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Wirtschaft
Max J. Zenglein und Anna Holzmann
Offensive für die Industrie

Die Industriestrategie »Made in China 2025« wirkt sich bereits spürbar auf Europa aus

Rund vier Jahre ist es her, dass Peking seinen industriepolitischen Masterplan "Made in China 2025" (MIC25) vorgestellt hat. Im Zentrum stehen zehn Kernindustrien, in denen China bis zum Jahr 2025 international wettbewerbsfähige Unternehmen und bahnbrechende Innovationen hervorbringen will. Bis 2049 soll das Land zur technologischen Supermacht aufsteigen. Die Umsetzung läuft bereits auf Hochtouren und die Auswirkungen sind über die Grenzen Chinas hinaus zu spüren.

Der Handelskrieg zwischen China und den USA gefährdet in Teilen die chinesische Innovations- und Industriestrategie "Made in China 2025". Gleichzeitig aber dürfte die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Nationen, in der es neben dem Handelsbilanzdefizit vor allem um technologische Führerschaft geht, die Entschlossenheit der chinesischen Führung befördern, so schnell wie möglich technologisch auf eigenen Füßen zu stehen. Der Druck, weitgehend unabhängige Wertschöpfungsketten innerhalb Chinas aufzubauen, ist deutlich gestiegen.

Insbesondere in den vergangenen zwei Jahren hat Chinas Industrieoffensive deutlich an Fahrt aufgenommen. Peking hat auf Rückschläge und Veränderungen der politischen, wirtschaftlichen sowie technischen Rahmenbedingungen reagiert. Die Industriestrategie wurde seit 2015 nach und nach angepasst, Pilotprojekte gestartet und massiv in Forschung und Entwicklung strategisch wichtiger Technologien investiert. Bis Ende vergangenen Jahres hat die chinesische Zentralregierung mindestens 445 Dokumente verabschiedet, in denen sie die Umsetzung der MIC25-Strategie konkretisiert.

Staatskapitalismus wird optimiert Die chinesische Führung sucht eine neue Balance zwischen Markt und Staat, zwischen Privatunternehmen und Staatsbetrieben (SOEs). Viele technologische Fortschritte Chinas waren zuletzt nur dank innovativer Privatunternehmen möglich. Dies gilt insbesondere für Zukunftstechnologien wie alternative Antriebe, Künstliche Intelligenz, Big Data und intelligente Fertigung. Zugleich aber spielen SOEs weiter eine zentrale Rolle in den für MIC25 relevanten Sektoren. In sogenannten Schlüsselindustrien, darunter Schiffsbau, Luftfahrt und Hochgeschwindigkeitszüge, sind SOEs immer noch führend, ebenso wie in Industrien, die Peking als Pfeiler der technologischen Entwicklung definiert, darunter Elektronik und Anlagenbau

Der Privatsektor soll zunehmend dazu beitragen, SOEs wettbewerbsfähiger und innovativer zu machen. In Pilotversuchen zu halbstaatlichen, also gemischten Eigentumsverhältnissen, erwarben private Unternehmen Anteile an einigen der größten Staatsunternehmen des Landes. Um Chinas SOEs effizienter zu machen, setzt die Regierung auch auf die Fusion staatlicher Unternehmen, zum Beispiel in der Bahntechnik (China Railway Rolling Stock Corporation) oder der Kernenergie (China National Nuclear Corporation).

Während chinesische Unternehmen in traditionellen Hochtechnologiebranchen wie Luftfahrt, Werkzeugbau oder der Softwareindustrie bisher nur mühsam mit ausländischen Wettbewerbern Schritt halten können, sieht die chinesische Führung insbesondere bei intelligenter Fertigung, Digitalisierung und Zukunftstechnologien ihre große Chance, eine weltweite Führungsposition einzunehmen.

In vielen neuen Technologien spielen chinesische Unternehmen weltweit bereits in der obersten Liga mit. Das gilt etwa für die nächste Generation der IT-Infrastruktur, wo Huawei und ZTE im Zuge des 5G-Netzausbaus eine globale Vormachtstellung für sich beanspruchen. Weitere Erfolgsbeispiele zeigen sich bei Hochgeschwindigkeitszügen und der Energietechnik im Hochspannungsbereich. Auch bei der Künstlichen Intelligenz und vernetzten Fahrzeugen sowie Fahrzeugen mit alternativer Antriebstechnologie hat China bereits viel erreicht. 2017 stammten sieben der zehn führenden Batteriehersteller für E-Fahrzeuge aus China, zusammen kamen sie auf einen globalen Marktanteil von 53 Prozent.

Technologieabhängigkeit Pekings Abhängigkeit von ausländischem Fachwissen in der Grundlagenforschung und bei Kernkomponenten ist jedoch nach wie vor groß und könnte die ambitionierten Pläne durchkreuzen. Die chinesische Industrie weist Schwächen ausgerechnet in jenen Bereichen auf, die grundlegend für die Entwicklung von Hochtechnologien sind. Am offensichtlichsten zeigt sich Chinas Abhängigkeit von ausländischen Technologien und damit seine Verwundbarkeit bei neuen Materialien, Halbleitern und Kernkomponenten für komplexe Maschinenanlagen

Die chinesische Regierung tritt an ausländische Unternehmen in strategisch wichtigen Industrien heran, um diese zu überzeugen, die hochwertigsten Teile ihrer Wertschöpfungskette nach China zu verlagern oder aufzubauen. Ziel ist es, so die heimische Industrie zu modernisieren und ganze Wertschöpfungsketten am chinesischen Markt zu etablieren. In der Elektronikindustrie war China damit bereits erfolgreich.

Chinas Drang an die technologische Weltspitze wird die Wettbewerbsfähigkeit anderer Länder in vielen Hochtechnologien schwächen - und das nicht nur auf dem chinesischen oder heimischen Markt, sondern zunehmend auch auf Drittmärkten. Bereits heute hat MIC25 spürbare Auswirkungen auf Europa. So verändert Chinas Vorpreschen bei neuen Technologien das Marktumfeld für europäische Unternehmen. In Bereichen wie der Künstlichen Intelligenz, Elektromobilität und der Industrie für E-Auto-Batterien ist China bereits ein Leitmarkt.

Klare Kriterien Kein anderes Land wird in MIC25 im Kontext intelligenter Fertigung so explizit genannt wie Deutschland. Die chinesische Industriestrategie lehnt sich klar an das deutsche Konzept der Industrie 4.0 an. In Form umfangreicher deutsch-chinesischer Kooperationen werden beispielsweise technische Universitäten und große deutsche Forschungsinstitute zu wichtigen Partnern des chinesischen Fortschritts. Deutschland und China arbeiten in zahlreichen Technologie-, Industrie- und Innovationskooperationen gemeinsam an Projekten. Sie reichen von der Grundlagenforschung bis zur Schulung von Fachkräften und der Anwendung neuer Technologien. Über die Risiken und vor allem langfristigen Auswirkungen eines solchen Engagements, etwa durch Technologietransfer, wurde bislang nur zögerlich diskutiert.

Um ungewünschten Technologietransfer zu verhindern, gilt es, entsprechende Kriterien für die Zusammenarbeit - vor allem im Bereich der Forschung und Technik - zu entwickeln. Zudem sollten auf europäischer Ebene die Koordinierung und der Informationsaustausch zwischen Unternehmen und Industrieverbänden sowie Regierungen gefördert und so das europäische Innovationssystem gestärkt werden. Chinas Abhängigkeit von ausländischen Technologien könnte als Hebel eingesetzt werden, um europäische Interessen durchzusetzen. Darüber hinaus wäre es ratsam, die eigene Abhängigkeit von kritischen Kernkomponenten, wie zum Beispiel in der Informations- und Kommunikationstechnik, aus China zu verringern. Lernen kann Europa in dieser Hinsicht von Japan, Südkorea und Taiwan, die sich bereits vor einiger Zeit auf Chinas Industriestrategie eingestellt haben. Sie verfolgen beispielsweise einen deutlich restriktiveren Ansatz bei Forschungskooperationen und Investitionen. Den wirtschaftlichen Beziehungen mit China hat dies nicht geschadet.

Max J. Zenglein und Anna Holzmann

Die Autoren forschen am Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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