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SEEFAHRT
Alexander Weinlein
Der Wellenritt des Drachen

Vor 600 Jahren brechen gewaltige chinesische Expeditionsflotten in den Indischen Ozean auf. Doch das maritime Muskelspiel bleibt ein Intermezzo

Sie hätten sich begegnen können. An den Küsten Ostafrikas oder Indiens. Oder auf den Weiten des Indischen Ozeans. Die eine von Westen vorstoßend, die andere von Osten. Es wäre ein höchst ungleiches Treffen zweier höchst ungleicher Seemächte geworden. Und es hätte den Verlauf der Geschichte maßgeblich verändern können. Doch es sollte anders kommen.

Am 20. Mai 1498 erreicht der Portugiese Vasco da Gama als erster Europäer auf dem Seeweg Indien. Im Juli des Vorjahres hatte der berühmte Seefahrer Lissabon mit vier Schiffen verlassen, im November das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas umrundet und im April 1498 die Stadt Malindi im heutigen Kenia erreicht. Von dort brach er zur entscheidenden letzten Etappe nach Indien auf. Die Fahrt des Vasco da Gama sollte der europäischen Geschichte ebenso wie die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus sechs Jahre zuvor eine entscheidende Wende geben, die den Aufstieg Spaniens und Portugals zu großen See-, Handels- und Kolonialmächten markiert, in deren Fußstapfen später Holländer, Franzosen und Engländer treten werden.

Schatzschiffe vor Afrika Doch bereits 84 Jahre vor Vasco da Gamas bescheidener Flotille zeigt eine ganz andere Seemacht Flagge an der Ostküste Afrikas. Vor Malindi liegt im Jahr 1414 eine 63 Schiffe umfassende Flotte unter dem Banner des chinesischen Kaiserreichs. An Bord der Schiffe leben und arbeiten etwa 28.000 Menschen: Neben Seeleuten und Soldaten auch Forscher, Astrologen, Kartographen, Dolmetscher und Diplomaten. Bis zu 120 Meter lang, 50 Meter breit und mehrere Decks hoch sollen die größten Schiffe dieser gewaltigen Dschunken-Armada gewesen sein. So berichten es alte chinesische Chroniken. Mit ihren roten Seidensegeln an bis zu neun Masten, ihren aufgemalten Augen am Bug und 24 Bronzekanonen müssen die sogenannten "Schatzsschiffe" ein beeindruckendes und zugleich einschüchterndes Schauspiel abgegeben haben. In der Expeditionsflotte segeln neben den Schatzschiffen spezielle Tankschiffe für die Trinkwasserversorgung, Transportschiffe für Pferde und kleine schnelle Signalschiffe.

Moderne Forscher halten die überlieferten Größenangaben der Schatzschiffe zwar für übertrieben, schätzen deren Länge aber immerhin auf bis zu 84 Meter. Was hätten Spanier und Portugiesen auf ihren Karavellen, Karacken und Naus im Angesicht einer solchen maritimen Macht wohl gedacht? Zum Vergleich: Die "Santa Maria" des Kolumbus oder da Gamas "São Gabriel" brachten es gerademal auf eine Länge zwischen 20 und 25 Meter.

Kommandiert wird die chinesische Flotte von einem Mann namens Zheng He. Als der Admiral 1414 vor der afrikanischen Küste Anker werfen lässt, befindet er sich bereits auf seiner vierten See-Expedition, die er im Namen des Ming-Kaisers Yongle in die Gewässern Südostasiens und des Indischen Ozeans führt. Bis 1433 sollen drei weitere folgen. Am Ende seiner erstaunlichen Karriere werden die Expeditionsflotten des Zheng He rund 50.000 Kilometer zurückgelegt haben. "Wir haben mehr als hunderttausend Li des gewaltigen Ozeans befahren und haben darin riesige Wellen bezwungen, die sich wie Berge himmelhoch erhoben. Wir haben unseren Blick auf barbarische Gegenden geworfen, weit entfernt und verborgen hinter der blauen Transparenz dünner Nebelschleier, während unsere Segel Wolken gleich, Tag und Nacht Kurs hielten", lässt der stolze Seefahrer auf einer Steintafel als Vermächtnis einmeißeln.

Zhen He stammt aus einer wahrscheinlich muslimischen Familie in der südchinesischen Provinz Yunnan. 1382 gerät er als elfjähriger Junge in die Gefangenschaft kaiserlicher Truppen, die eine Rebellion in der Yunnan niederwerfen, wird als Diener an den Hof des Prinzen Zhu Di gebracht und kastriert, weil am Hof des Kaisers und seiner Nachkommen keine anderen zeugungsfähigen Männer leben dürfen. Zwischen dem Prinzen und seinem Diener, der in Diplomatie und Kriegskunst unterrichtet wird, entsteht ein enges Vertrauensverhältnis, und als Zhu Di 1402 als Kaiser Yongle den Drachenthron besteigt, steigt Zheng He mit in der Hierarchie auf. Bereits ein Jahr später betraut der Ming-Kaiser ihn mit dem Bau einer gewaltigen Flotte, die 1405 erstmals in See sticht, und macht den Eunuchen zum Admiral.

So überlegen sich die maritimen Möglichkeiten des chinesischen Kaiserreichs Anfang des 15. Jahrhunderts gegenüber den Europäern präsentiert, so unterschiedlich sind auch die Beweggründe. Während die Portugiesen im 15. Jahrhundert ihre Entdeckungsfahrten entlang der Küsten Afrikas und ab dem 16. Jahrhundert im Indischen Ozean für die Gründung fester Handelsniederlassungen, Stützpunkte und Kolonien nutzen, verzichtet das chinesische Kaiserreich auf eine vergleichbar expansive Politik.

Handel und Diplomatie Die Fahrten des Zheng He nach Indonesien, Indien, die Straße von Hormus, den Golf von Aden und die Ostküste Afrikas sind auch weniger Entdeckungsfahrten. Zumindest die Seehandelsrouten nach Indien sind den Chinesen zu diesem Zeitpunkt längst bekannt. Neben der Bekämpfung der Piraterie vor allem auf der erste Expedition, dienen die Fahrten neben dem Handel vor allem der Diplomatie und der Machtrepräsentation des Drachen. Es werden Abkommen geschlossen, Tribute meist in Form von Geschenken für den Kaiser entgegengenommen, ausländische Gesandtschaften an den Kaiserhof in Peking gebracht, damit sie dem "Sohn des Himmels" huldigen.

Der wirtschaftliche Nutzen der maritimen Unternehmungen steht hingegen kaum im Verhältnis zum finanziellen Aufwand, der für den Unterhalt der Flotte betrieben werden muss. Dies ist dann wohl auch eine der Hauptursachen, warum das gewaltige maritime Programm ebenso plötzlich wieder eingestellt wird, wie es aus dem Boden gestampft worden war. Als Kaiser Yongle 1424 stirbt, mottet sein Nachfolger Kaiser Honxi die Flotte der Schatzschiffe zunächst ein. Sein Sohn, der Xuande-Kaiser beauftragt Zhen He 1431 zwar noch einmal mit einer Expedition nach Malakka und Thailand, doch ab 1435 ändert sich die maritime Politik Chinas unter Kaiser Zhentong endgültig. Angesichts von Naturkatastrophen, Hungersnöten und Pestepidemien steht für eine Schatzflotte kein Geld mehr zur Verfügung.

Zheng He muss das Ende der maritimen Ambitionen des Drachen nicht mehr erleben, er stirbt 1433. Zwar dominieren die Chinesen auch weiterhin den Seehandel in Ostasien, aber als die Portugiesen 60 Jahre später in den Indischen Ozean vordringen, existiert dort keine politische Seemacht mehr, die sie stoppen könnte.

Seit den Tagen des Zheng He hat sich kein Herrscher auf dem Drachenthron je wieder an die Finanzierung einer staatlichen Hochseeflotte dieser Ausmaße getraut. Das ändert sich erst wieder mit den "roten Kaisern".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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