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DIE ROHKOSTLERIN
Lisa Brüßler
Du bist, was du isst

»Ein brummender Magen ist für mich kein Grund zu essen«

Ina Lechmann will es ganz genau wissen. Wenn sie sich mit Essen beschäftigt, geht die Zahntechnikerin bis auf die atomare Ebene: "Ich mache mir eigentlich über jedes Lebensmittel, das ich esse, Gedanken", sagt sie. Seit fünf Jahren stellt sie ihre Ernährung auf Rohkost um. Erst ließ sie Milchprodukte weg, danach Fleisch und Fisch, dann folgten Brot, Eier, Reis, Kartoffeln und Gekochtes. Jetzt ist sie beim Mono-Eating von veganer Rohkost angekommen. Sie ist der Meinung, dass viele Menschen zu viel essen, was der Körper nicht benötigt: "Hunger hat man dann erst, wenn man keine Energie mehr hat - nur weil der Magen brummt, ist das für mich kein Grund, zu essen", sagt die 36-Jährige.

Das war nicht immer so. Bevor sie Rohköstlerin wurde, war sie ein Fast-Food-Junkie: "Ich konnte auch nachts noch fett essen, habe Steaks geliebt und zwei bis drei Stück Kuchen waren normal für mich", sagt sie. "Ich hatte damals sehr viele Süchte. Besonders hart war es bei Getreideprodukten", erinnert sie sich. Es dauerte Jahre, bis sie nicht mehr das Gefühl von Verzicht hatte. "Das letzte Mal, als ich nicht an der Bäckerei vorbeigehen konnte, hat mir der Verzehr aber keine Freude mehr bereitet." Seitdem hält sie sich fern vom Bäcker.

Zur Rohkost kam sie wegen ihrer Gesundheit: "Erst hatte ich eine Vorstufe von Gebärmutterhalskrebs und dann Endometriose, eine Erkrankung der Gebärmutterschleimhaut. In der Zeit habe ich vermehrt darüber nachgedacht, warum ich krank bin", erinnert sie sich. Sie begann, sich Wissen anzulesen: "Ich fragte mich, warum ich überhaupt Milch- oder Ersatzprodukte essen soll, wenn ich Laktoseintoleranz habe." Fortan ließ sie Joghurt, Milch und Käse weg, reinigte ihren Körper mit verschiedenen Verfahren. Sie spricht davon, dass sich in der Zeit immer mehr "Schleier" in ihrem Bewusstsein gelichtet hätten. Doch auch die Endometriose verschwand mit der Ernährungs-Umstellung. Ein Fakt, der Ärzte sehr erstaune, wenn sie davon erzählt.

Einkaufen muss sie heute nicht mehr viel: "Ich gehe in den Bio-Supermarkt, zum Öko-Bauernhof und Salate, Beeren und Gemüse baue ich selbst im Garten an", sagt sie. Mango oder Avocado gibt es nur selten, denn sie versuche darauf zu achten, dass ihre Nahrung keine weiten Wege hinter sich hat. "Manchmal hat man aber natürlich auch mal Lust darauf", gesteht sie. Zuhause, auf ihrer Fensterbank, züchtet sie Sprossen, Boxhornklee und Buchweizen. Weil sie relativ wenig isst, ist ihre Ernährung nicht so teuer: "Aber das ist auch keine Frage des Geldes für mich. Der vermeintliche teurere Preis im Supermarkt ist der normale", sagt sie. Sie gebe gerne drei Euro für eine Gurke aus, anstatt eine zu essen, die null Energie besitzt. "Ich möchte Energien von der Sonne aufnehmen, und die fließt in Pflanzen, Obst, Gemüse und Kräuter" sagt sie. Seit sich in ihrer nordhessischen Heimat herumgesprochen hat, dass sie nur Rohkost isst, bekommt sie vieles mitgebracht und geschenkt: "Wenn Bananen zu dunkel sind, bringen sie mir die Leute und ich mache etwas daraus." Auch die Kerne von Obst, die die meisten Menschen wegwerfen, verwertet sie. "Man muss sich gut auskennen mit Nahrungsmitteln, aber ich habe auch den Eindruck, dass mir mein Körper direkter rückmeldet, was er mag und was nicht", sagt Lechmann.

Die erste Mahlzeit isst sie nachmittags. Dann gibt es saisonales Obst, Zitrusfrüchte oder Melone. Abends kommt bei ihr ein großer Salat mit Nüssen auf den Tisch. Zwischendrin gibt es immer mal Rohkost-Riegel. Obst und Gemüse werden bei der Ernährungsweise maximal auf 42 Grad erhitzt. "Ich möchte etwas Frisches essen, etwas wodurch ich 20 Kilometer laufen kann und nichts, das mich schlapp macht", sagt Lechmann. Ihren Herd braucht sie fast nie, eigentlich nur noch um Cremes und Öle herzustellen.

Ernährung ist für sie ein ganzheitliches Thema, Joggen, Meditation und Yoga gehören fest zu ihrem Tag. Am Anfang des Prozesses fühlte sie sich allein, war öfters deprimiert. Der Sport motivierte sie schließlich, dabei zu bleiben: "Fünf Minuten Yoga am Tag oder ein Tag Rohkost die Woche sollte jeder schaffen - das ist keine Frage der Zeit", ist Lechmann überzeugt. Auch beim Joggen hält sie die Augen auf: "Nur vier Brennesselblätter ersetzen einen ganzen Salatkopf", erklärt sie.

Ihr Umfeld habe sich inzwischen an die Rohkost-Ernährung gewöhnt. "Es ist nicht besonders kompliziert; eigentlich hat jeder Obst oder Salat im Kühlschrank", sagt sie. "Trotzdem habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass Leute meine Ernährung wie Wissenschaftler auseinandernehmen, aber bei ihrer eigenen ziemlich sorg- und kritiklos sind." Dazu zählt auch ihre eigene Familie: "Die findet, ich mache mir das Leben schwer und bin zu streng", sagt sie. "Anfangs habe ich immer versucht, die Leute anzuhalten, weniger tierische Produkte und Industriemüll zu essen", erinnert sie sich. Jetzt verwende sie ihre Energie lieber darauf, andere über Rezepte und Ideen zu motivieren, bewusster zu konsumieren. Von ihrem Partner erwartet Ina nicht, sich ähnlich zu ernähren wie sie. "Aber natürlich wäre es hilfreich, wenn er kein Fleisch essen würde", sagt sie lachend.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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