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Christiane Kühl
Schwenk einer Supermacht

Der größte Treibhausgasproduzent strebt die Technologieführerschaft bei Erneuerbaren Energien an

Gute Nachrichten zum Thema Umwelt und Klima sind rar. Ausgerechnet aus China kommen in diesem Sommer positive Signale. Auf dem G20-Gipfel in Osaka im Juli vereinbarte Chinas Chefdiplomat, Staatsrat Wang Yi, mit Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian und UN-Generalsekretär Antonio Guterres "verstärkte Anstrengungen zur Bewältigung der Klima- und Biodiversitätskrise". China und Frankreich verpflichteten sich, ihre zugesagten Beiträge zum Pariser Klimaabkommen von 2015 zu "aktualisieren".

Pekings Ziel für Paris lautete, die Klimagas-Emissionen ab etwa 2030 zu senken. Bis 2030 sollten die Emissionen pro Einheit der Wirtschaftsleistung (BIP) um 60 bis 65 Prozent im Vergleich zu 2005 sinken. 2014 lagen die Emissionen pro Einheit BIP bereits um 33,8 Prozent unter dem Niveau von 2005. Im selben Jahr ging der Kohleverbrauch in China erstmals leicht zurück. Manche Experten prophezeiten schon damals, dass China auch den absoluten Gipfel früher erreicht als zugesagt.

Weniger Emissionen Dazu passt eine Studie, die vor wenigen Wochen die Runde machte: Experten um Wang Haikun von der Universität in Nanjing untersuchten den Zusammenhang zwischen Entwicklung und Emissionen in 50 chinesischen Städten und erwarten nun den Gipfel schon zwischen 2021 und 2025. Die Emissionen steigen zwar zunächst im Zuge der Entwicklung, ab einem Wohlstandsniveau von umgerechnet rund 21.000 US-Dollar pro Kopf sinken sie aber wieder. In Peking etwa gehen die Pro-Kopf-Emissionen bereits seit 2007 wieder zurück, besagt die im renommierten Fachmagazin "Nature sustainability" publizierte Studie. Daraus leiteten die Forscher auf Basis von Wirtschaftsprognosen der Weltbank ab, dass Chinas Treibhausgas-Emissionen zwischen 2021 und 2025 mit rund 13-16 Gigatonnen den Zenit erreichen. Danach folge die Talfahrt. Eine Studie von Bloomberg New Energy Finance geht davon aus, dass die Emissionen aus Chinas Stromsektor nach 2027 zurückgehen und bis 2030 auf 79 Prozent des Niveaus von 2005 sinken.

All dies ist wichtig, denn China ist seit 2006 der weltgrößte Emittent von Treibhausgasen - nicht zuletzt, weil jeder fünfte Erdenbürger Chinese ist. Aktuell emittiert China zehn Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent - von rund 36 Milliarden Tonnen weltweit. "Die Zeitschiene der chinesischen Emissionen beeinflusst, ob die Welt überhaupt eine Chance hat, die Pariser Temperaturziele noch zu erreichen", sagt Ben Geman, Energieanalyst der Beratungsfirma Axios.

Umweltaktivisten Chinas Wirtschaftswachstum verlangsamt sich zwar, liegt mit zuletzt 6,6 Prozent aber immer noch sehr hoch. Der Löwenanteil von Energie und Strom wird nach wie vor aus Kohle generiert (siehe Beitrag rechts). Viele Metropolen leiden unter Smog, Flussgebiete sind stark belastet, Böden verseucht. Vor allem die Luftverschmutzung in den Städten sorgt für Unzufriedenheit.

Das muss die Regierung berücksichtigen, denn Bürgerinitiativen für eine bessere Umwelt können auch in der Diktatur Erfolg haben. In Peking beschloss die Regierung vor einigen Jahren nach einer durch einen bekannten Immobilienmogul angestoßenen Online-Petition von Bürgern Transparenz zu Luftwerten und in der Folge strikte Maßnahmen zur Luftreinhaltung. Fabriken wurden ausgelagert und mussten Filter einbauen, sämtliche Kohlekraftwerke wurden geschlossen. Die Luft ist seither besser geworden; andere Städte folgen dem Beispiel.

Staudammprojekte Umweltgruppen können operieren, sofern sie nicht die Systemfrage aufwerfen. Einige wie Friends of Nature oder Green Earth Volunteers sind seit mehr als 20 Jahren aktiv. Beide kämpften gegen Staudämme am Nu-Fluss, dem letzten großen ungezähmten Fluss des Landes. Mehrere Dammbauprojekte wurden gestoppt, andere liegen seit Jahren auf Eis, mit ungewissem Ausgang.

Internationale Organisationen wie Greenpeace East Asia oder WWF arbeiten in China beratend und erstellen Studien. Sogar Kommentatoren der Staatsmedien fordern immer wieder eine entschlossene Umwelt- und Klimapolitik. Die Regierung beschloss offiziell die Abkehr vom rein quantitativen Wachstum im Sinne einer nachhaltigen, umweltschonenderen Entwicklung. "Ich denke, Chinas Regierende haben begriffen, dass sie ihre Ambitionen steigern müssen", sagt Li Shuo, leitender Klimaexperte bei Greenpeace China. Es gehe nicht nur um das mögliche Image als global führender Klimaretter, sondern auch um geopolitische Aspekte, etwa die öffentlichkeitswirksame Unterstützung für multilaterale Initiativen.

Hinzu kommt in China ein ausgeprägter Sinn fürs Geschäft. Ausgelöst von der Luftverschmutzung und der wachsenden Dürregefahr infolge der auch in China spürbaren globalen Erwärmung erkannte Peking das enorme Potenzial einer globalen Energiewende. Es stieß diese vor einigen Jahren an mit dem Ziel, eine globale Führungsposition auf dem Zukunftsmarkt der erneuerbaren Energien zu erlangen.

Grüne Energie China ist heute weltgrößter Investor in erneuerbare Energien. Die installierte Kapazität der Erneuerbaren lag nach Angaben der Nationalen Energiebehörde (NEA) Ende 2018 bei insgesamt 728 Gigawatt (+12 Prozent gegenüber 2017). Im Gesamtjahr 2017 generierten die Erneuerbaren 1,87 Billionen Kilowattstunden Elektrizität (+10%). Den größten Anteil daran hat die Wasserkraft, die aufgrund der Umweltschäden an den betroffenen Flüssen umstritten ist. Doch Wind und Solar holen auf. Kein Land generiert heute mehr Solarstrom als China.

Der Anteil der Erneuerbaren Energien am Verbrauch lag 2018 bei 14,8 Prozent, gegenüber 8,6 Prozent 2010. Ziel für 2030 sind 20 Prozent. Es könnte noch viel mehr sein, denn die installierte Kapazität für Erneuerbare hat einen Anteil von 38 Prozent. Verschwendung von Ökostrom, der vor allem in den weiten Hochebenen Westchinas generiert wird, ist eine Großbaustelle. Der Bedarf liegt in den Metropolen an der Küste; und in den Stromleitungen konkurrieren die Erneuerbaren mit Kohlestrom. Die Folge: Die Netze verteilen zu wenig Ökostrom, große Teile des Stroms verpuffen. In der autonomen Region Xinjiang ganz im Westen Chinas sind es laut Greenpeace bis zu 40 Prozent der Windenergie. 2017 stellte Peking einen Dreijahresplan zum Stopp der Verschwendung auf. Bis 2020 sollen nun weniger als fünf Prozent der Erneuerbaren Energie verloren gehen.

Elektroautos Je umweltfreundlicher der Strommix, desto effektiver wird auch die von China massiv gepuschte Elektromobilität die Klimabilanz des Landes verbessern. Elektroautos sollen zunächst vor allem den Smog in den Städten lindern. Aber es gibt zwei weitere Gründe für die Förderung: China benötigt viel mehr Öl, als es selbst zur Verfügung hat, und will die Abhängigkeit von Ölimporten vermindern.

Außerdem strebt Peking eine globale technologische Führungsrolle auch in diesem Bereich an. 2025 soll nach Plänen der Regierung jedes fünfte verkaufte Auto ein Stromer sein. Seit diesem Jahr müssen alle Autohersteller nach einem komplizierten Schlüssel zehn Prozent ihres Absatzes - 2020 dann 12 Prozent, ab 2021 voraussichtlich weiter steigend - mit Elektroautos realisiert haben. Die Regierung investiert zudem in den Bau einer Ladeinfrastruktur. Die Südmetropole Shenzhen hat ihre gesamte Busflotte auf Elektroantrieb umgestellt. Im Juni kündigte das Umweltministerium an, ab sofort auch Methan als Schlüsselgröße bei der Emissionsbekämpfung anzusehen. So werde China Technologien zum Auffangen des Methans in der Öl- und Gasindustrie fördern, sagte Xu Huaqing, Direktor des Nationalen Zentrums für Klimawandel und Internationale Zusammenarbeit. Ein weiteres Programm ist die Aufforstung. Von 2014 bis 2018 wurden Wälder auf 3,65 Millionen Hektar Ackerland gepflanzt.

Müllprobleme Ein noch ungelöstes Großproblem ist Chinas riesiger Müllberg. Mit wachsendem Wohlstand entsteht auch hier eine Wegwerfgesellschaft. Bis vor kurzem importierte China Abfall aus aller Welt - bis Peking die Reißleine zog. Ende 2017 verbot die Regierung zunächst Importe gefährlichen Abfalls. Anfang 2018 kamen 24 Arten festen Mülls hinzu, darunter Plastikabfälle aus dem Haushalt, Stoffreste oder unsortiertes Altpapier. Seit 2019 darf überhaupt kein Plastikmüll mehr eingeführt werden.

Aber auch der inländische Müll ist für die Recyclingwirtschaft Chinas ein Problem. "Plastikmüll aus dem Inland ist schmutzig, die Qualität ist schlecht, und es gibt keine Standards", sagt Liu Hua von Greenpeace East Asia in Peking. Liu zeigt ein Video, das er am Mülltrennungs-Pilotprojekt einer Pekinger Wohnanlage gedreht hat. Drei Tonnen stehen dort: für Küchenabfälle, recycelbaren Müll und Restmüll. In allen Tonnen liegt vermischter Abfall, der Müllwagen kippt sie zusammen. "Das funktioniert überhaupt nicht", sagt Liu. Da fehle es den Menschen an Bewusstsein und Bereitschaft. Ein konsequentes Regierungskonzept zum Thema Müll fehlt ebenfalls.

Dafür startet die Regierung quer durchs Land Pilotverfahren für zukunftsweisende Technologien: Projekte wie die Solarautobahn nahe der Stadt Jinan, in der auf einem Kilometer Länge Solarzellen unter eine transparente Zementschicht gelegt wurden. Das Straßenstück kann nach Angaben des Erbauers Qilu Transport Development Group eine Gigawattstunde Strom im Jahr erzeugen, genug für 800 Haushalte. Liu Xiaoshi, Chef der regierungsnahen Elektroplattform EV100, kündigte kürzlich gegenüber einer deutschen Delegation an, bei den Olympischen Winterspielen Pekings 2022 im Austragungsort der Skiwettkämpfe Zhangjiakou zum Testen 1.800 Busse mit Brennstoffzellen einzusetzen. Die Chinesen sind für solche neuartigen Technologien immer offen.

Die Autorin ist Korrespondentin in Peking.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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