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ITALIEN
Dominik Straub
Die Faszination der Höhlenwohnungen

Matera galt lange als Armenhaus. Heute ist die Kleinstadt Teil des Unesco-Weltkulturerbes und eine von zwei europäischen Kulturhauptstädten

Den prächtigsten Blick auf Matera hat man von der Murgia: Steht man auf dem mit mediterraner Macchia und wilden Kapern überwucherten Hochplateau, das durch die tiefe Schlucht des Flusses Gravina von der Stadt getrennt ist, wirkt Matera auf den Betrachter wie eine überdimensionale, italienische Weihnachtskrippe. Die in die gegenüberliegende Wand des Canyon gebauten kleinen Häuser und Kirchen scheinen wie übereinander gestapelt; verbunden sind sie durch enge Gässchen und steile, verwinkelte Treppen. In der Abendsonne leuchtet der Tuffstein, aus dem ganz Matera gebaut wurde, in warmen Farben, die von hellem orange bis zu zartem violett reichen.

Das pittoreske Häusergewirr sind die berühmten "Sassi". Das bedeutet auf Italienisch "Steine" - und tatsächlich handelt es sich bei den beiden Quartieren "Sasso Caveoso" und "Sasso Barisano" um in den Tuffstein gehauene Höhlensiedlungen, die schon von den Steinzeitmenschen als Behausungen genutzt und in der Spätantike und danach im Mittelalter weiter ausgebaut wurden. Im Laufe der Jahrhunderte ist ein ganzes System von übereinander liegenden und oft miteinander verbundenen Höhlenwohnungen in die Felsen des Canyon gegraben worden. Zusammen mit dem syrischen Aleppo gilt Matera, das bereits vor 9.000 Jahren urbane Strukturen aufwies, als älteste Stadt der Welt.

Rund 3.000 Höhlenwohnungen hat man in den Sassi von Matera gezählt. Hinzu kommen 162 zum Teil mit farbigen Fresken ausgemalte Höhlenkirchen. Von aussen sieht man wenig von den Grotten: Im Mittelalter wurden vor die Höhleneingänge die kleinen Häuser und Kirchenfassaden gebaut, die den Sassi heute ihren Charme verleihen. Oberhalb, im flachen Teil Materas, befindet sich die barocke Altstadt mit ihren schönen Palazzi, den stets sehr belebten Plätzen und der eleganten Via del Corso. Was heute als atemberaubende Filmkulisse dient - unter anderem für US-Regisseur Mel Gibson, der 2004 in den Sassi zahlreiche Szenen seines Monumentalfilms "Die Passion Christi" gedreht hatte - war bis vor wenigen Jahrzehnten ein Ort bitterer Armut gewesen. Noch in den 1950er Jahren hatten 15.000 Menschenin den Sassi gewohnt, die meisten von ihnen verarmte Bauern. "Wir lebten in den Höhlen ohne fließendes Wasser, ohne Kanalisation, ohne Heizung" erzählt der 95-jährige Angelo Raffaele Lamanna, der in den Sassi geboren wurde. "Die Kinder halfen den Eltern auf den Feldern, kaum eines ist zur Schule gegangen", sagt der spätere Grundschullehrer. Das Elend von damals sei heute nicht mehr vorstellbar - aus Armut hätten die meisten Kinder keine Schuhe getragen und seien barfuß gegangen.

Wegen ihrer Armut und ihren unhaltbaren hygienischen Zustände galt die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg als "Schande Italiens". Der damalige Ministerpräsident Alcide De Gasperi ließ sie im Jahr 1953 räumen. Für die Bewohner wurden Dutzende von Wohnblocks am Rand der heute 60.000 Einwohner zählenden Stadt erstellt. Damit die Evakuierten nicht in die Sassi zurückkehrten, wurde das Viertel eingezäunt und abgesperrt. Die Sassi begannen zu verfallen.

Als bereits niemand mehr daran glaubte, erlebten Matera und seine Sassi eine Wiedergeburt. 1964 drehte Pier Paolo Pasolini seinen Jesus-Film "Das 1. Evangelium - Mattäus" (Originaltitel: "Il Vangelo secondo Matteo") in den damals verlassenen Sassi. Von da an galt Matera unter den italienischen Linksintellektuellen als Geheimtipp. In den Achtzigerjahren wagten sich die ersten Bewohner wieder in das Quartier und begannen die Höhlenwohnungen zu renovieren. 1986 förderte der italienische Staat die Wiederauferstehung der Sassi mit einem Kredit von 100 Milliarden Lire (was heute 50 Millionen Euro entspräche): Mit dem Geld wurden die Höhlenwohnungen an die Frischwasserversorgung, an das Stromnetz und die Kanalisation angeschlossen. Heute verfügen die renovierten Wohnungen über jeden Komfort; in den Sassi gibt es mittlerweile sogar Fünf-Sterne-Unterkünfte.

1993 erfolgte eine weitere, entscheidende Wende in Richtung einer besseren Zukunft: Die Sassi von Matera wurden von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Inzwischen wohnen und arbeiten dort wieder rund 3.000 Personen - wobei die meisten von ihnen vom Tourismus leben. Seit 2010 hat sich die Zahl der Gästebetten in Matera auf 5.000 verfünffacht; in den Gassen der Sassi sind Dutzende von Bars und Trattorien entstanden, die Dichte an Ferienwohnungen ist die höchste der Welt.

Die Wiedergeburt Materas ist auch eine europäische Erfolgsgeschichte: Zum neuen Glanz der Sassi haben EU-Strukturfonds ihren Teil beigetragen. Der "europäische Horizont" sei für die Kulturhauptstadt-Kandidatur von Anfang an zentral gewesen, betont Paolo Verri, Direktor der Stiftung Matera-Basilicata 2019, die für die Organisation des Kulturjahres verantwortlich ist. Das bedeute: "Europa ist überall, Matera ist Europa. Wir wollen, vielleicht im Unterschied zu anderen Kulturhauptstädten, nicht in erster Linie uns selber präsentieren, sondern Europa", unterstreicht Verri. So hätten bei der Eröffnungsfeier 19 Musikkapellen aus 19 europäischen Städten gespielt. "Mehr als 80.000 Zuschauer haben die schöne Seite Europas gesehen, die fröhliche und lebendige Seite." Matera setzt damit auch einen Kontrapunkt zur europaskeptischen Regierung aus der fremdenfeindlichen Lega und der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung.

Sorge um Authentizität Die Wahl zur Kulturhauptstadt hat die Bewohner mit Stolz erfüllt. Aber nicht wenige Bürger haben auch Bedenken. "Ja, das Kulturjahr wird der Stadt zu neuen Touristenströmen verhelfen, aber wir müssen aufpassen, dass wir dabei nicht die Seele verlieren", betont die in Rom lebende, aber aus Matera stammende Schriftstellerin Mariolina Venezia. Tatsächlich wirken die Sassi schon heute wie ein Freilichtmuseum - es besteht die Gefahr einer touristischen Übernutzung, bei der die Authentizität dieses magischen Ortes verloren gehen könnte. Letztes Jahr zählte Matera 450.000 Übernachtungen - im Kulturjahr sollen es 800.000 werden. Etliche Bewohner fragen sich, wie die Stadt diesen Ansturm überhaupt bewältigen soll.

Mario Cresci ist weniger pessimistisch. "Natürlich werden die Sassi touristisch genutzt. Aber wenn ich das mit den Zuständen von früher vergleiche... Ohne die Alberghi und die Bars und Restaurants wären die Sassi doch längst tot", betont der 83-jährige Fotograf aus Ligurien, der jahrzehntelang in Matera gelebt und die Entwicklung vom Armenhaus zur Kulturhauptstadt dokumentiert hat. Wenn schon, dann befürchtet Cresci, dass das Kulturjahr zum Strohfeuer werden könnte: "Wenn es einmal vorüber ist, sollte auch etwas zurückbleiben. Ich bin da etwas skeptisch. Denn ich bin nicht sicher, ob die politischen Behörden sich darüber bewusst sind, welch enormes Potenzial Matera hat."

Laut Cresci müsste neben dem Tourismus vor allem die der Kultur gefördert werden: "Matera ist eine Stadt der Künste, nicht der Industrie. Auch die Kunst generiert Einkommen, wenn man Ausstellungen, Konzerte und Konferenzen organisiert."

Die Region ist in der Tat nicht auf Rosen gebettet: Die Basilicata zählt zusammen mit Molise und Kalabrien zu den ärmsten Regionen im wenig entwickelten Mezzogiorno, dem Süden Italiens. Die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegt bei 40 Prozent; viele Junge wandern ab. Es fehlt an staatlichen Infrastrukturen und privaten Investitionen. Matera ist ein gutes Beispiel für die Vernachlässigung des Südens durch die Regierung in Rom: Es ist vermutlich die erste Kulturhauptstadt Europas, die nicht an das staatliche Eisenbahnnetz angeschlossen ist. Die italienische Staatsbahn hält, von Rom und Neapel her kommend, in Ferrandina, das 35 Kilometer von Matera entfernt ist. Als Alternative bietet sich einzig eine kleine Privatbahn an, mit der man von Bari an der Adria aus in die Kulturhauptstadt Europas gelangt - aber diese benötigt für die 70 Kilometer lange Strecke über zwei Stunden.

Der Autor ist freier Korrespondent in Rom.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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