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KultuRexport
Petra Kolonko
Uncooler Konfuzius

Erfolge werden durch Staatsdirigismus und Zensur gebremst

Südkorea hat coole TV-Serien und K-Pop, Japan coole Mangas, Hongkong hat coolen Kanto-Pop und China hat - einen uncoolen Konfuzius. In Wirtschaft und Politik glänzt die Volksrepublik als neue Weltmacht, aber seine moderne Kultur entfaltet über die eigenen Grenzen hinaus kaum Anziehungskraft. Chinas wenige Kulturexporte kommen antiquiert daher und tragen einen langen Bart. Fragt man jüngere Menschen in Deutschland, was sie von chinesischer Kultur wissen, kommt nicht viel als Antwort. Dabei ist sie lebendig, die populäre Kultur Chinas, und auf den Straßen der chinesischen Metropolen und in den sozialen und traditionellen Medien lässt sich beobachten, was heute in China ankommt. Von Teenie-Idolen bis hin zu Kult-Serien findet sich alles, was es im Westen auch gibt. China ist der größte Markt für Filme geworden. Serien und Game-Shows nach amerikanischem Vorbild werden in Masse produziert.

Es gibt kreative Mode-Designer und Street-wear, Musik- und Theater-Festivals und neben den süßlichen Schlagern des Mainstreams findet man auch andere Musik, Rock und Jazz und etwa die schrägen "Higher Brothers" mit ihrem chinesischem Rap. Es gibt Standup-Comedy, moderne Literatur online und auf Papier. In den sozialen Medien und auf Wechat, dem chinesischen Äquivalent der Whatsapp, setzen die Prominenten der Unterhaltungsbranche Stil und Themen.

Mäßige Erfolge beim Film All das kennt man in Europa kaum. Was im Westen angekommen ist, kam oft über den Umweg Hollywood und Hongkong wie die Kung-Fu-Filme. Schauspieler wie der Hongkonger Superstar Jackie Chan sind damit groß geworden. Ansonsten wurden im Westen eher diejenigen chinesischen Künstler bekannt, die es mit der westlichen Kultur versuchen wie mit der klassischen Musik. Die chinesischen Pianisten Lang Lang oder Yujia Wang sind Weltstars geworden.

Auch chinesische Filme erreichen nicht die große Masse in Europa und Amerika oder bei den asiatischen Nachbarn. Zwar gibt es immer wieder Erfolge der kleinen Gruppe relativ unabhängiger Filmemacher, die bei Festivals in Europa Preise gewinnen. Doch große Publikumserfolge werden sie nicht. Die frühen Dramen des wohl berühmtesten Regisseurs Zhang Yimou über die Zeit der Kulturrevolution waren im Westen noch bekannt, seine neueren, aufwändig produzierten Historienschinken und Kostümfilme, mit denen er sich bei den Kulturfunktionären der Partei anbiederte, finden im westlichen Ausland kein Interesse. Auch andere in China beliebte Film-Regisseure wie Feng Xiaogang haben außerhalb Chinas den Durchbruch nicht geschafft.

Hinderlich wirkt die Sprachbarriere. Wer versteht schon chinesisch und könnte chinesischen Rap verstehen, zeitgenössische Literatur im Original lesen oder ein modernes chinesisches Theaterstück verfolgen? Es wird aber auch vieles übersetzt und schließlich gibt es die Sprachbarrieren auch in Japan, Korea und Taiwan und trotzdem kommen deren Kulturprodukte international an.

Die chinesische Führung kann derzeit nur von einer Zeit träumen, da chinesische Kultur etwa in den Zeiten der Tang-oder Ming-Dynastie nicht nur in seine Nachbarländer, sondern auch über die Seidenstraße bis in den Nahen Osten und nach Europa strahlte. Präsident Xi Jinping, dessen Ziel es ist, China seinen "angestammten Platz" in der Welt wiederzugeben, will China wieder in dem Glanz und Macht sehen, die es zu Zeiten des Kaiserreiches hatte. Dabei hätte die chinesische Regierung gern, dass die chinesische Kultur auch im Ausland wieder attraktiv wird.

Präsident Xi Jinping will, dass China nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell wieder führend wird. China soll mit "soft power" wirken, einer Macht, die auf der Attraktivität von Kultur und Ideologie basiert, wie man dies neidvoll etwa in den USA oder in anderen westlichen Staaten und Japan sieht. Wie so oft, versucht Chinas Führung, mit staatlicher Planung zu richten, was sich spontan nicht so richtig entwickeln will. In China selbst heißt das, der "Ausbau einer "Kulturindustrie", die mit staatlichen Mitteln gefördert, die der Partei genehme Unterhaltung und Inhalte verbreiten soll.

Im Ausland hat die chinesische Regierung eine große Offensive weltweit mit ihren "Konfuzius-Instituten" gestartet. Die sollen gemäß ihrem Auftrag nicht nur die chinesische Sprache, sondern auch chinesische Kultur verbreiten. Dabei entbehrt es nicht der Ironie, dass die kommunistische Regierung ihren Kulturexport gerade im Namen eines alten Philosophen ankurbeln will, dessen Einfluss sie ursprünglich in China ausmerzen wollte.

Viel Geld wird investiert, 500 Institute wurden weltweit schon gegründet. In Deutschland gibt es 19 Konfuzius-Institute, die meisten sind angedockt an Universitäten. Doch ein Blick auf die Programme der Konfuzius- Institute zeigt, dass die meisten am "klassischen" Programm hängen bleiben. Neben dem Chinesisch-Unterricht kann man Kurse in Kalligraphie, in Qi Gong und Tai Qi oder in Traditioneller Chinesischer Medizin besuchen. Man kann chinesisch Kochen lernen oder an den Feiertagen Drachentänze bewundern. Nur wenige Institute greifen Pop-Kultur, politische Themen oder Gesellschaftsfragen des heutigen China auf.

Auch als sich die chinesische Kultur auf Geheiß der Kommunistischen Partei und des Regisseurs Zhang Yimou bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking von 2008 erstmals auf der Weltbühne präsentierte, stand auch schon die klassische Kultur im Vordergrund, etwa die Vorstellung der vier großen Erfindungen Chinas. Trotzdem ist der Ansatz der Konfuzius-Institute schon besser als die Bemühungen in den ersten Jahrzehnten der Volksrepublik, als Chinas vornehmlicher Kulturexport die Peking-Oper war und deren kunstvolle Masken und Kostüme überall als Aushängeschild chinesischer Kultur gezeigt wurden.

Als Xi Jinping auf einer seiner ersten Deutschlandreisen mit deutschen Sinologen und Vertretern deutscher Konfuzius-Institute zusammentraf, beklagte er, dass es "Vorurteile" gegen die Volksrepublik China gebe, weil die Ausländer die traditionelle Kultur Chinas nicht verstehen. Mit "Vorurteilen" meint Xi Jinping westliche Kritik an der Einparteienherrschaft in China mit ihren Menschenrechtsverletzungen und einem überbordenden Überwachungsstaat.

Ob er versteht, dass Chinas Umgang mit Dissidenten und Bürgerrechtlern und kritischen Künstlern abschreckend wirkt? Der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Schriftsteller Liu Xiaobo starb nach langer Haft im Gefängnis. Seine Frau, die Dichterin Liu Xia, stand während dieser Zeit jahrelang unter Hausarrest. Der international gefeierte Künstler Ai Weiwei saß für sein Engagement im Gefängnis. Als 2012 der Literaturnobelpreis an den chinesischen Schriftsteller Mo Yan verliehen wurden, entspann sich in Europa dann auch gleich eine Debatte darüber, ob er ein "Apologet des Systems" sei, nicht aber über seine Werke und deren Qualitäten.

Tatsächlich ist es auch kaum mangelnde Kenntnis über Konfuzius als gerade die autokratische Politik der Kommunistischen Partei, die einer Verbreitung chinesischer Kultur im Ausland im Weg steht. So gibt es für die jüngere Generation in westlichen Ländern, selbst wenn sie sich für Politik nicht interessieren, wohl kaum eine "uncoolere" Vorstellung als die Tatsache , dass in China das Internet zensiert ist und Dienste wie Facebook, Instagram und Whatsapp nicht erreichbar sind.

Potenzial für Hip Hop Aber auch nach außen wirkt die strikte chinesische Zensur - mit Youtube und Facebook sind zwei Kanäle von der Zensur geschlossen worden, die für die weltweite Verbreitung von neuen Trends verantwortlich sind. Mit der Abschottung des chinesischen Internets mit der "großen Brandmauer" gegen außen verhindert die chinesische Regierung auch Verbreitung chinesischer Trends nach außen.

So hätte nach Meinung vieler Rap-Enthusiasten der chinesische Hip Hop das Potenzial, sich zu einem Kulturexporterfolg Chinas zu entwickeln, doch gerade im Fall Hip Hop zeigen sich auch die durch die Zensur gesetzten Grenzen. Im Jahr 2018 wurde eine erfolgreiche Hip-Hop-TV-Show abgesetzt und Rapper dürfen nur noch im Fernsehen auftreten, wenn sie bestimmte Kriterien der Kultur-Funktionäre erfüllen, etwa keine Tattoos zu zeigen oder keine vulgäre Sprache zu benutzen. Oft ist aber nicht ganz klar, was die Zensoren stört. Und dann ist es allein schon diese Unsicherheit, die die Kreativität von Künstlern dämpft.

Auch im Ausland wird die chinesische Zensur aktiv, etwa indem chinesische Diplomaten vor Kulturveranstaltungen, die der offiziellen chinesischen Politik nicht gefallen, bei den Veranstaltern vorstellig werden und manchmal sogar über Proteste von chinesischen Auslandsstudenten zu verhindern suchen.

So bleibt die chinesische Kulturvermittlungen in der Politik und der Zensur gefangen. Es ist nicht Verständnis der kommunistischen Führung, dass zur Darstellung der Kultur eines Landes auch deren kritische Reflexion gehört. Auch sieht sie nicht, dass "coole" Kultur und "soft power" sich durch Kreativität und nicht auf Geheiß entwickeln. So wird die Anziehungskraft chinesischer Kultur im Ausland weiter beschränkt bleiben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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