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Parlamentarisches Profil
Götz Hausding
Die Hausfrau: Ursula Schulte

Das Münsterländer Hochzeitsessen ist für Ursula Schulte ein kulinarischer Hochgenuss. Erst Rindfleischsuppe, dann Zwiebelfleisch - schließlich Kartoffeln, Kroketten oder Gratin mit Rinderroulade oder Schnitzel. Eine Vegetarierin ist die SPD-Bundestagsabgeordnete aus Vreden im Münsterland, die dem Agrarausschuss angehört, offenbar nicht. "Ich esse gern Fleisch", bekennt sie. Auch wenn es weniger sei als noch vor ein paar Jahren.

Nicht nur bei Ursula Schulte und ihrer Familie, sondern auch deutschlandweit geht der Fleischkonsum zurück - seit Jahren schon. Produziert wird gleichwohl mehr denn je - mit den bekannten problematischen Folgen für Umwelt und Tierwohl. "Wir produzieren für den Weltmarkt und müssen uns fragen, ob das grundsätzlich in Ordnung ist", sagt sie.

Dass die dabei entstehenden Mengen an Gülle in Deutschland drohen, das Grundwasser zu verunreinigen, sei "ein großes Problem, das nicht wegzudiskutieren ist". Was also tun? Schulte verweist auf die Möglichkeit, überschüssige Gülle in Biogasanlagen in Energie umzuwandeln. "Man könnte darüber nachdenken, die Bauern zu verpflichten, ihre Gülle dort abzugeben und zugleich den Gasanlagenbetreibern aufzuerlegen, diese anzunehmen und umzuwandeln", sagt sie.

Die beste Lösung sei jedoch, "nur so viele Tiere zu halten, wie man auch Gülle unterbringen kann". Es sei durchaus möglich, gesetzlich festzulegen, wieviel Tiere pro Fläche erlaubt sind. Doch es gibt auch ein Aber. "Wir dürfen nicht vergessen, dass die Landwirte von dem, was sie erwirtschaften, auch leben müssen - oft auch mehrere Generationen." Die Preise, die sie erzielen könnten, seien zu gering. Was dazu führe, dass viele Landwirte mehr Tiere hielten als sie eigentlich wollten, um auf ihr Geld zu kommen. Schulte fordert daher einen Bewusstseinswandel "bei uns allen". Die meisten Verbraucher wollten zwar das Tierwohl verbessert sehen - im Supermarkt werde dennoch zum billigen Fleisch gegriffen.

Von einer Erhöhung der Mehrwertsteuer für Fleisch von sieben auf 19 Prozent, um mit dem eingenommenen Geld das Tierwohl zu stärken, hält sie gleichwohl nichts. "Das ist absoluter Quatsch", macht sie deutlich. Jährlich stünden 58 Milliarden Euro für die Gemeinsame Agrarpolitik der EU zur Verfügung. Würde der Großteil davon nicht mehr nach Fläche vergeben, sondern so, "dass der Landwirt weniger Tiere halten muss und dennoch auf sein Einkommen kommt", wäre viel gewonnen. Doch dafür sei eine Einigung auf europäischer Ebene nötig "und die ist schwierig", dämpft sie die Erwartungen.

Völlig inakzeptabel findet sie es, dass auch in Zeiten des Überflusses hierzulande in Teilen der Welt Hunger gelitten wird. "Wenn es ein System gebe, durch das die Lebensmittel und der Reichtum gerecht verteilt würden, müsste keiner mehr hungern", ist Schulte überzeugt. Ihre Kritik richtet sich aber auch gegen die EU, die noch immer mit billigen Lebensmittelexporten kleinbäuerliche Strukturen in Ländern Afrikas ruiniere.

Ebenso unverständlich findet sie es, dass sich Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) so schwer tut mit der Einführung einer Lebensmittelampel. "Wäre ich Ministerin, hätte ich längst den Nutriscore eingeführt", sagt die SPD-Politikerin. Dieser sei wissenschaftlich fundiert und in Frankreich erprobt. Der Nutri-score bewerte Lebensmittel nicht, sondern sei nur eine Hilfe, "damit sich die Menschen gesünder ernähren können".

Einen Beitrag dazu könnte aus Sicht Schultes auch ein Schulfach "Ernährungswissen" leisten. "Es wäre schön, wenn die Länder das in ihren Lehrplan aufnehmen würden", sagt die 67-Jährige, die seit 2013 im Bundestag sitzt. In ihrem früheren Leben war sie als Hausfrau tätig und hat ihre Kinder, Eltern und Großeltern betreut. Leider würden diese Tätigkeiten öffentlich nicht wertgeschätzt, beklagt sie. Ursula Schulte sieht aber keinen Grund, sich für ihre Arbeit zu schämen. "Ist doch gut, wenn nicht nur Juristen im Bundestag sitzen", findet sie.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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