Inhalt

Weinanbau
Johanna Metz
Prädikatsweine im Hitzesommer

Der Klimawandel beschert deutschen Winzern höhere Erträge und bessere Traubenqualität

Ausgerechnet die Rekordhitze ließ die deutschen Winzer jubeln: Im außergewöhnlich heißen und trockenen Sommer 2018 kelterten sie 38 Prozent mehr Wein als im Vorjahr, meldete Anfang August das Statistische Bundesamt. Auch die Qualität ließ nichts zu wünschen übrig - seit 2003 erhielten nicht mehr so viele deutsche Weine die höchste Qualitätsstufe.

Während andere Landwirte empfindliche Ernteeinbußen durch Hitze und Trockenheit hinnehmen müssen, sind die Winzer auch beim Jahrgang 2019 guter Dinge. "Bis dato nutzt der Klimawandel ihnen mehr, als dass er schadet", erklärt Monika Reule, Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts (DWI). Aufgrund der Erwärmung von durchschnittlich über einem Grad Celsius in den vergangenen 30 Jahren in den deutschen Anbaugebieten würden die Trauben höhere Reifegrade erreichen, "was letztendlich zu besseren Weinqualitäten führt". Alles prima also für die deutschen Winzer? Nicht ganz. "Der Anbau ist anspruchsvoller geworden", sagt Katharina Bausch, die zusammen mit ihrem Vater und ihrem Bruder das Weingut Hansi Bausch in Hattenheim im Rheingau betreibt. 16 Hektar Land bewirtschaften sie hier, die Region hat die größte Riesling-Dichte weltweit. "Wir spüren die Veränderungen. Der Jahrgang 2018 war gut, weil es im Winter zuvor viel geregnet hat und die Grundwasserspiegel hoch waren. Aber zwei, drei so trockene Jahre hintereinander wären sehr problematisch für uns", meint die 23-Jährige. Zuletzt seien die Brunnen in der Umgebung oft leer gewesen, das Familienuntermehmen werde mehr in Bewässerungsanlagen investieren müssen.

Für 20 oder 30 Jahre alte Reben, die bis zu 15 Meter tiefe Wurzeln haben, ist die Trockenheit im Boden nicht das größte Problem. Gefährlich sind für sie vor allem Wetterextreme wie Starkregen, Hagel und Spätfröste und neue Schädlinge, die aus dem Süden Europas einwandern. Den Trauben drohen außerdem Schäden durch Sonnenbrand.

"Bei der Neuanlage eines Weinbergs kann man Reben verwenden, die auf stärkere und tiefer wurzelnde Unterlagen gepfropft sind", berichtet Monika Reule. Dadurch können sie längere Trockenphasen besser überstehen. Viele Winzer installieren außerdem Tröpfchenbewässerungsanlagen in den Weinbergen oder weichen in höhere Lagen aus, in denen es kühler ist. Andere experimentieren mit südländischen Rebsorten wie Cabernet Sauvignon oder Merlot, die in Deutschland bisher keine Chance hatten. Und galt es bislang als oberste Winzerregel, dass nördlich des 50. Breitengrades keine Qualitätsweine mehr angebaut werden können, verschiebt sich der "Weinäquator" in Folge des Klimawandels mittlerweile nach Norden.

Grundlagenforschung An der Hochschule Geisenheim, an der auch Winzerin Katharina Bausch Weinbau studiert hat, will man die Auswirkungen erhöhter Kohlenstoffdioxid-Konzentrationen auf Anbau, Physiologie, Schaderregerbefall und Produktqualität von Weinreben und Gemüsekulturen genauer untersuchen. Zu diesem Zweck betreibt die Universität seit 2009 das weltweit einzigartige Langzeitprojekt "FACE". Zwei Rebsorten, Riesling und Cabernet Sauvignon, haben die Forscher hierfür ringförmig im Freiland gepflanzt. "Wir stellen die Kohlenstoffdioxidkonzentration des Jahres 2050 nach", erklärt der Präsident der Hochschule, Hans R. Schultz. Diese werde bei der aktuellen jährlichen Zunahme 20 Prozent höher ausfallen als heute. Erste Erkenntnisse haben die Forscher schon gewonnen. "Schädlinge, wie der Traubenwickler, reproduzieren sich schneller und die Larven sind um 25 Prozent größer", berichtet Schultz. Durch eine Erhöhung der Bodentemperatur werde zudem mehr Stickstoff freigesetzt, was zu stärkerem Wachstum und dickeren Trauben führe, aber auch die Fäulnisrisiken erhöhe. Insgesamt, beobachten Schultz und sein Team, würden die Trauben infolge des Temperaturanstiegs in Luft und Boden verlässlicher und früher reif, der natürliche Zuckergehalt sei hoch. Allerdings werde dadurch auch das Zeitfenster für die Ernte schmaler - und die Zahl der Helfer sei oft knapp. Beim Anbau neuer Reben müssten die Winzer zudem sehr genau überlegen, welche Rebunterlage die Pflanze in Zukunft am besten schützen wird.

Bislang sieht Schultz die klimatischen Entwicklungen in Bezug auf den deutschen Weinbau eher positiv. "In den 1980er Jahren war deutscher Wein eine qualitative Katastrophe. Doch seit 1987 hatten wir keine wirklich schlechten Jahrgänge mehr." Auch Katharina Bausch blickt trotz aller Herausforderungen optimistisch in die Zukunft. "Es gibt viel Sonne und viel Zucker in den Trauben, das bedeutet Spätlesequalität im Keller."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag