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Felix Lee
Ein Krieg mit lauter Verlierern

US-Präsident Trump glaubt, aus einem Handelskrieg mit China als Sieger hervorgehen zu können. Er könnte irren

An diese Rede wird Bill Clinton sicherlich nicht gern erinnert. Es war im März 1999. Vor den Häusern des Kongresses warb der damalige US-Präsident für den Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation. Die Welt werde nicht mehr die gleiche sein, versprach er. Die Chinesen würden mit dem Beitritt dazu gebracht werden, den Amerikanern ihre Märkte zu öffnen. Hollywood werde davon ebenso profitieren wie General Motors oder die Farmer im Mittleren Westen. "Wir werden in der Lage sein, Produkte zu exportieren, ohne jedoch Jobs auszulagern", war Clinton überzeugt. Dass es genau umgekehrt kommen würde, hatten selbst die schärfsten Kritiker nicht vermutet.

Zunächst waren es Textilien oder Spielzeug "Made in China", die die Regale der amerikanischen Discounter und Kaufhäuser füllten. Dann kamen Kühlschränke, Klimaanlagen, Flachbildschirme und Spielekonsolen hinzu. Es dauerte nur wenige Jahre, bis weit mehr als die Hälfte aller Konsumartikel in den USA aus der Volksrepublik kamen.

Das war zunächst zum beiderseitigen Nutzen: Die Produkte für den US-Markt konnten in China wesentlich günstiger hergestellt werden. Die Konsumenten zwischen New York und San Francisco profitierten von den niedrigeren Preisen. Im Gegenzug bekam China Arbeitsplätze, Absatzmärkte für seine Güter und Wirtschaftswachstum.

Längst nicht mehr nur Nachahmer Doch die Kluft wurde größer. Hatte China noch 2003 nur wenig mehr in die Vereinigten Staaten ausgeführt als eingeführt, liegen Chinas Leistungsbilanzüberschüsse gegenüber den USA heute bei über 420 Milliarden Dollar. Für die Industrie in den USA war diese Entwicklung verheerend. Denn in den USA, gingen genau jene Arbeitsplätze verloren, die sich in China entwickelten.

Damit nicht genug. Auch der Warenkorb änderte sich. Anfangs waren es einfache Produkte wie Textilien und Spielwaren, die US-Unternehmen bereitwillig nach China auslagerten. Längst werden auch hochwertige Güter wie Computer und Smartphones dort hergestellt. Daraus haben sich neue technische Fertigkeiten entwickelt, die heute in China immer mehr zum Tragen kommen. Chinesen sind nicht mehr länger blinde Kopierer, die bloß das nachbauen, was Ingenieure und Designer in den USA oder Japan entwickelt haben. Ergänzt mit der von der Regierung unterstützten Offensive "Made in China 2025" ist die Volksrepublik auf bestem Wege, selbst zum Technologieführer aufzusteigen. "In einigen Bereichen sind chinesische Unternehmen bereits in der Top-Liga angekommen", schreiben Max Zenglein und Anna Holzmann von Merics, dem China-Institut in Berlin. So stammten sieben der zehn wichtigsten Batteriehersteller für E-Fahrzeuge aus China.

US-Präsident Donald Trump hat sich zum Ziel gesetzt, diese Schere zu schließen. Im Wahlkampf hatte er seinen Anhängern versprochen, den großen Rivalen ökonomisch bändigen zu wollen, warf China unsaubere Methoden vor. Die kommunistische Führung in Peking subventioniere Unternehmen und verschaffe ihnen so Wettbewerbsvorteile, sie betreibe Industriespionage. Wenn die ausländische Konkurrenz doch ins Land dürfe, dann nur unter Preisgabe ihres Technologievorsprungs. Die Chinesen hätten zudem jahrelang ihre Währung künstlich niedrig gehalten, um sich auch auf diese Weise Exportvorteile zu verschaffen.

Was Trump bei der Verhängung der Strafzölle offenbar bis heute nicht begriffen hat: Jedem Exportüberschuss, den China gegenüber den USA erzielt, steht ein Rückfluss an Kapital gegenüber. Das ist Handelslogik. Konkret bedeutet das: Amerika kauft Waren von China und bezahlt sie mit US-Dollar. Mit diesen Dollar kauft die Volksrepublik wiederum größtenteils amerikanische Staatsanleihen - und gewährt damit den USA Kredit.

Quelle der US-Staatsfinanzierung Mangels Alternativen hat China einen Großteil seiner Überschüsse in US-Schuldpapieren angelegt. Chinesische Gläubiger halten US-Staatsanleihen und andere Schuldtitel im Wert von wahrscheinlich 1,15 Billionen Dollar. China ist damit der größte Finanzier der US-Regierung. Wenn das Handelsdefizit nun wegen der Strafzölle sinkt, schwindet für Trump seine wichtigste Quelle bei der Staatsfinanzierung - nicht unwichtig angesichts einer Staatsverschuldung von inzwischen mehr als 20 Billionen Dollar.

Seit anderthalb Jahren tobt der Handelskrieg zwischen den beiden größten Volkswirtschaften. Zunächst erhob Trump Strafzölle auf Stahl und Aluminium. Inzwischen hat er auf so ziemlich alle Waren aus der Volksrepublik zusätzliche Strafzölle erhoben. Der Warenwert beläuft sich auf mehr als halbe Billion Dollar. China reagierte zunächst mit Gegenzöllen auf Einfuhren aus den USA "in ähnlicher Höhe", wie es die Staatsführung betonte. Das Problem für die chinesische Führung: Die Volksrepublik importiert eben nicht so viel aus den USA wie umgekehrt. Und so hat China damit begonnen, sich auch auf andere Weise zu rächen.

So wertet die chinesische Führung ihre Währung wieder ab, um auf diese Weise die Strafzölle auszugleichen. Zudem droht Peking damit, die Ausfuhr von Seltenen Erden in die USA zu stoppen. China besitzt nahezu ein Monopol auf diese für die Hightech-Branche so wichtigen Metalle. Die USA wiederum gehen gezielt gegen chinesische Unternehmen vor, etwa Huawei. Trump wirft Chinas erfolgreichstem Technologie-Konzern Spionage vor und fordert auch andere Länder auf, beim Ausbau des so wichtigen 5G-Netzwerkes auf die Technik aus der Volksrepublik zu verzichten.

Trump will Rivalen bremsen Spätestens dabei wird deutlich, dass es Trump längst nicht nur um Zollsätze und Handelsbilanzüberschüsse geht. Er will China als ernst zu nehmenden Rivalen stoppen. In den USA steht er dabei keineswegs alleine da. Auch aus den Reihen der oppositionellen Demokraten gibt es Stimmen, die in Chinas Aufstieg eine Bedrohung der Supermacht USA sehen.

Konkret fordert Trump die chinesische Führung auf, ihre Subventionspolitik im Hochtechnologiesektor zu stoppen. Das aber kommt für die Kommunistenführer in Peking nicht infrage. Staats- und Parteichef Xi Jinping hat "Made in China 2025" ins Leben gerufen. Diese Offensive aufzugeben, würde ihn im eigenen Land als Schwäche ausgelegt werden.

Offiziell war die chinesische Führung zunächst darum bemüht, auf Trumps Attacken nicht allzu aggressiv zu kontern. "China will keinen Handelskrieg", hieß es noch in einem Leitfaden des chinesischen Staatsrats von Ende des vergangenen Jahres. Das Land sei weiter gesprächsbereit. Doch in den Staatsmedien hat sich der Ton verschärft: Die USA wandelten sich von einem "Gründer zu einem Saboteur der globalen Ordnung", hieß es im Frühjahr in einem Leitartikel des KP-Organs Global Times. Ein Kommentator der etwas moderateren China Daily schrieb von "Unterdrückung der Entwicklung Chinas". Darauf könne und dürfe Peking sich nicht einlassen.

Langer Konflikt erwartet Noch finden weiter Verhandlungen statt. Doch bei Trump lässt sich überhaupt nicht erkennen, ob er bei den Verhandlungen einer bestimmten Strategie folgt. Mal redet er von seinem "Freund Xi" und dass die Verhandlungen kurz vor dem Durchbruch stünden. Im nächsten Moment nimmt er alles wieder zurück und verkündet weitere Strafzölle. Hat die Führung in Peking anfangs noch geglaubt, mit Pomp und Glitzer und ein paar Zusagen ließe Trump sich umstimmen, geht sie inzwischen von einem lange andauernden Konflikt aus.

Dabei zweifeln selbst Experten in den USA, ob höhere Zölle wirklich zur Rückverlagerung von Arbeitsplätzen führen, wie es Trump darstellt. Auch bei höheren Zöllen bleiben die Produktionsstandorte in China günstiger oder die Unternehmen weichen auf andere Standorte auf der Welt aus. Zunächst einmal werden die Preise bei den Käufern in Amerika aufgeschlagen. Leidtragende dieses Handelskrieges sind jedoch keineswegs nur die amerikanischen Konsumenten, für die ihre Konsumgüter immer teuerer werden. Insbesondere deutsche Konzerne haben in ihrer Produktionskette ein dichtes Netz gespannt. Sie produzieren sowohl in den USA als auch in China für den Weltmarkt. Auch sie sind von den höheren Zöllen betroffen. Abgesehen davon leidet die Weltwirtschaft als ganze - mit jeder weiteren Eskalationsstufe.

Der Autor ist Redakteur bei der taz.

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