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Kristina Pezzei
An die Heizung, an die Hülle

Per Gesetz sollen mehr Einsparungen erreicht werden. Die Branche will steuerliche Anreize

Asbest im Fußboden, marode Heizungsstränge und eine Fassade, die bessere Zeiten gesehen hatte - der Mariendorfer Wohnblock des Berliner Wohnungsunternehmens Gewobag war reif für eine Sanierung. Anstatt nur hie und da das Nötigste auszubessern, nutzte das Management den Anlass, das Quartier zu einem Modellprojekt in Sachen energetischer Sanierung zu gestalten: Aus dem Wohnpark wurde die "Smart City Mariendorf" mit etwa 850 Wohnungen, deren Kohlendioxid-Ausstoß dank intelligenter Haustechnik und Dämmmaßnahmen um 70 Prozent zum Stand vor der Sanierung gesunken ist. Damit sehen die Experten der Deutschen Energie-Agentur (dena), dem Thinktank und Berater der Bundesregierung in Energiewende-Fragen, die Maßnahmen des kommunalen Unternehmens im Süden Berlins als echten Leuchtturm.

Das Strahlen fällt auch deswegen leicht, weil der Gebäudebereich insgesamt den von der Bundesregierung gesteckten Beitragszielen zur Energiewende deutlich hinterherhinkt: Um jährlich fünf Millionen Tonnen müssten die CO2-Emissionen sinken, um die Klimaziele für Gebäude für das Jahr 2030 zu erreichen. In den vergangenen Jahren blieb der Ausstoß durch Gebäudewärme, also Heizen und Kühlen von Gebäuden, allerdings nahezu konstant. 2017 trug der Bereich mit 190,2 Millionen Tonnen Kohlendioxid ein knappes Viertel zum Gesamtausstoß in Deutschland bei.

Ziel der Bundesregierung ist laut Klimaschutzplan, bis 2050 einen nahezu klimaneutralen Gebäudebestand zu erreichen, und zwar durch eine Kombination aus Energieeffizienz und erneuerbaren Energien - also maßgeblich Verbesserungen an der Gebäudehülle und bei den Heizungen. Als Zwischenziel haben sich die Verantwortlichen vorgenommen, bis 2030 die Treibhausgasemissionen im Gebäudebereich auf 70 bis 72 Millionen Tonnen Kohlendioxid zu senken.

"Um das zu erreichen, bräuchten wir eine Verdoppelung der derzeitigen Sanierungsquote bei den Heizungsanlagen", sagt der Geschäftsführer Technik beim Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK), Andreas Müller. Stattdessen beobachte er eine Stagnation bei den Kennzahlen. Die im Verband organisierten Handwerker berichteten schlicht von zu wenig signifikanten Sanierungsfällen ungeachtet ihrer guten Auftragslage, insbesondere im Service- und Wartungsbereich. Auch die "Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz" (geea), ein von der Dena koordiniertes Bündnis aus Verbänden, Unternehmen und Forschungsinstituten, hält in einer Analyse fest, dass ein Weiter-so nicht ausreichend sein werde. Der zuständige Dena-Experte Thomas Drinkuth weist zwar Kritik zurück, dass noch nichts auf den Weg gebracht worden sei, bekennt aber ebenso, dass die Sanierungsquote höher liegen müsste. Offenbar hakt es an Anreizen für Unternehmen und Privateigentümer, zu sanieren oder bei Sanierungen ehrgeizige Ziele in den Blick zu nehmen. Oder sie blicken nicht durch im Förderdschungel - eine eigene Abteilung nur für Fördergelder und ein weiteres Technik-Team mit 22 Projektingenieuren wie die Berliner Gewobag kann sich nicht jeder Eigenheimbesitzer leisten. Die Gewobag nahm für ihre "Smart City Mariendorf" sowohl KfW- als auch zusätzliche Fördermittel für die technischen Optimierungen in Anspruch. In welcher Höhe lässt das Unternehmen offen.

Kritik an Gesetzentwurf Wer auf welche Weise dem Prozess Schwung verleihen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander - auch innerhalb der Bundesregierung. Die arbeitet seit einiger Zeit an einem Gebäudeenergiegesetz, mit dem sie bestehende Regelungen und Vorschriften bündeln will. Zusätzliche Vereinfachungen soll es vor allem in ordnungsrechtlicher Hinsicht geben, und die bestehenden Anforderungen an Standards in Neubau und Bestand sollen bleiben, wie sie sind, verlautet aus dem Entwurf, der sich in der Ressortabstimmung befindet. Von Verbänden indes hagelt es Kritik, kaum dass sie der Referentenentwurf erreicht hat: Außer einem Festschreiben des Status Quo werde damit wenig erreicht - das Erreichen der Klimaziele schon gar nicht, hieß es. Nach Ansicht des Bundeswirtschaftsministeriums erfüllt das Gesetz jedoch die EU-rechtlichen Anforderungen. In dem Gesetz wird erstmals auch der Ansatz aufgenommen, innovative Lösungen auf Quartiersebene zu fördern - das begrüßen Verbände und weitere Interessensvertreter einhellig.

Dena-Experte Drinkuth rät derweil dazu, von dem Gesetz nicht allzu starke Impulse für die Energiewende im Gebäudebereich zu erwarten. Denn diese entscheide sich im Bestand, sagt er. Das Gesetz setze die energetischen Mindeststandards für Neubauten und Sanierungen, löse aber nur sehr begrenzt Sanierungsvorhaben bei Bestandsbauten aus. "Dafür wären eine Verbesserung der Förderinstrumente und mehr Augenmerk auf die Kommunikation innerhalb und zwischen allen Ebenen wichtiger", sagt Drinkuth.

Damit formuliert er, was die Branche seit langem fordert: Eine Ausweitung der Förderung, ergänzt um steuerpolitische Anreize. Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat sich klar für steuerliche Fördermöglichkeiten zur Gebäudesanierung ausgesprochen; im Haushaltsplanentwurf des Bundesfinanzministers hingegen ist kein Posten dafür vermerkt. Eine Ministeriumssprecherin erklärt auf Nachfrage, die Abstimmung zur Einführung einer steuerlichen Förderung der energetischen Gebäudesanierung sei noch nicht abgeschlossen.

Die Allianz geea rechnet in ihrer Analyse vor, dass mit einem Maßnahmenpaket aus mehr Förderung, ordnungsrechtlichen Vereinfachungen und einem Ausbau von Beratung und Kommunikation die Ziele für 2030 zumindest ein Stück näher rücken könnten. So ließen sich zusätzlich etwa 13 Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen. Oberster Punkt auf der Wunschliste ist auch hier die Einführung einer steuerlichen Sanierungsförderung.

Bezüglich des Ordnungsrechts erklärt Müller vom ZVSHK, wer Eigenheimbesitzer zu mehr Heizungsmodernisierungen anregen wolle, müsse ihnen Freiheit bei der Technologiewahl lassen und sich eher an erzielbaren Einsparungen orientieren. Außerdem passten bisweilen Vorgaben nicht zu den Gegebenheiten vor Ort. Auf dem Land etwa seien die Menschen auch künftig auf Heizöl angewiesen. "Da gibt es mancherorts keine Gasleitung." Effiziente Maßnahmen setzten zudem häufig eine Kombination aus Heizungsanlagentausch und Gebäudehüllen-Sanierung voraus - eine Mammutaufgabe, die kaum jemand finanziell stemmen wolle, sagt Müller und verweist auf bisher fehlende steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten.

Hoffen auf Klima-Gesetz In der Diskussion über eine CO2-Steuer schlägt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor, die Erlöse aus einer solchen Steuer transparent und zielgerichtet einzusetzen. DIW-Experte Karsten Neuhoff verweist auf die Schweiz, wo es eine Pro-Kopf-Rückerstattung bei eingespartem Kohlendioxid gebe. Die Sanierung könnte direkt unterstützt werden, so dass Mieter idealerweise nach der Sanierung eine Warmmiete in gleicher Höhe wie davor zahlen.

Neuhoff erwartet sich viel von dem diskutierten Klimaschutzgesetz, das bündeln, vereinfachen und Standards setzen könnte. "Ehrgeiz lohnt sich", sagt Neuhoff. Immer wenn es neue Richtmarken bei der Effizienz gegeben habe, habe die Wirtschaft erst einmal gestöhnt - im Nachhinein habe sich dann gezeigt, dass sich der Einsatz ausgezahlt habe. Mit Aus- und Weiterbildungsangeboten für Handwerker und entsprechenden Zertifizierungen sowie Transparenz beim Umgang mit Erfahrungen aus Pilotprojekten könnten bei Hauseigentümern Hemmschwellen abgebaut werden, fügt Neuhoff hinzu. Darüber hinaus sollten seiner Ansicht nach Anreize und die Förderung für umfassende energetische Sanierungen kombiniert werden mit einer "transparenten Darstellung des möglichen Wertverfalls und eingeschränkter Möglichkeiten der zukünftigen Vermietung, wenn Gebäude in einem schlechten energetischen Zustand sind": Wer saniert, sichert sich langfristig die Attraktivität seinese Objekts.

Genauso wichtig in diesm Zusammenhang sei die Kommunikation mit Mietern. ergänzt Karsten Neuhoff. In diesem Punkt pflichtet die Berliner Gewobag dem DIW-Experten bei - die Zustimmung zu dem 73 Millionen Euro schweren Maßnahmenpaket sei maßgeblich darauf zurückzuführen, dass man von Anfang an in engem Austausch mit jedem einzelnen Bewohner gestanden habe, heißt es von Unternehmensseite. Zur Akzeptanz beigetragen haben dürfte auch, dass das Unternehmen die Maßnahmen weniger als gesetzlich möglich auf die Bewohner umlegte. Auf die Frage, inwieweit sich eine solche Investition dann noch für die Gewobag lohne, äußert sich das Unternehmen verhalten. Durch eine Übererfüllung der Vorgaben aus der Energieeinsparverordnung entstehe kein wirklicher finanzieller Vorteil, erklärt die Gewobag. "Der Wohnpark Mariendorf ist für uns ein Modellprojekt für energetische Sanierungen im Bestand." Auszahlen soll es sich gleichwohl schon: Die Erfahrungen nämlich will das Unternehmen für zwei weitere Großsanierungen in ihrem Bestand nutzen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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