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ernährungsmediziner

»Übergewicht ist ein gefährlicher Trend«

Adipositas sollte als Krankheit anerkannt und langfristig therapiert werden

Herr Laudes, sind die Menschen in Deutschland wirklich zu dick?

Seit einigen Jahren leben in Deutschland mehr übergewichtige und adipöse Menschen als Normalgewichtige, rund 52 Prozent. Das zeigt einen gefährlichen Trend an, weil Adipositas eine Erkrankung mit vielen Komplikationen ist und weil das Risiko für die Typ 2-Diabetes damit ansteigt.

Woran liegt das?

Dahinter stehen evolutionär konservierte Verhaltensweisen. Wir haben Mechanismen entwickelt, Energie zu sparen, weil es in der Evolution Phasen gab mit wenig Essen. Wir kennen viele genetische Polymorphismen (Genvarianten), die mit Übergewicht assoziiert sind. Entscheidend ist eine zentrale Hirnregion, der Hypothalamus, wo die Appetit- und Sättigungsgefühle reguliert werden. Polymorphismen sorgen dafür, dass wir nicht schnell satt werden. Das war vor 10.000 Jahren sinnvoll. Die Umwelt hat sich aber schnell verändert mit einem Überangebot an kalorienreicher Nahrung. Die evolutionäre Anpassung läuft viel langsamer ab als die Umweltveränderungen. Deswegen sind wir in diesem Gen-Umwelt-Dilemma. Patienten wissen viel über Ernährung, verhalten sich aber nicht danach, weil der Hypothalamus unbewusst dagegen arbeitet.

Wie kann man Patienten helfen?

Stark Übergewichtige müssen langfristig medizinisch begleitet werden. Dazu muss Adipositas als schwere ernährungsassoziierte Erkrankung verstanden werden. Derzeit gilt Adipositas nicht als Krankheit. Wir betreuen die Patienten langfristig, damit sie sozusagen lernen, den Hypothalamus zu kontrollieren. Das setzt geeignete Versorgungsstrukturen voraus, die es nicht überall gibt. Wir haben für unsere Tagesklinik auch lange gekämpft. Prävention ist wichtig, aber die Versorgung für Menschen mit ernährungsassoziierten Krankheiten muss besser werden.

Wie lässt sich ungesunde Ernährung medizinisch feststellen?

Man kann einzelne Faktoren bestimmen, wir können zum Beispiel Fettsäureprofile messen, wir können auch die Leberfunktion gut messen, um eine Leberverfettung zu erkennen. Manchmal ändert sich der Bedarf des Körpers. Bei Salz wird ja empfohlen, nicht mehr als sechs Gramm pro Tag zu sich zu nehmen. Wir haben hier aber auch schon ältere Patienten versorgt, die bei einem Wetterumschwung an einem gefährlichen Salzmangel litten. Den können wir auch messen.

Von welchen Ernährungsformen würden Sie abraten?

Es kommt immer darauf an, ob ein Essverhalten nur vorübergehend oder langfristig verändert wird. Wir würden davon abraten, dauerhaft ganze Makronährstoffe wegzulassen, etwa Kohlenhydrate wie bei der Atkins-Diät. Es ist aber kein Problem, sich vegetarisch zu ernähren. Bei der veganen Ernährung kann es zu einem Mangel an B-Vitaminen kommen. Wir würden das nicht empfehlen, allerdings sehen wir im Alltag weniger Probleme damit, weil die Leute meist gut informiert sind und wissen, wie sie den Mangel ausgleichen können.

Das Hauptproblem ist die kontinuierlich erhöhte Kalorien- und Zuckerzufuhr über Jahre. Nicht nur Fastfood, auch Konserven beinhalten zu viel Zucker, weil der als Konservierungsmittel genutzt wird.

Wie kann die Ernährung zur Heilung von Krankheiten beitragen?

Die Ernährungsmedizin hat viele Möglichkeiten zur Bekämpfung von Krankheiten. Wenn jemand hohe Triglyzeride hat, also eine Fettstoffwechselstörung, wird das mit einer Diät therapiert. Wenn man sich harnsäurearm ernährt, senkt das bei Gichtpatienten den Harnsäurespiegel genauso stark wie ein Medikament. Bei Störungen des Salzhaushaltes kann eine Diät helfen. Bei Patienten mit Morbus Crohn empfehlen wir alternative Ernährungsweisen. Und natürlich bei Diabetes.

Ab wann sollte man mit Kindern über Ernährungsfragen sprechen?

Es geht nicht nur um Wissen, sondern um die Prägung von Verhalten. Studien zeigen, dass in der perinatalen Periode, um die Geburt herum, Verhalten schon trainiert wird. Gestillte Kinder haben eine bessere Essregulation als Flaschenkinder. Die perinatale Programmierung kann im Erwachsenenalter Probleme mit sich bringen. Bei Kindern werden auch über die Gabe von Süßigkeiten in den ersten Lebensjahren Verhaltensmuster festgelegt. Es gibt also keinen Punkt im Leben, an dem man nicht auf Ernährung achten sollte. Ernährung ist eigentlich ein Thema, das von der Geburt an eine Rolle spielt.

Das Gespräch führte Claus Peter Kosfeld

Professor Matthias Laudes ist Ernährungsmediziner am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH).

Aus Politik und Zeitgeschichte

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