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Interview
»Man macht sich damit definitiv Feinde«

Anita Eckhardt vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen über die Schwierigkeit, Übergriffe anzuzeigen

Frau Eckhardt, nach einer im November veröffentlichten Studie zum Ausmaß der Partnerschaftsgewalt hat Familienministerin Giffey angekündigt, die Plätze in Frauenhäusern aufstocken zu wollen. Ist das die richtige Antwort?

Das ist sicherlich eine richtige Antwort, weil zu viele Frauen keinen Platz finden. Gerade für Frauen mit Behinderungen fehlen oft die nötigen Zugänge. Wichtig ist auch, den ambulanten Beratungsstellen mehr Ressourcen zu geben, denn dort arbeiten die Beraterinnen teilweise unter schwierigen Bedingungen. Auch dort müssen Frauen zum Teil sehr lange warten und weite Wege auf sich nehmen, vor allem auf dem Land.

Mit welchen Themen kommen die Frauen zu einer ambulanten Beratung?

Das ist sehr verschieden: Häusliche Gewalt, gerade, wenn es um Trennungen geht und Kinder im Spiel sind, ist ein Schwerpunkt. Auch sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung, Belästigungen am Arbeitsplatz und digitale Gewalt gehören dazu. Frauen mit Behinderungen sind überproportional von Gewalt betroffen, aber sie kommen immer noch viel zu schlecht in den Beratungsstellen an, weil die Zugänge oft noch nicht da sind.

Wie sieht die Hilfe konkret aus?

Genauso verschieden. Manchmal reicht ein Telefongespräch, andere Frauen begleiten wir zur Polizei, wieder andere zum Arbeitgeber und suchen dort das Gespräch. Und einige Frauen werden jahrelang beraten, weil sie vielfältige Problemlagen haben, gesundheitlich angeschlagen und insgesamt in sehr schwierigen Lebenssituationen mit ökonomischen Abhängigkeiten sind. Da geht es im Prinzip um die Neuorganisation eines Lebens und es bedarf viel und kleinteiliger Unterstützung, damit das möglich ist.

Nun ist Vergewaltigung in der Ehe aber doch seit 20 Jahren strafbar.

Gewalt in Beziehungen hat einfach eine ganz besondere Dynamik. Da gibt es nach einem Übergriff eine Entschuldigung oder der Partner ist wieder zugewandt. Er ist ja nicht ein rein böser Mensch. Und die Frauen hoffen sehr, dass es aufhört. Trennungen sind schwierig, vor allem, wenn Kinder im Spiel sind. Denn der Vater hat ja trotzdem das Recht, seine Kinder zu sehen. Das ist oft wirklich schlimm für die Frauen, weil sie da sehr kooperativ sein müssen gegenüber dem gewalttätigen Mann.

Viele Frauen zeigen sexuelle Übergriffe gar nicht an. Warum?

Zum einen sorgen sie sich, ob ihre Lage überhaupt besser wird nach einer Anzeige. Die Frauen wissen, sie müssen das Geschehene beweisen und fragen sich, ob sie das können. Sie müssen auch klären, ob es überhaupt strafrechtlich relevant ist. Die andere Frage ist: Wie wird mit mir umgegangen? Es ist ja immer noch tabuisiert und die Frauen schämen sich wahnsinnig für das, was ihnen passiert ist. Sie wissen, es wird dann öffentlich und man macht sich damit ganz definitiv auch Feinde. Und leider wird ihnen noch sehr oft unterstellt, sie hätten alles erfunden.

Denken Sie, dass die MeToo-Debatte daran etwas geändert hat?

Dadurch ist auf jeden Fall die Öffentlichkeit erheblich sensibilisiert worden. Und, was das Thema Belästigung am Arbeitsplatz angeht: Ich sehe und hoffe, dass auch Unternehmen ihre Verantwortung endlich wahrnehmen, um für einen belästigungsfreien Arbeitsplatz zu sorgen. Seit MeToo spüren sie auf jeden Fall einen gewissen Druck, da etwas zu unternehmen.

Es gibt doch bereits seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das sexuelle Belästigung verbietet.

Das ist auch ein starkes Instrument. Gleichzeitig ist vielen Unternehmen nicht bekannt, dass sie die Pflicht haben, das Gesetz umzusetzen. Ein großes Problem ist, dass wir immer nur auf die betroffene Person gucken und diese in der Regel alles dafür tun muss, damit sich die Situation ändert. Aber es ist ebenso wichtig, auch auf die Gesellschaft und die Strukturen zu schauen. In der Hinsicht hat die MeToo-Debatte schon geholfen, indem sie das Problem als ein strukturelles in die Öffentlichkeit gerückt hat. Die Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen, ist also gerade sehr günstig, weshalb auch wir als bff 2019 ein mehrjähriges Projekt zu diesem Thema starten.

Wen beraten Sie in den Unternehmen?

Unsere erste Zielgruppe sind die Personalverantwortlichen, da nehmen die Anfragen an uns auch zu. Denn wir können Auszubildenden lange erzählen: "Wehrt euch, ihr habt das Recht." Das ist auch wichtig, natürlich. Aber wenn sie dann mit einem Arbeitgeber konfrontiert sind, dem das Problem nicht bewusst ist, der es vielleicht noch abwertet, dann haben sie kaum eine Chance, dass sich etwas ändert. Gerade die Arbeitgeber haben aber die Pflicht und auch die Macht, das Klima in ihrem Betrieb zu ändern, Ansprechpartner zu installieren und ein bestimmtes Verhalten zu sanktionieren. Sie können Ansagen machen und das sagen wir den Führungskräften in unseren Schulungen auch.

Seit Ende 2016 wird das Prinzip "Nein-heißt-Nein" im Sexualstrafrecht anerkannt. Welche Veränderungen spüren Sie seitdem in Ihrer Arbeit?

Wir haben eine große diskursive Veränderung und eine besser informierte Öffentlichkeit dadurch erreicht. Gleichzeitig stärkt es die Betroffenen, dass ihre Position anerkannt wird. Denn auch wenn ich mich nicht tatkräftig gewehrt habe, sondern "nur" mein Nein übergangen wird, fühlt sich eine Vergewaltigung definitiv wie eine Vergewaltigung an. Das hatte der Staat bis 2016 nicht anerkannt. Trotzdem bleibt die Beweisproblematik natürlich in bestimmten Fällen weiter schwierig. Auch ist es für die Betroffenen weiter schwer, so einen Prozess durchzuhalten, mit all den Anforderungen, die damit verbunden sind.

Das Gespräch führte Claudia Heine.

Anita Eckhardt ist Referentin beim Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff). Im bff sind 180 Beratungsstellen zusammengeschlossen, die 2017 rund 66.500 Personen beraten haben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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