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Bio-Landwirtschaft
Jan Grossarth
Ohne Garantie

Sie soll das Klima schonen, Lebensmittelknappheit verringern und eine artgerechtere Tierhaltung ermöglichen. Doch die Verbraucher müssen genau hinschauen

Ist Bio-Landwirtschaft die Lösung - für den Hunger in der Welt und das Klima? Das ist so pauschal kaum zu beantworten. Bio-Landwirtschaft unterscheidet sich zunächst vor allem darin von der sogenannten konventionellen Landwirtschaft, dass sie sich am Erhalt oder Aufbau eines vielfältigen Bodenlebens orientiert. Der Humusgehalt des Ackers soll erhalten werden und damit auch ein relativ großes Vorkommen an Bodenpilzen, Mikroorganismen und Würmern, die sich von organischen Reststoffen ernähren. Biobauern düngen deshalb verstärkt mit stickstoffbindenden Zwischenfrüchten oder mit Mist, jedoch nicht mit chemisch synthetisiertem Stickstoffdünger. Auch die Gaben von Phosphor, das alle Pflanzen zum Wachsen benötigen, wird von Anbauverbänden wie Demeter, Bioland, Naturland oder auch nach den EU-Ökorichtlinien stark eingeschränkt.

Im Vergleich zu einer Landwirtschaft, der solche Mittel zu Verfügung stehen, ist Bio-Landwirtschaft eine Mangelwirtschaft. Die Nährstoffe sind knapper, als es sein müsste. Weswegen Bio-Landwirtschaft - isoliert betrachtet - am wenigsten einen Beitrag leisten kann, um die global stark wachsende Weltbevölkerung in Zukunft ernähren zu können. Die Erträge je Hektar Land sind, je nach Fruchtart und Standort, etwa zehn bis 50 Prozent niedriger als die im konventionellen Ackerbau.

Selbst die Millionen Kleinbauern in den ärmsten Ländern der Welt sind längst nicht immer ,,Biobauern". Sie haben zwar keine Traktoren und nicht mal Geld für Zugochsen - aber Kunstdünger bekommen sie über staatliche Förderprogramme, so etwa in Sambia und anderen Staaten südlich der Sahara. Im Gegenzug liefern sie Mais, einen Stickstoff-Fresser sondergleichen.

Die Frage der Welternährung kann sinnvollerweise nicht isoliert betrachtet werden - jenseits von politisch bestimmten Handelsstrukturen etwa oder der Kaufkraft der Hungernden oder Mangelernährten. Etwa ein Drittel der Ernten vergammelt selbst in den Dörfern der Ärmsten. Mindestens so sehr wie ein Mengenproblem gibt es also eines der Logistik. Noch mehr hakt es an der Anbindung an kaufkräftige Märkte. Deswegen kann es für arme Bauern viel vorteilhafter sein, statt Mais Bio-Obst oder Nüsse für den Export zu ernten.

Steigende Anteile In Deutschland steigt der Anteil der Bio-Landwirtschaft seit einigen Jahren rapide an. Mehr als neun Prozent der Fläche wird laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung nach ökologischen Kriterien bewirtschaftet. Vor zehn Jahren war es etwa halb so viel. Gut 12 Prozent der verbliebenen 260.000 landwirtschaftlichen Betriebe wirtschaften inzwischen ökologisch. Ein Grund dafür ist, dass die reine Spezialisierung auf global gehandelte "Agrar-Commodities" wie Weizen oder Mais seit Jahren zu einem beschleunigten Höfesterben führt. Die vier "Global Player" Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und Dreyfus kontrollieren den Welthandel, in Deutschland kommen Baywa und Agravis hinzu. In vergleichbare globale Handelswege gehen Milch und Fleisch aus konventioneller Erzeugung. Die deutschen "Wachstums-Betriebe" sind, weil sie immer teurere Landmaschinen benötigen und mit immer weniger Menschen arbeiten, stark auf Bankkredite angewiesen und gehen häufig pleite.

Die Bio-Landwirtschaft wartet hingegen mit dem Versprechen auf, dass Tiere und Feldfrüchte zusammen gedeihen und es den Tieren besser ergeht. Doch auch hier sind kritische Fragen an die Bio-Erzeuger angebracht, etwa in Bezug auf die Anbindehaltung in Bayern, die Trennung von Kälbern und Kühen nach einigen Tagen und eine Reihe an Ausnahmen für Biobauern für die Verwendung konventionell "hochgezüchteter" Tierrassen oder Feldfrüchte.

Man müsste Experte sein, um hier als Verbraucher den Überblick zu behalten. Wem daran gelegen ist, einen bäuerlichen Betrieb zu unterstützen, der eine Geschichte hat und hinter dem haftende und "bäuerlich bleiben wollende" Eigentümer stehen, den führt eine Orientierung am Bio-Siegel aber meist nicht in die Irre.

Bisher ist es außerdem tatsächlich so, dass Bio-Landwirtschaft dem Weltklima nützt. Stärker als andere Methoden ist sie daran orientiert, dass Böden humusreich bleiben. Je mehr Leben im Boden ist, desto mehr organische Nährstoffe können verarbeitet werden - also als Kohlenstoffdioxid im Boden bleiben. Die Erdgas-basierte Stickstoffdüngung entfällt. Die Lachgas-Emissionen sind im Falle von organischer Düngung ebenfalls niedriger, wie das Schweizer Forschungsinstitut Fibl ermittelt hat.

Betrachtet man allerdings die globale Erntemenge als gegeben, und berücksichtigt man die deutlich geringeren Flächen-Erträge der Biolandwirtschaft, ergibt sich ein komplizierteres Bild. Denn um die Welt mit Bio-Produkten zu ernähren, müssten weitere Wälder und naturbelassene Flächen, also wertvolle Kohlenstoffdioxidspeicher, in die (bio-)landwirtschaftliche Nutzung genommen werden. Insgesamt wäre eine globale Ausweitung des Bio-Landbaus demnach vergleichsweise klimaschädlich, wie eine 2018 in "Nature" veröffentlichte Studie ergab.

Ebenso komplex ist die Bewertung von Import-Früchten. Eine mit dem Flugzeug importierte Mango aus Brasilien kann eine bessere Klimabilanz ausweisen, als ein monatelang gekühlter regionaler Bio-Apfel. Am liebsten hat es Mutter Erde eben, wenn wir frische Äpfel aus unserem Garten essen.

Der Autor ist Journalist und Verfasser des im September 2019 erscheinenden Buches "Future Food, Die Zukunft der Welternährung".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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