Inhalt

wirtschafT I
Daniela Schröder
Steak 2.0

Startups probieren sich in alternativer Fleischerzeugung

In der Pfanne brät ein saftiges Steak, für morgen steht gegrillte Hähnchenbrust auf dem Speiseplan. Das Besondere der Gerichte: Für keines musste ein Tier sterben. Denn das Steak kommt aus dem 3D-Drucker und das Hähnchenfleisch aus dem Labor. "Wir sollten der Absurdität entkommen ein ganzes Huhn zu züchten, wenn wir lediglich die Beine und Flügel essen, vielmehr müssen wir ein Medium entwickeln, mit dem wir diese Körperteile separat herstellen können", meinte der britische Politiker Winston Churchill vor gut 100 Jahren. Heute ist seine Vision Realität; neben veganen Fleischalternativen entwickelt sich ein weiterer Sektor in rasantem Tempo: künstliches Fleisch aus dem Labor.

Noch ist Tierfleisch ein beliebtes Nahrungsmittel und für viele Menschen ein fester Bestandteil ihrer Ernährung. Seit Anfang der 1960er Jahre hat sich der weltweite Fleischverzehr mehr als vervierfacht. Aktuell liegt der Pro-Kopf-Konsum bei durchschnittlich 41,9 Kilogramm pro Jahr, in Deutschland sind es gut 60 Kilogramm. Schwellenländer wie China und Indien holen beim Fleischverzehr auf, auch in Afrika steigt die Nachfrage. Die Ernährungsexperten der Vereinten Nationen gehen ohnehin von einem weiter wachsenden Fleischverbrauch aus - dies jedoch weltweit. Zugleich nimmt in den Industrieländern das Bewusstsein für die Probleme der industriellen Fleischerzeugung zu. Der Tierschutz spielt eine Rolle, vor allem aber hat die Massentierhaltung massive Folgen für Menschen, Umwelt und Klima: Die boomende Futterproduktion nimmt Ackerland für pflanzliche Nahrungsmittel ein, der Futteranbau verbraucht sehr viel Wasser, das Umwandeln von Wäldern in Futterfelder heizt den Klimawandel an, an Masttiere verfütterte Antibiotika verseuchen das Grundwasser.

Steaks aus dem 3D-Drucker Tierliebe hin, Umweltschutz her - wem Fleisch schmeckt, der will ungern darauf verzichten. Den weltweit wachsenden Appetit auf Fleisch bedienen, aber die Probleme durch die klassische Fleischproduktion vermeiden - eine Reihe Wissenschaftler und Ernährungsexperten wollen künftig Fleisch auf neuen Wegen erzeugen. Einer von ihnen ist Guiseppe Scionti, Forscher an einer Universität in Barcelona und Gründer des Startups Novameat. Seine Idee: Veganes Steak aus dem 3D-Drucker. Vegane Produkte als Fleischersatz sind schon seit Jahren auf dem Markt, doch in Geschmack und Optik waren sie von echtem Fleisch weit entfernt.

Sciontis Fleischersatz besteht aus einer rötlichen Paste aus Reis, Erbsenmehl und Seetang, der 3D-Drucker bringt sie Schicht für Schicht in Steak-Form. In Textur und Konsistenz ist das Pflanzen-Fleisch identisch mit echtem Fleisch, sagt Scionti. Zudem ähneln die pflanzlichen Proteine den Proteinkomplexen in tierischem Fleisch, das sorgt für einen ähnlichen Geschmack. Doch der Forscher will das Maximum erzielen: "Noch imitiert das Steak nicht den Geschmack von Tierfleisch." Scionti betont, dass er für sein Produkt keine Rohstoffe verwendet, die sich negativ auf die Umwelt auswirken. Daher habe er sich gegen Avocado und das proteinreiche Getreide Quinoa entschieden, der weltweite Hype um die beiden Lebensmittel hat sich für ihre Anbauländer mittlerweile zu einem ökologischen Problem entwickelt.

Künstliche Fleischzucht Einen ganz anderen Ansatz als Scionti verfolgt SuperMeat, ein Startup aus Tel Aviv. Das Geschäftsmodell des Unternehmens basiert darauf, Fleisch künstlich zu züchten. Aus dem Muskelgewebe eines lebenden Huhns werden Stammzellen gewonnen, die sich in Containern mit einer Nährstofflösung massenhaft vermehren. In einer Zuchtmaschine wachsen die Zellen zu Fleischfasern zusammen - fertig ist das Hühnerbrustfilet. Bisher war die Zellenzucht ein Dilemma, denn als Trägermedium nutzten Wissenschaftler ausschließlich Kälberserum. SuperMeat verwendet nach Angaben von Gründerin Shir Friedman, einer Biologin, ausschließlich eine serumfreie Zellkultur auf Pflanzenbasis. Risikokapitalgeber aus den USA und auch der deutsche Geflügelfleischhersteller PHW, bekannt als Wiesenhof, haben in SuperMeat investiert. Das Gerät zum Fleischzüchten passt in jede Haushaltsküche. Doch ob sich das künstliche Hühnchen auf dem Markt durchsetzen kann, lässt sich noch nicht abschätzen, entscheidend sind der Geschmack - und vor allem die Kosten.

Firmengründerin Friedman sieht das große Ganze als Verkaufsargument: "Unsere Methode macht die Nutztierhaltung für die Fleischproduktion überflüssig." Das bedeute: Weniger Tierleid, weniger Flächen für den Futteranbau, weniger Klimagas. Außerdem sei das Laborfleisch frei von Antibiotika und damit gesünder. "Es ist die perfekte Lösung", meint Friedman. "Niemand muss seine Ernährungsgewohnheiten radikal ändern."

Neu ist die Idee des Laborfleischs nicht. 2013 lud der niederländische Biologe Mark Post in London zum öffentlichen Verkosten eines Retorten-Burgers ein. Doch der Burger war ein Flop. Zu trocken und zu geschmacklos, befanden die Testesser. Ein weiterer Knackpunkt waren die immensen Kosten: Inklusive der Entwicklung des Herstellverfahrens flossen umgerechnet gut 295.000 Euro in das Projekt.

Revolution der Ernährungsindustrie Die Technologie hinter dem Kunstfleisch stammt aus der Medizin. Unter dem Fachwort Tissue Engineering wachsen Körperteile wie Herzklappen und Ohrmuscheln im Labor heran. Basis sind Stammzellen aus Embryos oder Muskelstammzellen lebender Tiere. In einer Nährlösung massenhaft vermehrt, wachsen die Zellen zu Fleischfasern zusammen. Um einen Hamburger zu formen, braucht es etwa 20.000 solcher Fasern und eine Struktur, die den Zellen als Gerüst dient und die der Verbraucher bedenkenlos essen kann.

Wirtschaftsexperten sehen die neuen Fleischalternativen mit ihren neuen Geschäftsmodellen und Lieferketten als Revolution der Ernährungsindustrie. "Wir stehen vor nichts weniger als dem Ende der Fleischproduktion, wie wir sie kennen", sagt Carsten Gerhardt, Landwirtschaftsexperte der Unternehmensberatung A.T. Kearney. "Bereits 2040 werden nur 40 Prozent der konsumierten Fleischprodukte von Tieren stammen." Für Startups wie Novameat und SuperMeat bedeutet es eine riesige Geschäftschance.

Welches Wirtschaftspotenzial im Fleischersatz steckt, zeigt schon jetzt das US-Unternehmen Beyond Meat. Der kalifornische Hersteller produziert Fleischprodukte aus pflanzlichem Protein, Fastfood-Fans weltweit sind von Fleischgeschmack und -optik begeistert, vor allem von den veganen Burger der Firma, die große US-Imbissketten anbieten. In Deutschland waren die Bratlinge zunächst nur beim Großhändler Metro zu haben, als der Discounter Lidl sie ins Programm nahm, waren sie kurz darauf ausverkauft. Mittlerweile mischen weitere US-Startups auf dem Fleischersatz-Markt mit, auch traditionelle Nahrungsmittelhersteller wie Branchenriese Nestlé oder der US-amerikanische Fleischkonzern Tyson Foods haben pflanzliche Fleischprodukte heraus gebracht (siehe Text unten).

Doch es gibt auch Kritik. Ernährungsforscher weisen darauf hin, dass Pflanzenfleisch nicht automatisch gesünder sei als Tierfleisch. Zudem sind Laborprodukte der Inbegriff industriell hoch verarbeiteter Lebensmittel und damit für Anhänger von naturbelassenen Nahrungsmitteln keine Option.

Insekten als Nahrungsquelle Absolut natürliches und zugleich nachhaltig produziertes Protein bietet ein in Europa noch ungewöhnliches Nahrungsmittel: Insekten. Mehlwürmer, Heuschrecken, Grillen, Raupen und Co. stehen in vielen Ländern seit jeher auf dem Speiseplan, zwei Milliarden Menschen nutzen sie als Nahrungsquelle. Mit ihrem hohen Gehalt an Proteinen und ungesättigten Fettsäuren sind Insekten sehr nahrhaft und gesund. Zudem sind sie ökologisch und ökonomisch im Vorteil: Insekten verbrauchen viel weniger Wasser, Nahrung und Fläche als Schweine, Rinder, Hühner.

Dazu kommt ihre Effizienz: Im Vergleich zu den klassischen Schlachttieren bilden Insekten aus wenig Futter viel Körpermasse. Produkte auf Insektenbasis sind bereits auf dem Markt, darunter Müsliriegel und Burger. Weil Insekten als Lebensmittel in Europa noch relativ neu sind, gibt es bisher keine klaren gesetzlichen Regeln für Unternehmen, die Insekten züchten oder verarbeiten. Anfang 2018 haben die EU-Behörden die Zulassung von Lebensmitteln auf Insektenbasis lediglich vereinfacht, in Holland, Österreich und in der Schweiz hingegen existieren bereits konkrete Vorgaben für Insekten-Produzenten. Wie interessant die Tierchen als alternative Proteinquellen sind, zeigt das Beispiel des Lebens- und Futtermitteltechnologie-Herstellers Bühler: Der Schweizer Konzern hat eine eigene Unternehmenssparte für die industrielle Insektenzucht gegründet.

Doch Insekten lassen sich auch für den privaten Verzehr züchten. Etwa mit einer Mehlwurmfarm in der eigenen Küche. Katharina Unger, eine österreichische Industriedesignerin, hat ein Gerät entwickelt, in dem Mehlwurmlarven mit Küchenabfällen gefüttert werden und so nach wenigen Wochen verzehrfertig sind, per Schockfrosten im Tiefkühlfach werden sie getötet. Ungers Startup Livinfarms verkauft die weißen Zuchtboxen in alle Welt, die meisten Kunden kommen aus Europa - wo einst auch Sushi und Hummer als eklig galten. Noch ist die Mini-Wurmfarm ein Nischenprodukt. Unger baut daher auf Marketing: "Insekten sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Nun brauchen sie entdlich ein positives Image."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag