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Landwirtschaft
Malte Kreutzfeldt
Lebensmittel in Hülle und Fülle

Die Bauern bewirtschaften immer größere Flächen und arbeiten so effizient wie noch nie

Kühe, die auf grünen Weiden grasen und abends von Hand gemolken werden; Bauern, die auf ihren Feldern viele verschiedene Arten von Getreide und Gemüse anbauen und auf dem Hof diverse Tierarten halten: Das sind romantische Bilder, die viele Menschen im Kopf haben, wenn sie an Landwirtschaft denken. Doch diese Vorstellungen, egal ob sie aus Kindergeschichten, Urlaub auf dem Bauernhof oder zweifelhaften Fernsehshows stammen, haben mit der Realität heutiger Agrarbetriebe nicht viel gemein.

Denn die Landwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert. 1980 ernährte ein Landwirt mit seinen Produkten im Schnitt 47 Menschen, heute sind es 142, also rund drei Mal so viele. Parallel zu dieser Entwicklung hat sich auch die Zahl und Größe der Höfe gewaltig verändert. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland seit 1999 um mehr als 40 Prozent auf nur noch 270.000 zurückgegangen. Die von ihnen bewirtschaften Flächen sind derweil immer größer geworden: Umfasste ein Hof 1999 im Durchschnitt noch 36 Hektar, waren es 2018 mehr als 60 Hektar.

Dominante Großbetriebe Dieser Durchschnittswert zeigt zudem nicht wirklich, wie dominant Großbetriebe sind: Nur 13 Prozent der Betriebe bewirtschafteten im Jahr 2016 eine Fläche von mehr als 100 Hektar. Doch insgesamt verfügten diese wenigen Großbetriebe über 60 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche Deutschlands. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Eigentümerstruktur: Zwar werden nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums noch etwa 90 Prozent der Betriebe von den Besitzern selbst geführt. Doch die zehn Prozent, die als Genossenschaften, Personengesellschaft, GmbH oder AG geführt werden, bewirtschaften über ein Drittel der deutschen Agrarfläche.

Gleichzeitig haben sich die Betriebe immer stärker spezialisiert, etwa auf Ackerbau oder eine bestimmte Nutztierart. Und die Landwirte holen aus den Böden und Tieren immer mehr heraus: Bei Kartoffeln liegt die Erntemenge pro Hektar heute knapp doppelt so hoch wie 1950, beim Weizen hat sie sich sogar verdreifacht. Ein Huhn legt heute mehr als doppelt so viele Eier pro Jahr, eine Kuh liefert gar die dreifache Menge Milch wie früher. Möglich ist das zum einen durch neue Züchtungen, zum anderen durch einen verstärkten Einsatz von Chemie. So ist der Verbrauch an Pflanzenschutzmitteln 2017 rund zweieinhalb Mal so hoch wie 1970.

Automatisierte Verfahren Und natürlich ist auf den Feldern und in den Ställen moderne Technik eingezogen. Nicht nur die Felder sind immer größer geworden - was oft mit dem Verlust von landschaftlicher Vielfalt einhergeht. Auch Traktoren, Mähdrescher und andere Geräte sind stetig gewachsen und arbeiten mit digitaler Unterstützung immer effizienter.

Die Tierhaltung läuft bei großen Betrieben inzwischen ebenfalls weitgehend automatisiert ab. Und anders als auf dem Acker, wo die moderne Technik oft mit erheblichen Umweltbelastungen verbunden ist, können die Tiere durchaus von einigen Neuerungen profitieren.

So sind Kühe in traditionellen, meist kleineren Ställen bis heute häufig noch permanent angebunden, um sie leichter füttern und melken zu können. In modernen Kuhställen werden die Tiere dagegen mit Transpondern ausgerüstet, die durch eine komplett maschinelle Versorgung eine freie Bewegung im Stall ermöglichen. Der Fütterungsautomat erkennt jedes Tier und teilt ihm eine anhand der Milchmenge individuell errechnete Kraftfuttermenge zu. Und wann immer sie mag, geht die Kuh selbstständig in den Melkstand, wo sie erkannt und von einem Roboter gemolken wird.

Der direkte Kontakt des Landwirts zum einzelnen Tier wird dabei zwar geringer, dennoch wissen die Bauern dank der Technik oft mehr über den Zustand ihrer Kühe: Computer erfassen nicht nur Futter und Milchmenge, auch Bewegungsmuster können genau analysiert werden, so dass kranke Tiere leicht auffallen. Lohnen tut sich diese aufwendige Technik aber nur für große Betriebe.

EU-Subventionspolitik Gefördert wird der Trend zu immer größeren landwirtschaftlichen Betrieben nach Ansicht von Kritikern durch die Subventionspolitik der Europäischen Union. Denn die Zahlungen, mit denen die europäischen Landwirte unterstützt werden, richten sich noch immer vor allem nach der Anbaufläche (siehe Beitrag unten). Auf diese Weise gingen in Deutschland etwa 70 Prozent der EU-Direktzahlungen an nur 20 Prozent der Betriebe, kritisiert etwa der Umweltverband BUND, der für eine stärkere Ausrichtung der Gelder an Umweltkriterien plädiert. In der derzeitigen Förderperiode, die noch bis 2020 läuft, wurde zwar ein sogenannter Greening-Faktor eingeführt, mit dem Umweltleistungen honoriert werden sollen. Dieser hat seinen Zweck nach Ansicht des BUND aber nicht erfüllt.

Der Bauernverband warnt hingegen vor zu starken Veränderungen bei der Vergabe der Mittel. "Die finanzielle Zukunftsfähigkeit der Bauernhöfe darf nicht gefährdet werden", meint Verbandspräsident Joachim Rukwied, der in Baden-Württemberg den elterlichen Betrieb führt. "Für viele Betriebe sind die Direktzahlungen lebensnotwendig."

Wie es nach 2020 weitergeht, hängt vor allem von der künftigen EU-Kommission ab. Der bisherige Agrarkommissar Phil Hogan hatte vorgeschlagen, die Konzentration der Gelder auf wenige Betriebe dadurch zu mindern, dass Direktzahlungen ab einer Summe von 60.000 Euro im Jahr abgeschmolzen und bei 100.000 Euro im Jahr gedeckelt werden. Ökologische Bedingungen für Zahlungen sollen künftig verstärkt auf nationaler Ebene festgelegt werden.

Auch mit einer weniger intensiven Landwirtschaft wäre die Versorgung in Deutschland übrigens nicht gefährdet. Das Bundeslandwirtschaftsministerium weist zwar darauf hin, dass im Saldo mehr Lebensmittel importiert als exportiert werden. Ein genauer Blick auf die Zahlen zeigt aber, dass das vor allem für pflanzliche Produkte wie Gemüse und Obst gilt. Einen deutlichen Exportüberschuss gibt es dagegen bei Fleisch und Milcherzeugnissen, deren Flächenbedarf wegen des notwendigen Futters besonders groß ist.

Der Autor ist Korrespondent bei der "Tageszeitung".

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