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Auslandschinesen
Petra Kolonko
Umworben von Pekings Führung

Die mehr als 40 Millionen »Huaqiao« treiben mit ihren Investitionen die Marktwirtschaft daheim voran

Es war ein Wendepunkt in der Geschichte der Volksrepublik. Im Jahr 1979 gab Parteiführer Deng Xiaoping die Weisung, in Südchina vier Wirtschaftssonderzonen auszuweisen. Während ganz China noch in bitterer Armut lebte und mit den Folgen der Kulturrevolution und der Planwirtschaft zu kämpfen hatte, sollte in den vier Enklaven der Kapitalismus in Gestalt ausländischer Investoren und Managements einziehen dürfen. Die Zonen wurden ein voller Erfolg, mit ihnen begann der wirtschaftliche Aufschwung Chinas.

Dass diese neuen Inseln des Kapitalismus an der südchinesischen Küste ausgewiesen wurden, hatte seinen Grund. Die kommunistische Führung, die damals im kapitalistischen Ausland noch nicht viele Freunde hatte, wollte als Investoren erst einmal reiche chinesische Unternehmer aus Übersee gewinnen, die Wirtschaftselite der "Huaqiao", der Auslandschinesen. Ihnen wurden Steuervorteile und billige Arbeitskräfte geboten, gleichzeitig appellierte die chinesische Regierung an den "Patriotismus" der Unternehmer. Sie sollten etwas zum Aufbau ihrer Heimat beitragen, denn die meisten dieser Auslandschinesen stammten aus den südchinesischen Provinzen Guangdong und Fujian.

Es war nicht selbstverständlich, dass auslands-chinesische Unternehmer diesem Ruf folgten, waren viele von ihnen doch in den Gründungszeiten der Volksrepublik von den Kommunisten vertrieben worden oder vor ihnen geflohen. Während der Kulturrevolution waren Chinesen im Ausland gar verteufelt worden. Wer Verwandte in Übersee hatte, wurde der Spionage bezichtigt und die Chinesen waren damals gezwungen, ihre Beziehungen zu den fernen Verwandten zu kappen.

Die meisten "Huaqiao"-Gemeinden gehen schon auf frühere Auswanderungsbewegungen zurück. Im 19. Jahrhundert und zu Ende des Kaiserreiches gingen viele Chinesen nach Malaysia, Indonesien, auf die Philippinen, nach Singapur oder Hongkong, das damals noch britische Kolonie war, und wurden dort erfolgreiche Geschäftsleute. Insgesamt zählt man 40-60 Millionen Auslandschinesen, je nachdem ob man, wie die Pekinger Regierung das tut, die Bürger Taiwans dazu zählt. Etwa 29 Millionen leben in Südostasien. Außer durch Geschäftstüchtigkeit zeichnen sie sich auch durch starken Sippenzusammenhalt aus.

Die chinesische Parteiführung scheint überzeugende Argumente und Versicherungen gehabt zu haben. Die Investitionen der Auslandschinesen wurden die wichtigste Quelle ausländischen Kapitals in den neuen Enklaven Shenzhen, Shantou, Zhuhai und Xiamen. Die Sonderzonen wurden ausgeweitet und allmählich verbreitete sich das Modell in ganz China. Als nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 westliche Investoren sich kurzfristig vom chinesischen Markt zurückzogen, waren es wiederum die Auslandschinesen, die blieben.

In den 1990er Jahren kamen 80 Prozent aller ausländischer Investitionen in China von Auslandschinesen. Unter den Investoren waren Magnaten wie der Hongkonger Immobilientycoon Li Ka-shing oder der chinesisch-stämmige malaysische Milliardär Robert Kuok. Die Auslandschinesen haben einen unschätzbaren Beitrag zur Errichtung der chinesischen Marktwirtschaft geleistet, schreibt der Sinologe Oskar Weggel. Ohne sie wäre das Projekt der "Reform und Öffnung" Chinas nicht so schnell vom Fleck gekommen.

Mittlerweile sind Investoren aus aller Welt in der Volksrepublik vertreten und die chinesische Wirtschaft ist Teil der globalen Wirtschaft geworden. Unternehmen aus aller Welt sind in China vertreten, das zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt geworden ist. Die Auslandschinesen werden aber weiterhin von der chinesischen Führung umworben.

Bei einer nationalen Konferenz zu Fragen der Auslandschinesen, zu der Unternehmer und Repräsentanten von auslandschinesischen Gemeinschaften nach China gekommen waren, rief Staats- und Parteichef Xi Jinping die Auslandschinesen auf, "sich zusammenzuschließen, um den großen Wiederaufstieg der chinesischen Nation" zu verwirklichen. Sie alle sollten eine positive Rolle in der Wiederbelebung Chinas spielen.

Xi Jinping dürfte dies auch mit Seitenblick auf die mittlerweile fast fünf Millionen Chinesen gesagt, haben, die in den USA leben. Wenn sich die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten durch den Handelsstreit mit Präsident Trump weiter verschlechtern, könnten die amerikanischen Auslandsschinesen eine Lobby bilden oder und versuchen, als Vermittler aufzutreten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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