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Irak
Birgit Svensson
Ende der Mauern

Die schwer bewachte Grüne Zone in der Hauptstadt Bagdad ist jetzt Vergangenheit. Anfang Juni fielen die letzten Betonblöcke

Es ist wunderbar", strahlt Suhad am ersten Tag des Zuckerfestes, das den muslimischen Fastenmonat Ramadan beendet. Ganz in Schwarz gekleidet steht die Irakerin vor dem einzigen noch existierenden Kontrollposten im ehemals streng bewachten Bagdader Regierungsviertel, genannt "Grüne Zone". Seit sechs Uhr morgens ist der letzte Zementblock verschwunden, der letzte Stacheldraht entfernt. Nur die amerikanische Botschaft, deren Neubau sich am Tigrisufer entlang zieht, wird noch schwer bewacht. Schräg gegenüber wohnt Suhads Sohn, den sie heute besuchen möchte. Mehr als 16 Jahre lang musste Suhad stundenlange Leibesvisitationen und Taschenkontrollen über sich ergehen lassen, unzählige Male ihren Personalausweis und einen extra für die Grüne Zone erstellten Passierschein vorzeigen, auf den man oft Monate warten musste. Jetzt fährt sie einfach mit einem Taxi bis kurz vor den Kontrollposten bei den Amerikanern und wird von ihrem Sohn zu Fuß abgeholt.

Erfülltes Versprechen Mit der Öffnung der zehn Quadratkilometer großen Zone hat Iraks Premierminister Adel Abdul Mahdi sein Versprechen eingelöst, das er bei seinem Amtsantritt im Oktober vergangenen Jahres gegeben hat. Der Bezirk solle ein normales Stadtviertel von Bagdad werden, hatte er angekündigt. Im November vergangenen Jahres begann der Abriss. Hunderttausende Betonblöcke wurden auf Tieflader gehoben, zum Militärflughafen Al-Muthana im Zentrum von Bagdad gefahren und dort abgekippt. Einige von ihnen finden Wiederverwertung in einem Ring, der derzeit um Bagdad gezogen wird, um Terroristen vor dem Eindringen zu hindern und die Stadt als Ganzes zu schützen. Andere dienen dem Hochwasserschutz oder als Baumaterial für Silos.

Die Stadt in der Stadt sollte die Bewohner der Grünen Zone vor dem Terror draußen in der Roten Zone schützen, was sie auch tat. Die Mehrheit der Politiker der irakischen Regierung wohnte hier. Auch die ausländischen Botschaften, die der Kriegsallianz 2003 angehörten, waren hier beherbergt. Vor allem die Amerikaner machten sich mit ihren Institutionen breit.

Unter ihrer Besatzung erfuhr die Grüne Zone die größte Ausdehnung. Zwar igelte auch Saddam Hussein sich hier schon mit seinem engsten Regierungszirkel ein, doch die Ausdehnung war geringer und das Denkmal der "Schwerter des Sieges" mit den bronzenen Fäusten Saddams waren noch zugänglich. Ab 2003 war das vorbei. Hohe Betonstelen verdeckten seither das Monument. Jetzt flanieren die Bagdader zwischen und unter den Schwertern hindurch, meist abends, wenn die sengende Hitze etwas nachlässt. Es sei schon ein bisschen wie in Berlin, meint Nadine, eine Deutsche, die seit Jahren in Bagdad lebt und arbeitet. Seit die Mauer weg sei, merke man erst, wie erdrückend sie war.

Der Premierminister habe diesen Schritt alleine entschieden, sagt Raid Fahmi, Abgeordneter im irakischen Parlament. "Einige Kollegen hatten Sicherheitsbedenken, aber jetzt sind alle dafür." Fahmi nennt den Sieg über die Terrormiliz IS und die dadurch verbesserte Sicherheitslage als Grund für die Entscheidung des Regierungschefs. Tatsächlich sind die befürchteten Terrorangriffe nach der Öffnung bisher ausgeblieben.

Aber auch der zunehmende Druck der Zivilgesellschaft mag dazu beigetragen haben. Im Sommer 2015 hatten Vertreter der Zivilgesellschaft und Mitglieder der kommunistischen Partei begonnen, gegen die Missstände in der Gesellschaft zu protestieren. Zunächst gegen die unzulängliche Stromversorgung, schlechtes Wasser und unzureichende staatliche Dienstleistungen, schließlich gegen die grassierende Korruption. Das Kalifat des IS existierte seit einem Jahr und der damalige Ministerpräsident Haider al-Abadi hatte neben dem Kampf gegen die Dschihadisten den gegen die Korruption auf seine Fahnen geschrieben. Doch es passierte nichts. Anfang 2016 sprang der schiitische Prediger Muktada al-Sad auf den Demonstrationszug auf. Die Bewegung gewann an Größe. Alsbald wurde von der irakischen "Arabellion" gesprochen. "Wir kommen wieder!", drohten die Demonstranten - und stürmten daraufhin zu Tausenden Anfang Mai 2016 das Parlamentsgebäude in der Grünen Zone. Sie setzten sich auf die Stühle der Parlamentarier und trugen ihre Forderungen nach Mitsprache und Reformen vor.

Drei Tage lang besetzten sie das Regierungsviertel. Um auf die Sitze der Abgeordneten zu gelangen, rissen die Demonstranten Betonstelen ein, überwanden Stacheldraht und Sicherheitsschleusen, überrannten Wachen und Personenschützer. Die ansonsten als Hochsicherheitstrakt geltende Grüne Zone war plötzlich löchrig wie ein Schweizer Käse.

Neue Offenheit Drei Jahre später flanieren die Bagdader ganz normal durch die Straßen des zehn Quadratkilometer großen Viertels. Und einige der Demonstranten sitzen als gewählte Abgeordnete im Parlament, so nach langer Abstinenz auch zwei Mitglieder der Kommunistischen Partei. "Unsere Bürgerbewegung hat gewonnen", freut sich Generalsekretär Raid Fahmi.

Premierminister Mahdi hat seinen Regierungssitz schon im April diesen Jahres aus der Grünen Zone heraus ins Zentrum von Bagdad verlegt. In die Acht-Millionen-Einwohner-Stadt kehrt nach dem Ende des "Islamischen Staates" langsam die Normalität zurück.

Die Autorin berichtet als freie Korrespondentin aus dem Irak.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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