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Ernährung
Claudia Heine
Unbequeme Fragen

Was auf den Tisch kommt, ist plötzlich wieder ein politisches Thema

Im Mittelalter war man nicht zimperlich: Die Gier nach Fleisch war groß, quer durch alle Gesellschaftsschichten. Ob Reh, Wildschwein oder Fasan - die damalige Oberschicht war verrückt nach Wildbret. Riesige Mengen an Fleisch zu verzehren, stähle den Körper, dachte man. Aber auch die Bauern und ärmeren Stadtbewohner hatten Lust auf Fleisch, mussten jedoch auf den guten Braten verzichten und sich stattdessen mit Siedefleisch, den Innereien oder anderen billigeren Teilen von Schwein, Rind oder Schaf begnügen. Die Kirche versuchte zwar, dieser Gier etwas entgegenzusetzen und verhängte bis zu 130 Fastentage pro Jahr und drastische Strafen für jene, die sich auch an diesen Tagen nicht beherrschen konnten: So wurde zum Beispiel im Merseburg des 11. Jahrhunderts "mit dem Ausbrechen der Zähne" bestraft, wer sich nicht an die kirchlichen Fastengebote hielt. Bekanntlich machte Not aber schon immer erfinderisch und so servierten Klosterköche auch schon mal einen in Fischform getarnten Rehrücken, um das Leid der Fleischliebhaber etwas zu lindern. Angeblich soll auch die bekannte schwäbische Maultasche auf einen Trick der Zisterziensermönche zurückgehen, die diese mit Fleisch gefüllten Teigtaschen kurzerhand als Mehlspeise ausgaben.

Zweifel an der Stabilität Heute wird der ungehemmte Fleischgenuss nicht mehr von kirchlichen Fastentagen bedroht. Gefahr droht stattdessen vom allgemein gestiegenen Gesundheits- und Umweltbewusstsein. Und wer da noch Nachhilfe benötigt, hat keine Probleme, diese von seinen Mitmenschen zu bekommen. Gerne wird sie mit erhobenem Zeigefinger erteilt, was bekanntermaßen erstmal Abwehrreflexe auslöst. Andererseits sind die Folgen einer auf Massenkonsum getrimmten Lebensmittelproduktion mittlerweile nicht mehr zu übersehen. Klima- und Naturkatastrophen ließen im vergangenen Jahr weltweit rund 29 Millionen Menschen hungern, erstmals seit Jahren gab es 2018 wieder mehr Hungernde auf der Welt als in den Jahren zuvor.

"Wir werden über die Veränderungen unser Gewohnheiten sprechen müssen, und da wird es schwierig", warnte etwa kürzlich der künftige Chef des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, in einem "Spiegel"-Interview. Er meinte damit auch, im Sinne der Nachhaltigkeit weniger Fleisch zu essen. Nach dem im August veröffentlichten Sonderbericht des Weltklimarates (IPCC) zur Erderwärmung forderten Umweltverbände gar eine "Revolution in der Agrarpolitik" und Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sprach sich dafür aus, dass die EU nur nachhaltiges Soja und Palmöl importiere. Vor dem Hintergrund der steigenden Erderwärmung hatte der IPCC einen schon heute messbaren starken Anstieg von Hitzewellen und Dürren beklagt und ein radikales Umsteuern bei der Landnutzung und der CO2-Belastung durch die Landwirtschaft gefordert. "Die Stabilität des Nahrungsangebotes wird voraussichtlich sinken, da das Ausmaß von Extremwetterereignissen, die die Lebensmittelproduktion beeinträchtigen, steigen wird", warnen die Experten. Es gehe auch darum, die gesamte Kette der Erzeugung und des Konsums von Nahrungsmitteln zu überdenken. Eine Ernährung, die verstärkt auf Gemüse und Getreide setze, könne dazu beitragen, die CO2-Emissionen wesentlich zu senken, lautet die Überzeugung der Forscher.

Abschied von Gewohnheiten Sind vielleicht Steaks aus dem Reagenzglas die Lösung? Zumindest scheinen das viele Verbraucher zu denken. Denn die Nachfrage nach veganen Ersatzprodukten, möglichst mit Fleischgeschmack, ist riesig. Ein Blick auf die Zutatenliste dieser künstlichen Burger müsste gesundheitsbewusste Verbraucher jedoch auch nachdenklich stimmen, denn sie enthalten viele Zusatz- und nur wenige wertvolle Inhaltsstoffe. Immerhin können sich auch 31 Prozent der Deutschen vorstellen, Nahrungsmittel zu kaufen, die aus Insekten bestehen. Oder sollten wir doch nur Gemüse essen? Was aber, wenn dies unter einer Plane in Spanien angebaut wurde, wo der Grundwasserspiegel aufgrund dieser wasserverschlingenden Großplantagen teilweise schon bedrohlich gesunken ist? Was, wenn ich mir das teurere Biogemüse vom Bauern aus dem Umland nicht leisten kann? Auf komplexe Probleme gibt es keine einfachen Antworten und trotzdem müssen wir Lösungen finden, um mit unserem Essen nicht nur uns, sondern auch der Umwelt nicht zu schaden.

Die Lösung kann nicht sein, dass wir jetzt alle wieder zur Selbstversorgung übergehen, das macht sich schlecht in einem Mietshaus mit vier Stockwerken mitten in der Großstadt. Das macht sich auch schlecht neben einer 40-Stunden-Woche im Büro. Ob der Bio-Apfel aus Chile tatsächlich sein muss, ob man im Winter unbedingt Erdbeeren essen muss, ob statt viermal in der Woche Fleisch zu essen vielleicht auch zweimal ausreicht, sind lohnende Fragen, die niemanden überfordern dürften. Aber Menschen sind bequem und verabschieden sich ungern freiwillig von liebgewonnenen Gewohnheiten - zum Beispiel von der Erwartung der ständigen Verfügbarkeit von allem Möglichen. Und so kommt es, dass in hiesigen Supermärkten 170.000 Produkte zu finden sind. Wer braucht das? Dies in Frage zu stellen, bedeutet jedoch, die Grundlage unseres Wirtschaftssystems, das nun mal auf Wachstum und Konsum beruht, in Frage zu stellen. Und da wird es dann wirklich unbequem.

Globaler Trend Auch wenn der Anteil der Biolebensmittel in den Supermärkten steigt - bisher spielen ökologische Aspekte beim Kaufverhalten der Deutschen eher eine untergeordnete Rolle. Wichtiger scheint der gesundheitliche Aspekt zu sein. Zumindest legt der Ernährungsreport 2019 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft das nahe. Demnach sind für die hiesigen Konsumenten mit 99 Prozent der Geschmack und mit 91 Prozent die Gesundheit die wichtigsten Kriterien beim Essen. Nur 28 Prozent geben an, täglich Fleisch und Wurst zu essen, 71 Prozent essen dagegen täglich Obst und Gemüse. Das klingt auf den ersten Blick nicht schlecht - ist aber ausbaufähig. Denn 23 Prozent der Befragten futtern auch täglich Süßigkeiten oder Kartoffelchips und so bringt auch Deutschland immer mehr Gewicht auf die Waage: Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen sind übergewichtig, von starkem Übergewicht sind ein Viertel der Erwachsenen betroffen. Auch immer mehr Kinder sind nicht nur etwas moppelig, sondern deutlich zu dick. Damit liegen die Deutschen im globalen Trend. 700 Millionen Menschen weltweit gelten als krankhaft fettleibig. Auch wegen des Trends, immer weniger selbst zu kochen und stattdessen auf verarbeitete Lebensmittel zurückzugreifen. Das hat nun auch die Politik erkannt und hofft, mit einer freiwilligen Vereinbarung die Hersteller dazu zu bringen, weniger Zucker, Salz und Fett in ihre Produkte zu rühren. Ob das ausreicht, ist offen. Bisher waren derlei Selbstverpflichtungen nicht sonderlich erfolgreich.

Jahrzehntelang schien es - in den westlichen Industriestaaten wohlgemerkt - völlig unnötig zu sein, dass sich die Politik mit dem Ernährungsverhalten der Bürger auseinandersetzen muss. Ernährung war Privatsache beziehungsweise Sache des freien Marktes und seines immer größer werdenden Angebotes - daran hatten sich in den vergangenen 70 Jahren alle gewöhnt. Es ist ja auch schön, nicht immer nur Äpfel, sondern auch Mangos essen zu können.

Historisch neu ist die politische Steuerung dieses Themas nicht. Meist ging es jedoch darum, eine Unterversorgung großer Bevölkerungsteile zu verwalten. Jahrhundertelang war der Mangel das Problem, auf das die politischen Eliten reagieren mussten. Schon im antiken Rom sollte 123 v. Chr. ein Getreidegesetz die Versorgung der Bevölkerung mit Getreide zu festgelegten Preisen garantieren. Doch nun befinden sich die Industriestaaten in der historischen Ausnahmesituation, sich erstmals mit den negativen Folgen des Überflusses beschäftigen zu müssen. Das muss nicht in eine neue Verbotskultur münden, doch die Ressourcen der Erde sind nun mal endlich. Es gibt Steuerungsmöglichkeiten und die sollte die Politik stärker nutzen. Auf die Mischung kommt es an - wie in jedem guten Rezept.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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