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Alexander Weinlein
Rein in die Tonne, raus aus der Tonne

Rund 13 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland auf dem Müll

Wirklich wohl war dem Richter des Amtsgerichts Fürstenfeldbruck nicht: "Es gefällt mir nicht, dass ich Sie verurteilen muss, aber ich bin gezwungen", begründete er Ende Januar 2019 sein Urteil gegen zwei Studentinnen, die Lebensmittel aus dem verschlossenen Müllcontainer eines Supermarktes im oberbayerischen Olching geholt hatten. Das Gericht erkannte darin einen gemeinsam begangenen Diebstahl und verhängte eine Strafe von jeweils 225 Euro und acht Sozialstunden bei einer Tafel. Die Geldbuße müssen die beiden jungen Frauen jedoch nur bezahlen, wenn sie sich innerhalb einer zweijährigen Bewährung etwas zuschulden kommen lassen.

Laut eigener Aussage wollten die Studentinnen mit ihrer Aktion ein Zeichen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln setzten, die noch genießbar sind. Bei einigen der Lebensmittel aus dem Container sei nicht einmal das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen gewesen.

Es war nicht der erste Prozess in Deutschland wegen sogenannten Containerns und es wird voraussichtlich auch nicht der letzte gewesen sein. Anfang Juni scheiterte Hamburgs Justizsenator Till Steffen (Grüne) bei einem Treffen der Justizminister der Ländern mit seinem Vorstoß, das Mitnehmen weggeworfener Lebensmittel aus Abfallbehältern nicht länger als Straftat zu ahnden. Jedes Jahr würden in Deutschland Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, klagte Steffen. "Dass Menschen auch noch strafrechtlich verfolgt werden, die beim Containern gegen diese Verschwendung aktiv werden, halte ich für falsch."

Der Handel zeichnet allerdings nur für den kleinsten Anteil der beklagten Lebensmittelverschwendung verantwortlich. Von den 12,7 Millionen Tonnen, die in Deutschland jährlich weggeworfen werden, entfallen auf den Handel mit 493.000 Tonnen lediglich vier Prozent. So hat es ein Forscherteam vom Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft der Universität Stuttgart für das Jahr 2015 errechnet.

Privathaushalte Hauptverantwortlich für das hohe Lebensmittelabfallaufkommen sind die privaten Haushalte: Sie verursachen mit 6,96 Millionen Tonnen 55 Prozent der Abfälle, hinzu kommen 1,7 Millionen Tonnen durch den Außer-Haus-Verzehr. Rund 85 Kilogramm an Lebensmitteln wirft jeder Deutsche pro Jahr in den Mülleimer. Weitere 2,2 Millionen Tonnen entfallen auf die Lebensmittelverarbeitung und 1,4 Millionen Tonnen auf die Landwirtschaft.

Die Gründe für das Wegwerfen von Lebensmitteln sind vielfältig: Falsche und zu große Einkäufe, unsachgemäße Lagerung oder fehlendes Wissen über die Bedeutung des auf Verpackungen angegebenen Mindesthaltbarkeitsdatums, das eben kein Verfallsdatum ist, sondern mit dem die Industrie lediglich bestimmte Eigenschaften wie Geschmack oder Geruch bis zu einem Datum garantiert. Zwischen sechs und acht Millionen Tonnen Abfall wären nach Berechnungen der Stuttgarter Forscher vermeidbar.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) will nun verstärkt gegen die Verschwendung von Lebensmitteln vorgehen. Bis 2030 soll die Menge an Abfällen halbiert werden. So sieht es ihre "Nationale Strategie" vor, die sie im Februar durch das Kabinett brachte. Um das Ziel zu erreichen, setzt Klöckner vor allem auf Information und Freiwilligkeit bei Produzenten, Handel und Verbrauchern. So soll die bereits 2012 gestartete Informationskampagne "Zu gut für die Tonne" weiter ausgebaut werden, das Thema auf den Lehrplan von Schulen und Kitas gesetzt und gemeinsam mit Industrie und Handel neue Konzepte zur Vermeidung von Abfällen entwickelt werden. Teil der Strategie ist auch eine Forschungsförderung in Höhe von 14 Millionen Euro. So sollen beispielsweise "intelligente" Verpackungen entwickelt werden, die die Haltbarkeit von Lebensmitteln anzeigen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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