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Asien
Christiane Kühl
23 Millionen Hektar Reisfelder bedroht

Bauern leiden massiv unter Wetterextremen

Vor knapp vier Jahren stand das Wasser knietief auf den Straßen der ostindischen Metropole Chennai; 1,8 Millionen Menschen im Bundesstaat Tamil Nadu mussten bei der schlimmsten Überschwemmung der Geschichte infolge eines Zyklons ihre Häuser verlassen. Seit damals regnet es kaum noch, der Monsun kam dieses Jahr zu spät und zu schwach; die Bauern in Tamil Nadu leiden nun unter einer anhaltenden Dürre.

Tamil Nadu ist nur ein Beispiel für die immer wilderen Wetterkapriolen in Asien. Flut, Wirbelstürme und Trockenheit hat es hier immer gegeben. Doch der Klimawandel verstärkt diese Phänomene. Im seit jeher ariden Nordchina etwa werden die Dürreperioden mit jeder Dekade schlimmer. 2016 verzeichneten Thailand und andere Länder Südostasiens eine gewaltige Hitzewelle mit extremer Dürre. Die Reisernte brach ein; ins vietnamesische Mekong-Delta - die Reiskammer des Landes - drang Salzwasser, da aus den Flüssen zu wenig Wasser herabströmte.

Gegenmaßnahmen Letztlich kann niemand jede Dürre oder Überschwemmung allein dem Klimawandel zuschreiben - doch alle Experten sehen einen klaren Zusammenhang. In China etwa, wo sich im Norden die Wüsten ausbreiten, Staubstürme bis nach Peking blasen und ganze Flusssysteme austrocknen, würde niemand den Klimawandel leugnen. Die Auswirkungen von Erosion und Verwüstung versucht die Regierung mit verschiedenen Maßnahmen zu bekämpfen. Herzstück ist eine gigantische Aufforstungskampagne, die so genannte "Große Grüne Mauer", die noch bis 2050 läuft und die Sandstürme durchaus reduziert hat. In den Steppen wurde zudem das freie Grasen von Schafherden verboten, damit dort wieder Grasland entstehen kann. Auch die Bewässerungsssysteme sollen besser werden. "Wir schätzen, dass in China fast die Hälfte des zur Bewässerung eingesetzten Wassers verloren geht", sagt Rabindra Ostri, Senior Water Resources Specialist für Ostasien bei der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) in Manila. In China und anderen Ländern sei Wasser für die Landwirtschaft zu billig - und damit der Anreiz zum Wassersparen minimal.

In Südost-und Südasien dagegen folgen auf Dürreperioden oftmals direkt Überschwemmungen. Das liege auch daran, dass der harte Boden nach einer Trockenphase weniger Wasser aufnehme, sagt Ostri - wodurch das Flutrisiko bei Einsetzen des Regens steigt. Monokulturen fördern diesen Effekt noch. "Wir glauben daher, dass der Umstieg auf Bio-Anbau ein wichtiger Teil der Lösung ist - denn dann bleibt der Boden gesund und kann während einer Trockenphase mehr Wasser speichern", sagt Zhang Jing, Senior Campaigner für Landwirtschaft bei Greenpeace East Asia.

In Asien wachsen 90 Prozent der weltweiten Reisproduktion. Extreme Wetterlagen belasten nach Angaben des International Rice Research Institute (IRRI) mit Sitz auf den Philippinen rund 30 Prozent der 700 Millionen Armen in den riesigen Reisanbaugebieten des Kontinents. Laut IRRI sind 23 Millionen Hektar Reisfelder in der Region regelmäßig von Dürren betroffen. "Dass diese Veränderungen durch den Klimawandel kommen, ist vielen Bauern nicht bewusst", sagt Zhang Jing. "Sie leiden einfach nur darunter." Viele würden bei Trockenheit Brunnen graben, sagt ADB-Experte Ostri. Aber damit verschärften sie die Lage nur, da der Grundwasserspiegel weiter falle.

Das IRRI forscht derweil nach widerstandsfähigeren Reissorten und entwickelte - teils mittels Genforschung - neue Sorten, die besser mit Dürre, Überflutung oder Salzwassereinfluss klarkommen. Diese werden bereits in mehreren Ländern angebaut, darunter Indien, Nepal, Bangladesh und die Philippinen. Auch so manche existierende Tradition lokaler Bauern erscheint als mögliche Lösung - wäre sie denn überall bekannt. So etwa die "salibu"-Anbaumethode in Indonesien, bei der Reispflanzen mehrfach verwendet werden. "Nach der Ernte werden die Pflanzen nicht herausgerissen, sondern sie dürfen erneut ausschlagen. Dabei wird viel weniger Wasser gebraucht als beim Anbau neuer Pflanzen", erzählt Experte Ostri. In Thailand und Kambodscha wirtschaften einige Bauern gemäß dem 1980 in Madagaskar entdeckten "Reis-Intensivierungssystem" (SRI). Mit weniger Setzlingen pro Quadratmeter und feuchtem Untergrund statt knietiefem Wasser braucht der SRI-Anbau laut der Cornell-Universität nicht nur 50 Prozent weniger Wasser, sondern erzielt auch mit weniger Pflanzen deutlich höhere Erträge.

Damit setzt SRI gleich bei einem weiteren Problem an: Reis leidet nicht nur unter dem Klimawandel, sondern erzeugt ihn auch; aus den Nassreisfeldern steigt Methan auf, das etwa 30 Mal klimaschädlicher ist als Kohlendioxid. Sie verursachen so rund 1,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Weil bekannt ist, dass weniger Wasser in den Feldern weniger Methan-Emissionen bedeutet, betreibt auch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Thailand Projekte zum nachhaltigen Reisanbau.

Besseres Verständnis Die Tropen sind laut einem Bericht des Weltklimarats IPCC besonders anfällig für Ertragsminderungen infolge des Klimawandels. Gerade in den Küstenregionen von Bangladesch und den Philippinen droht ihm zufolge durch Wirbelstürme und steigende Meeresspiegel zunehmende Bodendegradation und Versalzung. Die betroffenen Bauern bräuchten Hilfe, betont Greenpeace-Spezialist Zhang - auch um zu verstehen, was sie besser machen könnten.

Die Autorin ist Korrespondentin in Peking.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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