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LEBENSMITTELAMPEL
Susanne Kailitz
Stop-and-go im Supermarkt

Ministerin Klöckner wollte sie verhindern - doch Verbraucherschützer machen Druck

Auf den ersten Blick scheinen sich die beiden Fertigpizzen kaum voneinander zu unterscheiden: Sie sind mit Spinat und Käse belegt, beide tragen bekannte Markennamen. Doch der Blick in die kleingedruckten Nährwertangaben offenbart große Unterschiede: Während die eine Pizza mit dünnem Boden und umfangreichem Gemüse-Anteil mit deutlich weniger Salz und Kalorien daherkommt, ist die zweite in Sachen Energiedichte ein echtes Schwergewicht. Eine Ampelkennzeichnung verdeutlicht: Pizza Nummer eins ist, wenn es dem Verbraucher um eine gesunde Ernährung geht, mit einem hellgrün unterlegten "B" eine deutlich bessere Wahl als Pizza Nummer zwei, die mit einem orangen "D" gekennzeichnet ist.

Grün: empfehlenswerte Lebensmittel, rot: in Maßen genießen. Das ist, grob gesagt, die Botschaft, die Lebensmittelampeln wie der Nutriscore, den die Verbraucherorganisation Foodwatch für ihr Pizza-Beispiel verwendet hat, aussenden sollen. Doch wenn es nur so einfach wäre. Seit Jahren wird in Deutschland um die richtige Nährwertkennzeichnung verarbeiteter Lebensmittel gestritten. Schon 2009 hatten Union und SPD in ihren Koalitionsverhandlungen darüber diskutiert - passiert ist aber nichts, auch wenn die SPD eine Lebensmittelampel in ihrem Wahlprogramm als Ziel benannt und es die farbliche Kennzeichnung inzwischen auch in den aktuellen Koalitionsvertrag geschafft hat.

Vor wenigen Wochen hat die Diskussion erneut Fahrt aufgenommen. Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) hat in den vergangenen Monaten verschiedene Kennzeichnungssysteme analysieren lassen und wartet aktuell auf die Ergebnisse einer Verbraucherbefragung. Abstimmen sollen die Testpersonen bis September über vier Modelle und die Ministerin hat zugesagt: "Wir werden uns an dieses Votum halten."

Dass es eine Lebensmittelkennzeichnung geben sollte, das ist unter Experten unumstritten. Übergewicht und ernährungsbedingter Diabetes sind in Deutschland inzwischen ein riesiges Problem: 47 Prozent der Frauen und 62 der Männer sind übergewichtig, heißt es aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Bei Kindern und Jugendlichen seien es 15 Prozent. Zu viel Zucker, Fette, gesättigte Fettsäuren und zu viel Salz seien "nicht die einzigen, aber wichtige Gründe für die Entstehung von ernährungsbedingten Krankheiten wie Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen".

Um derart ungesunden Entwicklungen entgegen zu wirken, können Staaten auf unterschiedliche Methoden setzen. In einer gemeinsamen Studie haben deutsche und britische Wissenschaftler verschiedenste Maßnahmen gegen den Konsum zuckerhaltiger Getränke analysiert und in ihrer Wirkung vergleichen. Das Ergebnis: Das Kennzeichnen von Lebensmitteln etwa mit Hilfe von Ampel-Systemen, die Änderung von Lebensmittelstandards und Preiserhöhungen für bestimmte Lebensmittel sind am erfolgversprechendsten. Stefan Lhachimi, Professor für Öffentliche Gesundheit am Leibniz-Institut für Präventionsforschung, fordert deshalb, Staat und Gesellschaft müssten "durch scharfe Instrumente wie verpflichtende Lebensmittelampeln oder eine Preiserhöhung durch zusätzliche Besteuerung deutlich zeigen", dass Produkte wie Süßigkeiten oder Süßgetränke "potentiell gesundheitsschädlich sind".

In anderen Ländern ist dieses Vorgehen längst Konsens. Als Mutterland der Lebensmittelampel gilt Großbritannien. Dort wurde 2013 eine freiwillige einheitliche Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln eingeführt. Auf vielen Lebensmitteln befinden sich Kennzeichnungen, die den Verbraucher darüber informieren, ob der Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz jeweils im roten, grünen oder gelben Bereich liegt. In Frankreich und Belgien wird der Nutriscore verwendet - eine fünfstufige Ampelskala von grün bis rot, für deren Wert Nährstoffe wie Vitamine, Ballaststoffe und Proteine mit ungünstigen Inhaltsstoffen wie gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz verrechnet werden. Auch Spanien, Portugal und Luxemburg wollen das System einführen; in Deutschland finden sich inzwischen Produkte etwa der Hersteller Danone, Iglo und Bofrost mit dieser Kennzeichnung in den Regalen.

Die deutschen Verbraucher finden das System gut. In einer repräsentativen Umfrage im Auftrag von Foodwatch und verschiedener medizinischer Fachgesellschaften kam das Institut Forsa erst Mitte August zu dem Schluss, der Nutriscore sei verständlich und erleichtere die Auswahl gesunder Lebensmittel. Verglichen wurde er mit der alternativen Kennzeichnung "Wegweiser Ernährung", die das bundeseigene Max-Rubner-Institut für Ernährungsforschung im Auftrag der Ministerin entwickelt hat. Das schneidet zwar bei der Frage, ob das System genügend Informationen liefert, besser ab, wird aber von den Verbrauchern für deutlich komplizierter und verwirrender gehalten als der Nutriscore. Insbesondere Menschen mit geringerer Bildung, die besonders stark von Fehlernährung betroffen sind, bewerteten den Nutriscore als hilfreich für die Auswahl gesunder Lebensmittel.

Ministerin Klöckner aber tut sich schwer damit. Sie weist immer wieder darauf hin, sie sei "kein Freund der Ampel" - die sei zu simpel gedacht und könne die Verbraucher sogar täuschen, weil etwa frischgepresster Orangensaft aufgrund seines Zuckergehalts eine rote Kennzeichnung bekäme, während die Light-Limonade daneben mit grünem Siegel aufwarte. Zudem sei es der falsche Weg, "dass wir einzelne Rohstoffe zum Sündenbock für Fehlernährung machen". Nötig sei eine Gesamtstrategie zum Reduzieren von Kalorien.

Die Argumentation der Ministerin entspricht der der Industrie. So teilt der Lebensmittelverband Deutschland mit, mit einem Ampelsystem sei eine zutreffende Einordnung eines Produktes und seiner Bedeutung für die Gesamternährung "nicht möglich". Zudem spielten für die Entstehung von Übergewicht neben dem Ernährungsverhalten "insbesondere die genetische Veranlagung sowie sozioökonomische Faktoren" eine Rolle. Das Unvermögen, die Nährwertzusammensetzung eines Lebensmittels richtig einzuordnen, sei, "wenn überhaupt", dabei nur "ein kleiner Teil".

Die Konzerne wehrten sich "mit aller Kraft" gegen die Kennzeichnung, sagt Louise Molling, Campaignerin bei Foodwatch, auch wenn viele Hersteller inzwischen begriffen hätten, dass die Verbraucher pro Ampel seien und diese im Vergleich zu Steuererhöhungen oder schärferen Standards "die weniger schmerzhafte Variante" bilde. Als es vor einigen Jahren um die Einführung einer europäischen Kennzeichnung gegangen sei, hätte die Industrie in einer "beispiellosen Abwehrschlacht" eine Milliarde Euro aufgewendet - mit Erfolg. Seither sind nur nationale Modelle, die auch nicht verpflichtend, sondern lediglich freiwillig sind, denkbar.

Was es heißt, wenn es nicht einmal die gibt, hat der Hersteller Iglo im April erfahren: Weil er einige seiner Produkte auch in Deutschland mit dem Nutriscore auszeichnet, hatte der "Schutzverband gegen Unwesen in der Wirtschaft" eine einstweilige Verfügung beantragt - und vor dem Landgericht Hamburg Recht bekommen. Dieses Urteil sei nur möglich gewesen, weil Ministerin Klöckner für den Nutriscore, der in Frankreich einwandfrei funktioniere, nicht die Erlaubnis bei der EU-Kommission eingeholt habe, moniert Foodwatch. Solange sie kein eigenes System vorlegt, bleibt die Lebensmittelampel in Deutschland abgeschaltet.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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