Inhalt

WirtschafT II
Kristina Pezzei
Zur Freude von Tier und Anleger

Vegane Lebensmittel liegen im Trend. Das liegt am Geschmack und an intelligenter Vermarktung. Die Börse feiert solche Unternehmensgeschichten

Um satte 287 Prozent ist der Umsatz des veganen Burgerbraters Beyond Meat im zweiten Quartal dieses Jahres gestiegen, umgerechnet 60,4 Millionen Euro setzte das US-Unternehmen in dem Zeitraum um. Für Vorstandschef Ethan Brown ein klares Zeichen dafür, dass der Vegan-Trend bei den Massenverbrauchern angekommen ist - und die Marktforscher geben ihm Recht: vegetarischer und veganer Fleischersatz boomt. Dass deutsche Discounter die mittlerweile kultigen US-Buletten ohne Fleisch aktionsweise ins Sortiment genommen und damit einen Run auf ihre Kühlregale ausgelöst haben, folgt nur der Entwicklung in der Gesellschaft. Laut dem Verband ProVeg ernähren sich in Deutschland etwa acht Millionen Menschen vegetarisch und 1,3 Millionen vegan (basierend auf Zahlen aus dem Jahr 2016). Schätzungen zufolge kommen täglich um die 2.000 Vegetarier und etwa 200 Veganer hinzu.

Dieses wachsende Geschäft wollen sich auch die hiesigen Konzerne der traditionellen Fleischindustrie nicht entgehen lassen. Die fleischlosen Fleischpflanzerl zielen nämlich gar nicht unbedingt auf seit langem vegetarisch oder vegan Lebende ab, sondern vor allem auf Flexitarier - also Verbraucher, die ihre Essgewohnheiten gern einmal überdenken, anpassen und neues ausprobieren. Das bestätigte Marcus Keitzer, beim Wiesenhof-Mutterkonzern PHW Vorstand für alternative Proteine, in einem Interview. Zielgruppe seien die, die von Zeit zu Zeit in Ergänzung zum Fleisch zu pflanzlichen Alternativen greifen. Die Fleischfirma Wiesenhof sieht sich denn mittlerweile auch eher als "Anbieter von hochwertigen Proteinprodukten" und ist Vertriebspartner von Beyond Meat in Europa. Auch die Wettbewerber von Rügenwalder Mühle setzen vermehrt auf Fleischfreies im Sortiment; dort sorgten vegetarische Produkte im vergangenen Jahr für 38 Prozent des Umsatzes. Und der Nestlé-Konzern stellte im Frühjahr seine pflanzlichen "Burger-Patties" vor, die das Schnellrestaurant McDonalds zwischen Brötchenhälften als "Big Vegan TS" verkauft.

Guter Geschmack, gute PR Entscheidend für die positive Geschäftsentwicklung dürfte zum einen die Ähnlichkeit der Produkte zu den original Fleischvarianten sein. "Der Geschmack ist das entscheidende Kriterium für den Erfolg", bekräftigte PHW-Vorstand Keitzer. Nun genießt jeder Gaumen bekanntlich anders, tatsächlich kommen allerdings die Fleischalternativen auf pflanzlicher Basis weit näher an den "echten" Geschmack heran als die Bratlinge der ersten Stunde. Zum zweiten hat sich auch die PR um die Produkte, angetrieben durch die Vermarktungsprofis aus den USA, stark geändert. Die Burger heißen eben nicht mehr Blumenkohlbratling oder Seitan-Wurst, ihr Verzehr verspricht Intensität und Spaß statt geschmacklicher Ödnis und einem Leben in Gesundheitslatschen. In den USA bekennen sich Hollywood-Größen und etwa Microsoft-Mitgründer Bill Gates zu Beyond Meat. Die öffentliche Diskussion um Klima-, Umwelt- und Ressourcenschutz kommt den Marketingabteilungen und damit den Absatzzahlen der Fleischersatz-Herstellern zusätzlich zu Gute.

Auch nachgelagerte Industrien profitieren längst von dem Trend - so verbucht etwa der Stabilisatoren-Hersteller Condio aus Werder bei Potsdam Erfolge mit für Veganern geeignete Produkte. Das Unternehmen, das in seiner Branche zu den Weltmarktführern gehört, stellt aus natürlichen Rohstoffen Stabilisatoren her. Mit der veganen Linie bedient die Firma einen wachsenden Bedarf auf dem europäischen Markt.

Dass in fleischfreien Produkten also häufig ziemlich viel Industrie steckt und darüber hinaus mit Blick auf eine gesunde Ernährung eher mit Fragezeichen zu versehen ist, tut dem Hype keinen Abbruch. Dabei haben Ernährungsforscher wiederholt darauf hingewiesen, dass in den pflanzlichen Nachahmer-Produkten genauso viel gesättigtes Fett und Natrium steckt wie im Original. Und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schreibt zur Vorstellung ihrer Kriterien für eine vegetarische Menülinie: "Der Einsatz von industriell hergestellten Fleischersatzprodukten wie Sojaschnitzel oder Tofuwürstchen ist aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht notwendig."

Freilich erzeugt eine vegetarische oder vegane Ernährungweise einen extrem niedrigeren ökologischen Fußabdruck als eine fleischhaltige: Darüber hinaus profitieren von dem fleischfreien Buletten-Boom indes vor allem die Konzerne, immerhin liegen die Herstellungskosten der vegan-Linien unter denen der Fleischvarianten bei mindestens ebenso hohen Verkaufspreisen, und die Anleger an der Börse: Der Aktienkurs von Beyond Meat hat sich seit seinem Börsengang Anfang Mai rasant nach oben entwickelt. Zeitweise wurde die Aktie um etwa das Neunfache über dem Ausgabekurs von 25 US-Doller gehandelt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag