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BILDUNG
Christoph Giesen
Büffeln für das Gaokao

Die Abi-Prüfungen im Juni sind ein landesweites Ereignis. Auswendiglernen steht im Vordergrund

Die große Prüfung des Lebens steht jedes Jahr im Juni an: das Gaokao. Ein Test, zwei Tage, von dem in China fast alles abhängt. Zehn Millionen chinesische Teenager nehmen daran teil. Wer gut abschneidet, darf eine der Eliteuniversitäten in Shanghai oder Peking besuchen, wer patzt, muss in die Provinz an eine kleinere Hochschule. Vom Gaokao hängen in China Karrieren ab.

Viele besorgte Eltern unternehmen alles Mögliche, damit die Prüfung gelingt: Am Vorabend bestellen sie ein Taxi, das auf keinen Fall die Ziffer vier im Nummernschild trägt (vier und Tod hören sich auf Chinesisch verblüffend ähnlich an). In der Vorbereitungszeit heuern sie extra Köche an, die besonders gesunde Gerichte zubereiten, sie kaufen Energiegetränke und manch einer lässt sich gar eine spezielle Sauerstofftherapie aufschwatzen, damit der Sohn oder die Tochter besser und vor allem länger lernen können.

An den Testtagen wird auf vielen Baustellen des Landes nicht gearbeitet, keine Kreissäge, die jaulend die Konzentration stört, keine Planierraupen, die Häuser abreißen. Auch in den Nächten vor den Prüfungen, Stille, soweit das in chinesischen Millionenstädten möglich ist. Damit niemand schummelt, werden die Testbögen in Gefängnissen gedruckt. Die Prüfungszentren sind videoüberwacht. Es gibt Störsender, damit niemand ein geschmuggeltes Smartphone nutzen kann.

In den Monaten vor dem Gaokao geht es vor allem ums Auswendiglernen. Das fängt schon in der ersten Klasse mit den Schriftzeichen an. Etwa bis zur fünften, sechsten Klasse dauert es, bis die Schüler genug Zeichen gepaukt haben, um eine Zeitung lesen zu können. 3.000 bis 4.000 sollten es sein. Auch später auf der Universität wird weiter auswendig gelernt. Läuft man während der Prüfungszeit über den Campus einer chinesischen Universität, hört man ein Summen, Hunderte Studenten murmeln ihre Texte vor sich hin. Allzu kritisches Denken, gar Widerspruch ist im System nicht vorgesehen. Gute Noten bekommt stets der, der Wissen reproduziert. Neue Lösungen und eigene Gedanken sind nicht gefragt. Selbst an den meisten Universitäten lernen die Studenten nur mit Lehrbüchern, eigene Nachforschungen in der Bibliothek strengen sie kaum an.

Diese Form des Lernens und das anschließende Examen hat lange Tradition in China. Bereits während der Han-Dynastie vor 2.000 Jahren wurde die kaiserliche Beamtenprüfung eingeführt. Staatsdiener wurde nur, wer erfolgreich war: Adel, Geld, Beziehungen - das half nichts im alten China, nur wer büffelte, hatte eine Chance.

Der Druck etwas zu lernen, setzt daher früh ein. Schon im Vorschulalter bekommen viele Kinder in den Städten Fremdsprachen beigebracht, in Shanghai werden Programme wie der Kindergarten-MBA angeboten, Dreijährige haben dann Chemieunterricht, anstatt mit Legosteinen eine Ritterburg zu bauen. Die Stundenpläne vieler Kinder erinnern oft an die ausgebuchten Kalender von Managern. Leisten können sich das allerdings nur die Städter in den großen Metropolen wie Shanghai, Peking oder Guangzhou.

Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2017 kommen etwa 85 Prozent der Jahrgangsbesten aus den großen Städten. Viel hängt im sozialistischen China davon ab, welche Lehrer man hat, wie man auf die Prüfungen vorbereitet wird, wo und auf welche Schule man geht. In manchen Dorfklassen lernen mehr als hundert Schüler zusammen in einem Raum, die Lehrer sind zudem oft schlecht ausgebildet. In bestimmten Gegenden in Peking hingegen, die zum Einzugsgebiet besonders guter Oberschulen gehören, sind die Mieten inzwischen auf Londoner und New Yorker Niveau angelangt. In Shanghai geben Eltern im Schnitt mehrere zehntausend Yuan pro Jahr für Nachhilfekurse aus. Durchaus mit Erfolg: 2009 nahmen Schüler aus Shanghai erstmalig am Pisa-Test teil und sie hängten ihre Altersgenossen auf der Welt ab: Mathematik, Leseverständnis, Naturwissenschaften - überall lagen die Shanghaier Kinder mit deutlichem Abstand vorne. Sechs Jahre später wurde der Test dann auf Peking und die beiden reichen Küstenprovinzen Jiangsu und Guangdong ausgeweitet. Nun sind die Ergebnisse nicht mehr ganz so eindrucksvoll. Platz zehn erreichten die chinesischen Schüler in der Gesamtwertung, fast gleichauf mit dem deutschen Nachwuchs. Die ländlichen Regionen sind in diesen Tests noch gar nicht eingepreist und auch nicht die Kinder von Wanderarbeitern.

Die Schulen in den großen Städten werden nicht von den Kindern aller Einwohner besucht. Der Grund ist das sozialistische Meldesystem. Von der Geburt an hat jeder Chinese eine Haushaltsregistrierung, die sogenannte Hukou. Wer als Wanderarbeiter vom Land kommt und in großen Städten wie Shanghai oder Guangzhou arbeitet, hat zumeist eine Dorf-Hukou und ist somit nicht offiziell ein Bewohner der Stadt, er muss seine Kinder in der Heimatprovinz zur Schule schicken. Ein Ummelden ist sehr kompliziert. Von einer in die andere Stadt, das geht gerade noch so, von einem Dorf im tiefen Westen Sichuans etwa nach Shenzhen im Perlflussdelta oder nach Peking, das ist so gut wie unmöglich für einen Wanderarbeiter.

Das Gaokao selbst bestehen gut 70 Prozent, relevant ist vor allem, die Punktzahl mit der man abschließt. Nur etwa fünf Prozent der Absolventen bekommen einen Platz an einer der großen Universitäten in den Küstenstädten (siehe Leiste links). Für meisten Chinesen bedeutet es, dass sie sich lediglich an einer der vielen kleinen Hochschulen einschreiben dürfen. Die Ausbildung dort ist nicht besonders gut, wer im Anschluss einen ordentlich bezahlten Job finden möchte, hat es schwer. Längst nicht alle Absolventen finden eine Anstellung.

Immer mehr Chinesen überlegen inzwischen, wie sie ihre Kinder der Prüfung entziehen können. Denn: Bildung kostet Geld in China, die Studiengebühren sind für die meisten zu hoch und selbst wenn man nach der Universität einen Arbeitsplatz gefunden hat, verdient man anfangs oft kaum mehr als ein Arbeiter am Band und muss zudem teure Mieten in den großen Städten zahlen. Viele Kinder vom Land treten die Studienplätze gar nicht erst an und ziehen stattdessen gleich als Wanderarbeiter in die Fabriken in Süd- und Ostchina.

Zum anderen entscheiden sich inzwischen immer mehr wohlhabende Chinesen dafür, ihren Nachwuchs ins Ausland zu schicken und ihm das Lern-Martyrium Gaokao zu ersparen: Sie gehen auf Internate in Europa, High-Schools in den Vereinigten Staaten oder besuchen internationale Schulen, die überall in Asien eröffnen. Allein zwischen 2011 und 2015 vervierfachte sich die Zahl chinesischer Schüler an amerikanischen Schulen - alles für ein glückliches Leben ohne Prüfung des Lebens.

Der Autor ist Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Peking.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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