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KLIMA
Alexander Heinrich (mit dpa)
Mehr Dürren, mehr Regen

Forscher warnen, dass der globale Temperaturanstieg die Ernährungssicherheit untergräbt und Armut zementiert

Eine wachsende Weltbevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen ist eine gewaltige Herausforderung - durch den Klimawandel wird sie noch größer. In seinem Mitte August veröffentlichten Sonderbericht zum Zusammenhang zwischen Klimawandel und Landnutzung dringt der Weltklimarat IPCC auf eine Umkehr zu nachhaltigeren Anbaumethoden in der Landwirtschaft und einen besseren Waldschutz im globalen Maßstab.

Dürren Die Autoren des Berichts, 107 Forscher aus 52 Ländern, gehen unter anderem davon aus, dass die Zahl, Dauer und Intensität von Hitzewellen sowie Dürren zunehmen werden. In vielen Regionen würden zudem häufiger extreme Regenfälle vorkommen. Zugleich sieht der IPCC Gefahren für die Versorgung mit Lebensmitteln. "Die Stabilität des Nahrungsmittel-Angebots wird voraussichtlich sinken, da das Ausmaß und die Häufigkeit von Extremwetter-Ereignissen, die die Lebensmittelproduktion beeinträchtigen, steigen wird."

Es geht laut IPCC nun auch darum, die gesamte Kette der Erzeugung und des Konsums von Nahrungsmitteln zu überdenken. Eine eindeutige Empfehlung für vegetarische Kost wollen die Autoren nicht abgeben, werben aber letztlich für eine ausgewogene Ernährung, die verstärkt auf Gemüse und Getreide setzt. Die Zucht von Schweinen und Rindern benötigt mehr Platz, zudem entstehen mehr Treibhausgase als beim Anbau der gleichen Menge von Proteinen in Bohnen oder Linsen.

23 Prozent der durch den Menschen verursachten Treibhausgase gehen laut Weltklimarat auf das Konto von Landwirtschaft und Landnutzung. Vor allem die Rodung von Wäldern und Umwandlung von Grünland in Ackerland, der Ausstoß der Klimakiller Lachgas aus Mineraldüngung sowie Methan durch Nutztiere und Nassreisanbau sind dafür verantwortlich.

Einerseits ist die Landwirtschaft einer der größten Treiber der Erderwärmung, andererseits verstärkt der Klimawandel auch den Druck auf die ohnehin schon belasteten Landökosysteme und -ressourcen. Die Verfasser des Weltagrarberichts des von Vereinten Nationen und Weltbank initiierten Weltagrarrates (IAASTD) gingen bereits 2008 davon aus, dass Wetterextreme vor allem Afrika, den Süden Asiens und Lateinamerika besonders hart treffen werden. Während die Landwirte in den Industrieländern der höheren Breitengrade für Anpassungen an den Klimawandel relativ gut gewappnet seien, sei die Adaptionsfähigkeiten der Betriebe in Trocken- und in Tropenzonen weit weniger ausgeprägt: "Das liegt an grenzwertigen Produktionsbedingungen, armutsbedingten Beschränkungen und fortschreitender Bodenerosion. Besonders betroffen sind Subsahara-Afrika, zentral- und Westasien und Nordafrika."

Andererseits betrachtet der Weltagrarrat die in diesen Regionen häufig arbeitsintensiven und kleinteiligen Strukturen als in der Regel klimafreundlicher als industrielle Monokulturen; dazu zähle auch der lokale und direkte Verbrauch im Vergleich zu aufwändigen Transport-, Verarbeitungs- und Kühlketten. Riesiges Potenzial sieht der Weltagrarbericht in einer klimaschonenderen Bodenbewirtschaftung: Ackerland solle nicht brach liegen, stetig begrünt sein und nicht mehr und nicht tiefer gepflügt werden als nötig. Ein systematische Aufbau des Humusgehaltes speichere nicht nur Kohlenstoff im Boden, sondern erhöhe zugleich dessen Fruchtbarkeit und die Fähigkeit, Wasser zu speichern. Erntereste sollten laut Bericht hierfür in den Boden eingearbeitet werden anstatt offen zu verrotten oder zu verbrennen.

Kluft Trotz solcher Vorschläge: Entwicklungsländer bleiben besonders verwundbar für durch den Klimawandel womöglich steigende Nahrungsmittelpreise, da ihre Einwohner in der Regel deutlich mehr ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel ausgeben als die Bewohner der Industriestaaten. Die Klimaerwärmung dürfte bestehende Armut zementieren und das Wohlstandsgefälle zwischen Nord und Süd noch vertiefen. Und das bedeutet nichts anderes, als dass ausgerechnet jener Teil der Welt, der am wenigsten zum Treibhausausstoß beigetragen hat und beiträgt, am heftigsten von den Folgen dieses Ausstoßes betroffen sein dürfte.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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