in anderen prominenten akademischen Zentren der Insel ist das Stimmungsbild eindeutig: Als "schlimmste nationale Selbstdemontage" bezeichnet etwa der Rektor der Universität Glasgow, Anton Muscatelli, den geplanten Austritt seines Landes aus der EU. Muscatelli, einer der Top-Ökonomen Großbritanniens, ist Vorsitzender der Russel-Group, das ist der Verbund der 24 führenden britischen Forschungsuniversitäten.

Brandbrief Über Jahrzehnte ist ein großer, weltweit geschätzter und sehr erfolgreicher Hochschulraum in der EU aufgebaut worden, von dem insbesondere Großbritannien überproportional profitiert - in der Forschungsförderung ebenso wie als attraktives Zielland für akademische Karrieren. Ein Austritt des Königsreichs, erst recht ein ungeregelter, ist schlecht für den Forschungsstandort Großbritannien, so sehen es viele Wissenschaftler auf der Insel. Grundlegende Forschungsverbindungen, der wertvolle Austausch von Studenten, Forschern und Wissen würde aufs Spiel gesetzt - so haben es die Hochschulverbände Russell Group, Guild HE, Million Plus und University Alliance, die zusammen mehr als 150 Hochschulen im Land repräsentieren, in einem Brandbrief ans britische Unterhaus geschrieben.

Auf rund 30 Prozent wird in Großbritannien der Anteil der Wissenschaftler und der Studenten aus anderen EU-Ländern beziffert. Insbesondere unter Deutschen genießt das britische Hochschulsystem einen tadellosen Ruf. Mit mehr als 5.000 deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und mit rund 13.500 Studentinnen und Studenten stellen sie nach Angaben des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (daad) die größte nationale Gruppe aus EU-Ländern. Welche Bleibeperspektiven haben sie und andere Europäer, wenn mit einem EU-Austritt die Personenfreizügigkeit fällt? Bisher sind die Studiengebühren für Studenten aus EU-Staaten wie für britische Studenten auf 9.250 Pfund im Jahr (10.435 Euro) in der Regelstudienzeit gedeckelt. Die Regierung in London hat zwar zugesichert, dass das vorerst so bleiben soll, ob das aber auch für die Zeit nach dem akademischen Lehrjahr 2020/2021 gilt, ist alles andere als sicher. Dann könnten auf EU-Studenten Kosten von rund 20.000 Pfund pro Lehrjahr zukommen, die Studenten aus Drittstaaten für ein Studium an britischen Universitäten zahlen.

Auch für die Studenten aus EU-Staaten, die durch das Programm Erasmus+ gefördert werden und für die das Studium im Königreich bisher gebührenfrei ist, ist die Zukunft unklar. Im Falle eines ungeregelten Austritts verlöre das Vereinigte Königreich im laufenden Programm Erasmus+ seinen Status als Programmland, mit der Folge, dass Projekte mit britischer Beteiligung nicht mehr förderfähig seien, heißt es beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Eine Notfallregelung sehe aber vor, dass zumindest die bereits begonnenen Auslandsaufenthalte abgesichert werden.

Bei der Forschungsförderung könnten britische Unis das Nachsehen haben. Rund 20 Prozent der öffentlichen Finanzierung ihres Forschungshaushaltes bestreiten die Spitzenuniversitäten Cambridge, Oxford, das University College London und Imperial College London und die University of Edinburgh aus EU-Mitteln. Laut BMBF gibt es im Forschungsförderprogramm Horizont 2020 derzeit 6.400 laufende Projekte mit britischer Beteiligung, davon 2.500 mit deutscher. Bei einem "No-Deal"-Brexit könnten britische Institutionen zwar weiterhin teilnehmen, erhielten aber keine EU-Förderung mehr. Die Regierung in London hat angekündigt, die Förderung für britische Teilnehmer des Programms künftig zu übernehmen. Für Verbundprojekte rechnet man im BMBF deshalb nur mit begrenzten Auswirkungen. Bei Projekten aus Einzelfördermaßnahmen mit einer Gasteinrichtung im Königreich sei die Lage hingegen unsicher.

Bürokratie Ob nun chaotischer Austritt oder ein geregelter Ausgang mit einem Abkommen: Britische Universitäten dürften sich künftig mit den Behörden wegen Aufenthaltsgenehmigungen für viel mehr ihrer Wissenschaftler und Studenten herumschlagen als bisher. Und sie werden für jedes einzelne wegfallende EU-finanzierte Forschungsprojekt neue Förderanträge schreiben, die dann wiederum von fleißigen Beamten in London gelesen und beschieden werden müssen. Was genau diese behördlichen Prozeduren von der so häufig geschmähten EU-Bürokratie unterscheiden soll, das werden die Brexit-Befürworter den klügsten Köpfen im Lande noch erklären müssen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag