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Entwicklung
Johanna Metz
Verlust an Land und Nahrung

Experten warnen vor noch mehr Hunger als Folge des Klimawandels

Geht es nach den Vereinten Nationen, sollen Hunger und Mangelernährung bis zum Jahr 2030 der Vergangenheit angehören. Doch das Ziel rückt in weite Ferne: War die Zahl der hungernden Menschen jahrzehntelang gesunken, steigt sie seit vier Jahren wieder an. Heute sind laut der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO mehr als 820 Millionen Menschen unterernährt, alle zehn Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger - letztlich geht jeder zweite Sterbefall von Kindern weltweit darauf zurück

Kampf um Ressourcen Der Klimawandel wird dieses Problem weiter verschärfen. Darin waren sich vergangene Woche die meisten Experten in einer öffentlichen Anhörung des Entwicklungsausschusses einig. Durch Dürren, Überschwemmungen oder Versteppung ginge immer mehr Land verloren, der Kampf um die ohnehin knappe Ressource werde sich in der Konsequenz massiv verstärken, warnten sie.

"Es gibt schon jetzt nicht genug Nahrung, um die Weltbevölkerung gesund zu ernähren", betonte der Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF), Professor Joachim von Braun. Um das zu ändern, seien große Investitionen in Klimaschutz und Agrarentwicklungspolitik erforderlich. Braun verwies auf frühere Berechnungen, wonach jährlich rund 22 Milliarden Dollar für Ernährungshilfen und Investitionen in die Landwirtschaft der Entwicklungsländer nötig seien, um bis 2030 eine Welt ohne Hunger zu schaffen. Wegen der wachsenden Klimarisiken müssten nun noch mehr Mittel aufgewendet werden.

Für eine ökologischere und nachhaltigere Landwirtschaft sprach sich der Generalsekretär der Deutschen Welthungerhilfe, Mathias Mogge, aus. Er lenkte das Augenmerk vor allem auf den steigenden Fleischkonsum, wodurch mehr Flächen für Viehhaltung und Futterproduktion verbraucht würden. Es sei auch Aufgabe der Politik, dem ordnungspolitisch entgegenzuwirken, urteilte er. Eine Lösung könne etwa die Einführung einer CO2-Steuer sein.

Lösung Freihandel? Der Agrarreferent des FoodFirst Informations- und Aktionsnetzwerks FIAN, Roman Herre, rechnete vor, dass der Klimawandel bis zum Jahr 2100 zu einem Netto-Land-Verlust von 3,5 Millionen Quadratkilometern führen werde. "Das entspricht etwa der doppelten Agrarfläche der Europäischen Union". Besonders werde das die am wenigsten entwickelten Länder betreffen. Von den Abgeordneten gefragt, ob Freihandelsabkommen zu mehr Ernährungssicherheit beitragen könne, entgegnete Herre, diese spielten durchaus eine zentrale Rolle. Doch es gebe auch negative Effekte, etwa weil hohe Importkosten häufig die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben würden. Deshalb sei es notwendig, den Fokus stärker auf die Entwicklung lokaler Ernährungsysteme legen.

Anti-These Gegen die Aussagen der drei Sachverständigen stellte sich der Journalist Edgar Ludwig Gärtner. Er nannte den Treibhausgaseffekt "nicht nachweisbar", auch gebe es keine Klimaflüchtlinge, sondern "Wetterflüchtlinge". Die Öko-Landwirtschaft sah Gärtner als nicht geeignet an, um mehr Ernährungssicherheit zu schaffen. Wenn die Produktivität der Landwirtschaft verdoppelt werden müsse, gebe es keine Alternative zu "Kunstdünger und moderner Gentechnik", sagte er. Seine Aussagen stießen bei den Abgeordneten aller Fraktionen, mit Ausnahme der AfD, auf Ablehnung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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