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Claus Peter Kosfeld
Die Form wahren

Der menschliche Körper ist anspruchsvoll und benötigt hochwertige Nahrung, sonst wird er krank

Die Auswirkungen der Nahrung auf unsere Gesundheit sind vielfältig und nicht immer günstig. Das hängt zum einem mit der unterschiedlichen Qualität der Lebensmittel zusammen, aber auch mit Essroutinen, die sich nicht am Hunger orientieren, sondern am Appetit und an der verbreiteten Systemgastronomie. Zumindest in den Industriestaaten ist Unterernährung gewöhnlich kein Thema mehr, dafür jedoch der schiere Überfluss, der Leute dazu bringt, wesentlich mehr zu essen, als gesund wäre. Die Folge ist eine rapide Zunahme an Frauen, Männern und Kindern mit Übergewicht. Dies wiederum kann zu schwerwiegenden chronischen Erkrankungen sowie einem erhöhen Krebsisiko führen und damit auch zu einer dauerhaft medizinischen Behandlung und perspektivisch zu einer geringeren Lebenserwartung.

Energiebilanz Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) spricht von einer "übermäßigen Zufuhr" an Nährstoffen. Probleme entstehen, wenn die Energiebilanz durcheinander gerät, wenn also wesentlich mehr Kalorien aufgenommen als benötigt werden. Der Körper bezieht seine Energie aus den Makronährstoffen Kohlenhydrate (Saccharide), Eiweiße (Proteine) und Fette (Lipide), auf die je nach Belastung unterschiedlich schnell zurückgegriffen wird, auf das subkutane Fett zuletzt, denn das ist sozusagen die eiserne Reserve. Studien zeigen, dass besonders das viszerale Bauchfett problematisch ist, weshalb der Taillenumfang als Gradmesser für das Gesundheitsrisiko angesehen wird. Bei Männern liegt die kritische Grenze im Schnitt bei 102 Zentimetern, bei Frauen sind es 88 Zentimeter.

Daneben sind für den Körper die Mikronährstoffe bedeutend: Vitamine, Mineralstoffe wie Natrium, Kalium oder Magnesium sowie Spurenelemente, die in geringeren Mengen vorkommen, wie Eisen, Jod oder Fluorid. Auch bei Mikronährstoffen muss die Bilanz stimmen, zu viel Salz erhöht den Blutdruck mit allen schädlichen Begleitern, ohne Natrium und Chlorid (Natriumchlorid ist Kochsalz) kann jedoch der Wasserhaushalt nicht reguliert werden. Jodmangel führt zu Erkrankungen der Schilddrüse. Ein Mangel an Kalzium und Vitamin D fördert Osteoporose, Milch enthält Kalzium. Ohne Vitamin C (Ascorbinsäure), das der Körper selbst nicht herstellen kann, drohen Mangelerscheinungen (Skorbut), überdosiertes Vitamin C hilft dem Körper aber nicht weiter, weil es ungenutzt ausgeschieden wird.

Folgekrankheiten Eine unausgewogene Energiebilanz erhöht laut BfR in Kombination mit Bewegungsmangel das Risiko für Störungen des Stoffwechsels. Mögliche Folgen: Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Arteriosklerose, Diabetes Typ 2 sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wenn mehr Energie aufgenommen als verbrannt wird, lagert sich Fett an. Übergewicht oder in extremen Fällen Fettleibigkeit (Adipositas) kann durch genetische Veranlagungen begünstigt werden, vielfach ist jedoch kalorienreiche Nahrung der Grund einschließlich zuckerreicher Getränke.

Fastfood erfüllt alle Voraussetzungen, um Menschen dick und krank zu machen, wie Studien zeigen, und stellt für den Körper einen Frontalangriff dar. Wenn eine traditionelle, oft hochwertige regionale Küche durch massenhaft produzierte Fertiggerichte minderwertiger Qualität ersetzt wird, und das in allen Weltregionen, ist das unter medizinischen Gesichtspunkten dramatisch. Fertigpizza, Burger, Eis, Pommes und Cola haben eines gemeinsam: wenig bis gar keine Vitamine, dafür übermäßig viel Fett, Salz, Zucker und künstliche Phosphate.

Wer regelmäßig auf Fastfood und Softdrinks zurückgreift, muss mit schweren Mangelerscheinungen rechnen, mit organischen Schäden (Fettleber) und vor allem mit mehr Gewicht. Manche Ärzte sprechen von einer epidemischen Entwicklung (siehe auch Interview) und raten dazu, Kinder von Fastfood konsequent fernzuhalten.

Symptome wie Übergewicht, ein gestörter Stoffwechsel und hoher Blutdruck treten oft gemeinsam auf und werden in der Kombination auch als "metabolisches Syndrom" bezeichnet. Jede einzelne dieser Störungen kann im Krisenfall zum Infarkt oder Schlaganfall führen, wobei die Wirkung nicht einfach addiert, sondern gleich potenziert wird. Nach Angaben der Techniker Krankenkasse (TK) entwickelt schätzungsweise ein Viertel der deutschen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens ein metabolisches Syndrom. Das beste Mittel gegen ernährungsbedingte Krankheiten ist eine ausgewogene Mischkost mit Obst und Gemüse sowie ausreichend viel Bewegung.

Bewegung Der Kalorienbedarf ist individuell und hängt neben Aktivitäten auch vom Lebensalter und Geschlecht ab. Der Energiebedarf ist bei Männern größer als bei Frauen, bei Jüngeren größer als bei Älteren. Der Körper braucht ständig Energie, auch im Schlaf, um das Gehirn, das Herz-Kreislauf-System und den Stoffwechsel in Gang zu halten.

Um den durchschnittlichen Kalorienverbrauch zu ermitteln, werden Aktivitäten zu einem Metabolischen Äquivalent (MET) zusammengefasst. Ein MET entspricht einer Kilokalorie (kcal) pro Kilogramm Körpergewicht pro Stunde. In Ruhestellung verbrennt ein 70 Kilogramm schwerer Mann somit etwa 70 kcal pro Stunde (1 MET). Ruhiges Gehen verbraucht drei MET, Radfahren bis zu zehn MET, Joggen bis zu zwölf MET.

Die sportlichen Aktivitäten der meisten Menschen sind aber nicht ausgeprägt, weshalb Übergewicht eher die Regel als die Ausnahme ist, auch schon unter Kindern. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sind in Deutschland rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche oder 15 Prozent dieser Altersgruppe zu dick, etwa 800.000 sogar fettleibig.

Die medizinischen Auswirkungen sind gerade in der Wachstumsphase vielfältig und reichen von der Fettleber über eine verzögerte (Jungen) beziehungsweise beschleunigte (Mädchen) Pubertät bis hin zu Schmerzen und Fehlstellungen an Gelenken. Stark übergewichtige Jugendliche werden außerdem häufig gehänselt, was depressive Symptome auslösen kann.

Übergewicht Noch ausgeprägter sind Übergewicht und Adipositas bei Erwachsenen. Das Robert Koch Institut (RKI) erhebt regelmäßig Daten zu dieser Problematik und analysiert neben der Häufigkeit auch mögliche Zusammenhänge mit Bewegung, Ernährung und sozialem Status. Laut einer RKI-Studie mit Daten aus den Jahren 2008-2011 sind in Deutschland 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen zu dick, rund ein Viertel der Erwachsenen ist adipös. Übergewicht und ein ungesunder Lebensstil sind Risikofaktoren für die Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus, die weltweit seit Jahren bei immer mehr Menschen diagnostiziert und von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eine der globalen Gesundheitsgefahren angesehen wird. Unterschieden wird bei Diabetes zwischen Typ 1 und Typ 2. Bei Typ 1 liegt eine vermutlich genetisch bedingte Autoimmunerkrankung vor, die dazu führt, dass insulinproduzierende Betazellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört werden. Es kommt zu einem absoluten Insulinmangel. Betroffen sind Kinder, die meisten Neuerkrankungen werden zwischen dem 8. und 12. Lebensjahr registriert.

Insulin ist ein lebenswichtiges Hormon, das benötigt wird, um Glukose (Zucker), also Energie, in die Zellen zu transportieren und dort verwerten zu können. Gelingt dies, sinkt der Blutzuckerspiegel ab, gelingt es nicht, kann es bei einem dauerhaft erhöhten Zuckerspiegel zu gefährlichen Begleiterscheinungen wie dem diabetischen Koma kommen. Eine solche Überzuckerung ist lebensgefährlich.

Altersdiabetes Bei Typ 2 handelt es sich um die sogenannte Altersdiabetes, weil zumeist Menschen ab 40 Jahren betroffen sind, es erkranken aber auch jüngere Leute. Rund 90 Prozent aller Diabetesfälle betreffen den Typ 2, bei dem sich im Laufe der Jahre eine Insulinresistenz herausbildet, die zu einem relativen Insulinmangel führt. Zwar wird zunächst ausreichend Insulin produziert, jedoch entfaltet es in den Zellen immer weniger Wirkung. Die Bauchspeicheldrüse reagiert mit vermehrter Produktion, bis sie überlastet ist. Die genauen Ursachen der Krankheit sind unbekannt, neben erblichen Faktoren gelten zu energiereiche Ernährung und ein ungesunder Lebensstil als Auslöser. Diabetes ist nicht heilbar, kann aber durch eine Diät und ausreichend Bewegung in ihren Auswirkungen begrenzt werden.

Globale Gefahr Die "Wohlstandskrankheit" Diabetes beschränkt sich keineswegs auf Europa, sondern verzeichnet global hohe Zuwachsraten (siehe Grafik), auch in Afrika und Asien. Nach Angaben der Internationalen Diabetes Föderation (IDF) waren 2017 rund 425 Millionen Menschen weltweit an Diabetes erkrankt, die Dunkelziffer ist hoch. Die Experten gehen davon aus, dass 2045 mit 629 Millionen Patienten zu rechnen ist. Die Krankheit verursachte laut IDF 2017 Kosten in Höhe von rund 727 Milliarden Dollar.

Manche Fragen zu Auswirkungen der Ernährung auf die Gesundheit sind noch nicht geklärt, aber die Menschen haben offenbar ein Gespür dafür, was gut und was ungünstig ist. Nach einer Umfrage des BfR halten die Deutschen Rauchen, Alkohol und eine ungesunde Ernährung neben der Umweltbelastung und dem Klimawandel für das größte Gesundheitsrisiko. Dies sei "ziemlich realistisch".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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